Briefspiel:Der Kunst einen Hof/Von Pinsel und Meißel: Unterschied zwischen den Versionen
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Niccolo begann das Bild wieder vorsichtig in das Leder einzuwickeln. ''“Natürlich finde ich es schade, dass sie dies uns nicht direkt so ausdrücken kann, aber auf eine gewisse Art und Weise hat sie mir uns kommuniziert, aber leider damit noch mehr Fragen aufgeworfen.”'' | Niccolo begann das Bild wieder vorsichtig in das Leder einzuwickeln. ''“Natürlich finde ich es schade, dass sie dies uns nicht direkt so ausdrücken kann, aber auf eine gewisse Art und Weise hat sie mir uns kommuniziert, aber leider damit noch mehr Fragen aufgeworfen.”'' | ||
Vorsichtig hob er das Bild an und klemmt es sich unter den Arm. ''“Wenn nichts dagegen spricht, würde ich es gerne in meinem Atellier aufbewahren, bis wir eine befriedigende Antwort haben und Signora Liaiell die Zeit geben, die sie benötigt.”'' Eine gewisse Enttäuschung war Niccolo schon anzusehen. ''“Ich werde ihr aber eine entsprechende Antwort durch die Blume zukommen lassen.”''<br> | Vorsichtig hob er das Bild an und klemmt es sich unter den Arm. ''“Wenn nichts dagegen spricht, würde ich es gerne in meinem Atellier aufbewahren, bis wir eine befriedigende Antwort haben und Signora Liaiell die Zeit geben, die sie benötigt.”'' Eine gewisse Enttäuschung war Niccolo schon anzusehen. ''“Ich werde ihr aber eine entsprechende Antwort durch die Blume zukommen lassen.”''<br> | ||
Es vergingen wieder einige Tage und Liaiell war ein weiteres Mal mit ihren Büchern beschäftigt, als es an der Tür zum Archiv klopfte.<br> | |||
Ohne eine Anfwort abzuwarten, öffnete ein junger Novize schwungvoll die Tür. ''“Li, das hier ist für dich. Von dem Signor, der vor einigen Tagen hier war.”'' Er stellte ihr eine kunstvoll mit Wellenmustern verzierte Blumenschale auf den Tisch. ''“Ich gehe dann wieder.”'', sprach der Junge und ließ Liaiell mit ihren Gedanken allein.<br> | |||
Da saß sie nun mit einem offenen Folianten, daneben das Pergament mit den von ihr niedergeschrieben Notizen, auf das jetzt die Tinte von der Spitze des Federkiels tropfte. Eine Blumenschale bestehend aus Ritterstern, Pfirsichblüte, Brunnenkresse und Jonquille. Flor Falar, sie hatte damit angefangen. <br> | |||
Kurz legte sie die Feder beiseite und betrachtete die Schale genauer. Sie ahnte schon beim Blick auf den Ritterstern, wer diese Person sein konnte. ''“Schön, doch scheu und still.”'' Der Herr schien Freude daran zu haben, das Offensichtliche zu wiederholen. ''“Ein Blumenplauderer”'' seufzte sie, bevor sie sich die anderen Blumen genauer ansah. Auch die Pfirsichblüte war nichts neues. Ja, sie hatte begriffen, dass er sie bezaubernd fand. Sie fand ihn ja auch niedlich. Aber die Pfirsichblüte mit anderen Blumen auf einem Teller zu servieren, machte aus diesem Kompliment automatisch ein ''“Du bist bezaubernd. ABER…”'' und die Brunnenkresse war auch gleich schon wie ein Luft holen zu verstehen. ''“Du entscheidest über mein Glück.”'' Darin lag auch eine Drohung. Noch finde ich dich bezaubernd, aber es liegt in deiner Hand, ob das so bleibt. Die vierte Blume würde normalerweise nun zeigen, ob er dann nur traurig oder wütend würde. So, wie sie die Menschen, die sich immer wieder ihren Rat für ihre persönlichen Probleme einholten, studieren konnte, so bemerkte sie auch, dass es immer das gleiche Muster war. Es kam meist auf jede Trauer die Wut, bevor daraus ein Verhandeln und schließlich irgendwann endlich die Akzeptanz wurde. Wohlan. Die Jonquille sollte entscheiden, ob sie Niccolo nun los war oder nicht. ''"Erwidere bitte meine Zuneigung.”''<br> | |||
Sie seufzte. Er war so niedlich, aber auch irgendwie… unerträglich devot. Was dachte er sich nur? Einmal am Strand gesehen und schon tat er, als sei er unsterblich verliebt und dem Untergang nahe, sollte diese Sache nicht erwidert werden. Ja, er hatte sich offensichtlich sehr bemüht, sie bereits kennenzulernen, das Bild war der Beweis dafür. Sicher meinte er es ernst. Aber dieses Geflehe wirkte schon etwas Weltfremd. Nun gut… es waren auch nur Blumen, die Möglichkeit, sich da auszudrücken, ist zugegeben beschränkt. Aber dennoch, Liaiell gefiel überhaupt nicht, auf welchen Sockel er sie da gerade stellte. Sie war keine Göttin. Auch wenn sie ihn wie auch immer verzaubert haben mochte, sah sie nicht, wie das für ihn gut enden könnte. <br> | |||
Sie dachte lange nach. Sie konnte ihn nun auch nicht einfach so in seinem Unglück schmoren lassen. Nachher würde das wirklich noch zur Wut. Sie musste irgendwie antworten. Aber da weder Worte, noch Blumen, noch Briefe angemessen schienen, um ihn irgendwie etwas zu norden, grübelte sie, was stattdessen wohl tun könnte, damit sie irgendwie seine Sprache sprechen konnte und ihm helfen könnte. Sie blickte auf die Folianten, das Tintenfässchen neben ihr. Den Artikel über die Physiologie des Manati, den sie gerade schrieb und die vielen leeren Blätter daneben. Dann griff sie zu Feder und einem leeren Blatt. <br> | |||
Einige Zeit später erreicht ein Bote Niccolo ya Pirras. Er erhält ein zusammengerolltes Stück Papier, auf dem nichts weiteres wie eine ziemlich gruselig amateurhafte Kritzelei und ein einzelner Satz zu sehen ist. | |||
[[Bild:Am gleichen Tisch sitzen.jpg|thumb|right|150px|Ein Denkanstoss von Liaiell di Camaro]] | |||
====Von den Mühen eine Muse zu überzeugen==== | |||
Am nächsten Morgen, nach dem Erhalt dieser Botschaft, machte sich [[Niccolo ya Pirras|Niccolo]], für seine Verhältnisse sehr früh, auf den Weg zum Leuchtturm. Mit dabei hatte er Notizbuch und mehrere Kohlestifte, um sich die Zeit des Wartens zu vertreiben. | |||
Nun, ein Gespräch auf gleicher Höhe wollte sie, also soll sie es auch bekommen. Warum er so davon überzeugt war, dass sie genau an die Stelle ihres zufälligen Treffens wiederkehren würde, wusste er nicht. Es war einfach so ein Gefühl. <br> | |||
Wieder war es windig, als er die Klippe hinauf stieg und wieder ging er vorsichtig den schmalen Weg hinunter zum Strand. Der Sand knirschte unter seinen Schuhen und ab und an musste er näher an die Klippe, bevor die letzten Ausläufer der Wellen ihn erreichten. Dann fand er einen Findling, auf dem er Platz nehmen konnte, auch wenn dieser feucht von der Witterung war. Er schaute sich um. Hier konnte sie ihn nicht sofort sehen und unbemerkt die Flucht ergreifen, wie vor einigen Tagen im [[Tempel vom güldenen Dreizack|Tempel]].<br> | |||
So saß er nun da und wartete und wenn es sein musste, würde er jetzt jeden Tag diesen Ort aufsuchen, bis sie erschien. | |||
Er öffnete sein Buch, griff nach einem Kohlestift und begann zu zeichnen.<br> | |||
Am ersten Tag zeichnete er vier Skizzen. Den Leuchtturm mit einer adretten Wolkenformation im Hintergrund, die Brandung, wie sie an die Steilklippen schlug während ein paar Robben in der Nähe spielten, ein einlaufendes Segelschiff mit Kusliker Wappen am Hauptsegel und einen kleinen Strudel, der sich bei auslaufender Flut kurz gebildet hatte. Liaiell hingegen konnte er an diesem Tage nicht erspähen.<br> | |||
Doch das hinderte ihn nicht, am nächsten Tage tatsächlich wiederzukommen. Die gleiche Stelle, der gleiche Stein, an diesem Tage etwas trockener. Und auch heute fand er einige Motive. Eine Gruppe zyklopäischer Siedler, die den Praiosschrein im Leuchtturm besuchten und mit ihro Gnaden [[Nevinia Ventargento]] aneinander gerieten, da ihre Auffassung des Praiosglaubens eben doch ein gutes Stück freizügiger waren als das der Festländerin, bot gleich Gelegenheit für mehrere Zeichnungen. Gesichter, Körpersprachen, Emotionen… er war erstaunt, wie viel Leben wirklich auf dieser sonst eher kargen Klippenformation zu finden war. <br> | |||
Am dritten Tag studierte er mit seinem Kohlestift den Flug der Möwen. Es war ein deutlich windiger Tag und die Vögel spielten mit dem Wind, der sie lange Zeit scheinbar auf der Stelle stehen ließen, bevor sie sich auf einmal fallen ließen und wie ein Pfeil ins Wasser starben, oftmals mit einem Fisch im Maul wieder auftauchend. Er verfolgte mit seinen Augen den Flug der Möwen zu einigen Einbuchtungen in der Steilwand, dort hatten sich die Möwen kleine Nester gebaut und fütterten nun ihre nach Sardellen lüsterne Brut. <br> | |||
Mit dem vierten Tag kam der Regen. Niccolo hatte einen Regenschirm aufgespannt und zeichnete weiter. Sie musste ja eines Tages wieder hier vorbeikommen, da war er sich zu sicher. Und in diesem Sinne konnte es kein schlechtes Wetter geben. Nie hätte er sich das verziehen, dass seinem Glück ein Regenwölkchen entgegengestanden hätte. Er merkte, wie bei diesem Wetter alles in einem Licht erschien. Die Felsen, die Wellen, die Küste, all das, was er längst auf Papier gebannt hatte, wirkte nun viel bodenständiger, trister aber auch lebenswerter. Er sah, wie die Möwen ihr Gefieder putzten und sich um das schlechte Wetter scheinbar wenig Gedanken machten.<br> | |||
Nach fünf Tagen hingegen fing Niccolo zum ersten Mal an zu zweifeln, ob dies wirklich eine gute Idee war. Es regnete deutlich stärker und die Kohle verlief auf dem Blatt, sobald eins der schräg fallenden Regentropfen das Papyrus erreichte. Andererseits, wie sich daraufhin die Kohle verformte und schlangenförmige Spuren hinterließ auf seinem Weg zum Fuß des Bildes, war es auch wieder eine Form der Kunst selbst. So surreal das Bild dadurch wurde, so viel mehr konnte man hinein interpretieren. Es gefiel ihm und er nahm sich vor, diesen Stil öfter anzuwenden.<br> | |||
So war Tag 6 die erste richtige Herausforderung, denn der Regen hatte aufgehört und nun wirkte alles wieder wie am Anfang. Es wirkte… bekannt. Nicht mehr originell. Betrübt fing er an, das nächste Schiff im Hafen zu zeichnen. Er merkte selbst, wie ihn das ganze… demotivierte. und kurz darauf, wie dieser Frust sich in seinem Malstil verwirklichte. Die Linien, sie waren… wütend. Das Schiff, es wirkte auf einmal wie ein Instrument einer Schlacht, bereit, Leben zu beenden. Niccolo erkannte dies als interessante Erkenntnis. <br> | |||
Und begab sich auch am siebten Tag an seine Zeichenstelle. Heute sollte es wieder der Leuchtturm sein, doch irgendwie wollte ihm die Wut des Vortages heute nicht aufs Papier wandern. Seine Gedanken drehten sich. Wie sollte er diesen Leuchtturm heute nur zeichnen? Da war nichts, was ihn inspirierte. Da war Leere. Instinktiv fing er an, Schatten auf Papier zu bannen, eine traurige Weite, aus der viel Verzweiflung sprach. Und wieder hatte er sich daran in einen Rausch gemalt. So bemerkte er fast gar nicht, dass weiter abwärts inzwischen eine junge Dame mit grünbläulichem Haar an den Strand gekommen war, sich ins Wasser geworfen hatte und in die Richtung einiger spielender Robben schwamm. Das war [[Liaiell di Camaro|Liaiell]]. <br> | |||
“Na endlich…” dachte er sich… doch statt nun endlich das Gespräch zu suchen, entschied er, dass er vorher noch das Bild der Leere beenden wollte. Das schien ihm im Moment irgendwie richtiger. Immer wieder sah er hinab. Es wirkte, als würde Liaiell mit den Robben um die Wette schwimmen und mit ihnen zusammen spielen. Er sah, wie sie sich vor allem um eine Robbe kümmerte, die scheinbar eine kleine Verletzung hatte und der an seiner vorderen Flosse eine Art Verband zu tragen schien. Er erkannte ihr sanftes, stilles Lächeln, doch nun, da er sie im Wasser sah, fühlte es sich anders an. Glücklich. Niccolo setzte ein sanftes Lächeln auf und kümmerte sich dann wieder um sein Gemälde. In ihm wuchs ein merkwürdiger Gedanke… dass er eigentlich auch ein anderes Mal mit ihr sprechen könnte. Denn jetzt wusste er ja, dass sie tatsächlich wieder kommen würde. Eine laut kreischende Möwe, die im Sturzflug seinen Daueresser aus seiner Tragetasche pickte und davon trug, ließ ihn diesen Gedanken jedoch noch einmal überdenken. <br> | |||
Also wartete er geduldig, bis sie wieder in Richtung des Ufers schwamm. Bisher schien sie ihn auch noch nicht entdeckt zu haben, denn sie zeigte keinerlei Fluchtreaktionen. | |||
Langsam verstaute er sein Buch und seine Kreide in die lederne Umhängetasche, für die er sich bei dem Regen der letzten Tage entschieden hatte. Dann stand er auf und ging langsam auf die Stelle zu, an der Liaiell an Land kommen würde. <br> | |||
Er betrachtete das Schauspiel zwischen ihr und den Robben, dazu der Einfluss der Wellen um sie herum und sofort kamen ihm neue Ideen, neue Inspiration.<br> | |||
Nun hatte sie ihn erblickt. Sie richtete sich auf, ihr Kleid tropfnass und eng an ihrem Körper anliegend, die nassen Strähnen ihrer mintfarbenen Haare im Gesicht, welche sie mit einer Handbewegung zur Seite schob, um freie Sicht zu haben. Die stand sie, verharrend. Wirkte sie im Meer glücklich und strahlte dies aus vollem Herzen aus, änderte sich ihre Mimik schlagartig, als sie sah, wer am Strand auf sie wartete.<br> | |||
Dies traf Niccolo sehr. Umso wichtiger sah er das nun folgende Gespräch. Er machte eine einladende Geste und wartete bis die Tochter des Hochgeweihten zu ihm aufschloss.<br> | |||
''“Dem Herrn Efferd und seinen göttlichen Geschwistern zum Gruß, Signora.Liaiell.”'' Bevor sie sich versah, hauchte er ihr einen Handkuss auf die tropfende Hand. ''“Hier stehe ich nun vor euch, Auge in Auge, nicht vor Euch kniend und voller Hoffnung, dass das, was mit Blumen nach einer Flucht begann, heute bei einem Spaziergang fortgeführt werden kann."'' Er bot ihr seine Armbeuge an. ''“Wenn ihr mir die Ehre erweisen würdet?”''<br> | |||
Er hörte als Antwort ein hörbares Ausatmen. Ihre Augen sprachen zunächst für sie, sie wirkte etwas genervt. Entsprechend nahm sie die Armbeuge nicht ein und ging an ihm vorbei. Als er etwas entgeistert stehen blieb, blickte sie zurück. ''“Wollt ihr nun spazieren oder nicht?”'' Niccolo verstand und legte einen kurzen Spurt ein, um wieder neben ihr zu sein. Dann eben, ohne die Arme einzuhaken. | |||
''“Ich danke für die Ehre.”'' war er sofort wieder bereit, loszulegen, aber Liaiell unterbrach ihn recht schnell. ''“Ihr kniet ja immer noch.”'' wirkte sie fast enttäuscht. ''“Ich denke nicht. Ich will euch nur sagen, dass ihr mich inspiriert und ich möchte, dass das so bleibt.”''<br> | |||
Die Tochter des [[Efferdobal di Camaro|Efferdobals]] blieb stehen und blickte ihn direkt an. ''“Niccolo, hört auf. Hör zu. Dein Bild war wirklich schön. Ich bin wirklich geschmeichelt, dass ihr für mich all das getan habt. Es mochte nicht alle Aspekte meines Seins beinhaltet haben, aber es hat mir wirklich geschmeichelt. Aber das Bild zeigte eben auch die Realität. Dass ihr mich nicht kennt. Wie könntet ihr auch. Ich höre euch schon sagen, dass man das ja ändern könne, aber darum geht es mir nicht. Ihr vergöttert, was ihr euch einbildet, was ich sein soll. Nicht aber, was ich bin. Ich würde euch niemals dazu bringen wollen, Handküsse zu verteilen oder sehnsüchtige Blumen zu versenden. Das bin ich nicht wert. Ich bin dieses tolle Bild nicht wert. Denn ich habe nichts dafür getan. Wenn ich euch inspirieren soll, dann mit dem, was ich bin. Nicht mit dem, was ihr euch wünscht. Das beleidigt mich irgendwie sogar. Am Ende erschafft ihr ein Kunstwerk, dass euch berühmt macht, ihr behauptet, dass ich etwas damit zu tun gehabt hätte und für alle Ewigkeit stände mein Name für etwas, wofür ich nicht stehe. Versteht ihr mich? Ich will einfach kein Traumgebilde sein.”'' <br> | |||
''“Nun Liaiell, ihr zeigt mir gerade auf, gegen meine eigentlichen Prinzipien verstoßen zu haben. Bisher habe ich es wirklich so gehandhabt, die Person, die ich male, kennenzulernen, persönlich kennenzulernen und dann erst mit meiner Arbeit zu beginnen. Bei dir habe ich mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen und versagt. Aber sei gewiss, das Bild wird niemand sehen, denn erst wenn der Künstler und die Muse zufrieden sind, ist es vollkommen.”'' Niccolo lächelte, aber es wirkte verzerrt. ''“Sag Liaiell, kennt ihr den Unterschied zwischen einem Modell und einer Muse?” “Niccolo, fangt nicht wieder damit an.”'', sagte Liaiell mit einem leicht gereizten Unterton, aber Niccolo ließ sich nicht beirren. ''“Eine Muse“'', begann er, ''„ist für einen Maler nicht bloß ein schönes Gesicht. Schönheit findet sich an vielen Orten. Sie ist flüchtig, manchmal sogar langweilig. Eine Muse aber lässt einen Künstler etwas sehen, das er zuvor nicht gesehen hat. Seit ich dich das erste Mal erblickte, habe ich versucht, dein Gesicht aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Doch jedes Mal wurde es etwas anderes.”'' Er griff in seine Ledertasche und holte sein Notizbuch hervor. ''“Bisher habe ich allein Portraits gezeichnet. Auch in recht rahjagefälligen Posen. Aber sieh, zu was du mich inspiriert hast.”'' Er reichte Liaiell seine Kohlezeichnungen der letzten Tage.<br> | |||
Der Maler senkte den Blick auf seine Hände. | |||
''“Als ich dich das letzte Mal ansah, habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht darüber nachgedacht, was ich malen könnte.“'' Er hob den Blick wieder. ''„Ich dachte nur daran, dass ich dich noch einmal sehen wollte. In den letzten Tagen habe ich hier auf dich gewartet, war ich mir sicher, dass du an diesen Ort zurückkehren wirst. Und dies habe ich in der Zeit, in der ich hier gesessen und auf dich gewartet habe, geschaffen.”''<br> | |||
Sie blätterte das Büchlein mit den Zeichnungen aufmerksam durch. ''“Niccolo, die sind… wundervoll.”'' Sie blickte in sein Gesicht und zum ersten Mal meinte er so etwas wie aufrichtige Bewunderung zu erkennen. Dann wich ihr Blick seinem schönen Gesicht doch wieder aus.<br> | |||
''“Ich gebe zu, es schmeichelt, dass mein Aussehen dich so inspiriert. Wenngleich das weiterhin bedeutet, dass du auch einfach ein Bild von mir malen und auf eine Puppe kleben könntest.” “Das wäre kaum das Gleiche!”'' erntete sie einen fast strafenden Blick vom Zeichner.<br> | |||
Liaiell setzte sich wieder in Bewegung. ''“Ich bin dennoch nicht so sicher, ob das eine gesunde Einstellung ist. Du hast also wirklich Tage hier verbracht? Für eine Person, die du nicht kennst? Ich mag mich nicht in einen Künstler wie dich hinein versetzen können, aber das klingt… verrückt. Ich will nicht deine Passion in Frage stellen, aber ich sehe einfach nicht, wieso ich ausgerechnet so etwas bewirken soll. Dieses schöne Schiff, der Leuchtturm, die Robben… woher willst du wissen, dass du das nicht auch ohne mich ganz hervorragend so hinbekommen hättest? Aber stattdessen zeigst du mir all diese Bilder und sagst, dass sie nur wegen mir existieren, erzählst mir von all den Leiden, die du auf dich genommen hast und zwingst mich nun damit, noch dankbar zu sein. Was für ein schlechter Mensch wäre ich, dies nicht zu würdigen? Das ist nicht gerade gerecht von dir, Niccolo. Denn mehr als dir zufällig am Strand zu begegnen habe ich nie gemacht und ich habe auch darum nie gebeten. Ich weiß nicht, was deine Absichten sind. Aber wenn du sie nur erreichen kannst, indem du mich auf ein klippenhohes Podest stellst, dann lass dir gesagt sein, dass du dir dann eine neue Muse wirst suchen müssen. Das will ich einfach nicht.”'' <br> | |||
Niccolo schwieg eine Weile. Er sah Liaiell an, als hätte er ihre Worte tatsächlich erst jetzt verstanden. ''“Du hast recht.“'' Liaiell blieb stehen und wandte sich halb zu ihm um. Offenbar hatte sie mit vielem gerechnet, nur nicht damit. ''“Das ist alles?“'', fragte sie.<br> | |||
Er sah auf das Büchlein in ihrer Hand. | |||
''“Ich habe mich wohl selbst darin verloren. Ich wollte dir zeigen, was du in mir ausgelöst hast, und habe dabei vergessen, dass es nicht deine Aufgabe ist, dafür Verantwortung zu tragen.“'' Liaiell musterte ihn schweigend.<br> | |||
''“Aber eines möchte ich dir erklären. Du irrst dich in einem Punkt. Ich habe diese Dinge nicht getan, weil ich von dir etwas wollte. Ich habe sie getan, weil ich sie tun musste.“ “Das klingt verdächtig nach derselben Sache.“'' | |||
Ein kleines Lächeln huschte über Niccolos Gesicht.<br> | |||
''“Siehst du das Schiff? Ich hätte es auch ohne dich zeichnen können. Natürlich hätte ich das. Den Leuchtturm ebenso. Die Robben erst recht. Ich bin nicht plötzlich ein besserer Zeichner geworden, nur weil du an diesem Strand entlang gegangen bist. Das Schiff wäre ein Schiff geblieben. Der Leuchtturm ein Leuchtturm. Und die Robben wären Robben gewesen. Aber als ich dich dort gesehen habe, hat sich etwas verändert. Nicht an ihnen. An mir.“'' Er atmete langsam aus. | |||
''„Du hast mir einen Blick auf diesen Ort gegeben, den ich vorher nicht hatte. Plötzlich war da nicht mehr nur das Meer. Da war die Art, wie du es angesehen hast. Nicht mehr nur der Leuchtturm, sondern das Licht, das in deinen Augen darin lag. Nicht mehr nur diese Robben, sondern dein Lachen, als du sie beobachtet hast.“''<br> | |||
''“Und darum muss ich nun deine Muse werden?“ “Nein.“'' Die Antwort kam so schnell, dass sie ihn überrascht anzusehen schien. | |||
''“Du musst gar nichts.“'' Er lächelte schwach. | |||
''“Vielleicht ist das sogar der Unterschied, den ich dir die ganze Zeit hätte erklären sollen. Eine Muse ist für mich kein Mensch, den man auf ein Podest stellt. Sie ist auch kein schönes Gesicht, das man immer wieder auf Papier bringen möchte. Eine Muse ist jemand, wegen dem man genauer hinsieht.“''<br> | |||
Er machte eine kleine Pause. ''“Und ich möchte genauer hinsehen. Und wenn ich dich male, möchte ich nicht die Frau malen, die ich mir aus dir gemacht habe. Das wäre tatsächlich eine Puppe mit deinem Gesicht. Ich möchte die Frau malen, die du bist. Auch dann, wenn sie müde ist. Wenn sie wütend ist. Wenn sie mich für einen Narren hält. Wenn sie im Wind friert und sich darüber ärgert, dass ihre Haare ihr ständig ins Gesicht fallen.“'' Sein Blick wurde wärmer. ''”Vielleicht möchte ich dich sogar gerade dann malen.“ | |||
‘Und wenn ich nicht schön dabei bin?“ | |||
“Dann bist du eben nicht schön.“''<br> | |||
Sie hob überrascht die Augenbrauen. | |||
''‘Das war vermutlich die denkbar schlechteste Antwort.“'', sprach Liaiell fast schon entrüstet. ''“Ich weiß.“'' Er grinste. ''“Aber sie ist ehrlich.“''<br> | |||
Li atmete einmal tief durch. Langsam verstand sie, warum er wie eine Motte um das Licht so um sie herum schwänzelte. Die Erklärung, was eine Muse für ihn war, war in der Tat hilfreich. Er hatte sie ausgewählt, weil sie für ihn eine Art Avatar der Kunst selbst war. Dies war seine große Liebe. Warum nun ausgerechnet sie, das war dabei gar nicht so wichtig. Auf der einen Seite nahm dies ein wenig Druck aus dieser Geschichte. Bisher hatte sie immer im Hinterkopf, dass dieser Schönling ihr vielleicht einfach nur an die Wäsche wollte. Zum ersten mal nahm sie ihm ab, dass er all diese fürchterlichen Komplimente und all diese Leiden für die Malerei auf sich genommen hatte. Und doch ertappte sie sich dabei, dass sie sich sogar ein wenig ärgerte, dass es nicht ihre Persönlichkeit war, die diesen Impuls bei ihm auslöste. Denn er hatte sie wirklich so weit, dass sie sich geschmeichelt fühlte ob all dieser merkwürdigen Avancen. Er wollte sie also quasi sogar zeichnen, während sie in der Nase popelt. das fühlte sich schon… besonders an. Dass sie auf einmal im Licht von irgendetwas stand, das war für sie selten. <br> | |||
Ihr war es bisher immer wichtig, für andere da zu sein. Das fühlte sich irgendwie gut an. Zu gut, um wahr zu sein. Ein Friede, dem sie vielleicht nicht leichtfertig trauen sollte. | |||
''“Ich weiß ja nicht, ob es mir nicht lieber wäre, wenn du statt mir eben diese Schiffe und Robben und Türme und ähnliches zeichnen würdest.”'' fand sie wieder den Einstieg. ''“Von mir aus auch aus dem Gedanken heraus, dass mir das Ergebnis deiner Zeichnung vermutlich gefallen würde. Denn so, wie du das beschreibst, klingt das Leben einer Muse auch etwas… flüchtig.”'' <br> | |||
''“Flüchtig?”'' schien Niccolo nicht zu verstehen. | |||
''“Nun. Als könnte meine Aufgabe als Muse von einem Tag auf den anderen vorbei sein oder die nächste Muse genau so plötzlich in dein Leben treten wie ich es gerade tat. Stell dir vor. Du hast mich eines Tages in so vielen Lagen gemalt, dass du meiner satt geworden bist. Natürlich, im besten Falle würden wir beide einfach unserer Wege gehen, da dies ja eine Vereinigung ohne Pflicht sein soll. Du freust dich über die neue Inspiration und ich dafür, eine Zeit lang Motiv gestanden zu haben und auf Gemälden zu erscheinen, die vielleicht eines Tages sogar in Museen stehen. Aber was, wenn es mir anfängt, etwas zu bedeuten, deine Muse zu sein? Ich gehöre zu den Menschen, die sich zeitlebens für das verantwortlich fühlen, was sie sich angeeignet haben. Und der Gedanke, dass ich mir für den Rest des Lebens ein Luftschloss gegönnt habe, ist… naja… es ist ein sehr wackeliges Fundament, dieses Musentun… irgendwie… “''<br> | |||
Niccolo schwieg einen Augenblick und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, schien er nicht sofort eine schöne Antwort parat zu haben. Kein Lächeln, kein kunstvoll gesetztes Kompliment, keine jener großen Gesten, mit denen er selbst die banalsten Dinge in etwas beinahe Erhabenes verwandelte. Er sah sie einfach nur an.<br> | |||
Dann nickte er langsam. ''"Ja“'', sagte er schließlich. ''„Das ist ein wackeliges Fundament.“'' Ein kleines, schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht. ''„Aber ich möchte dir nicht widersprechen, nur damit du dich besser fühlst.“'' Er verschränkte die Hände locker vor sich. ''"Du hast recht. Eine Muse ist kein Amt auf Lebenszeit. Es gibt keine Urkunde, die ich dir ausstellen könnte. Kein Siegel des Horas, das dir garantiert, dass du in zehn Götterläufem noch in meinem Atelier sitzt und ich dich mit derselben Begeisterung anschaue wie heute.“''<br> | |||
Wieder antwortete Liaiell mit ihrer vertrauten Ironie ''"Das klingt ausgesprochen beruhigend.“ "Warte.“'' Sein Lächeln wurde etwas wärmer. ''"Denn ich glaube, du verwechselst zwei Dinge miteinander.“'' Er deutete mit einer kleinen Bewegung auf die Zeichnungen. ''"Das Motiv kann flüchtig sein. Die Bedeutung muss es nicht sein.“'' Liaiell sah ihn fragend an.<br> | |||
''"Wenn ich einen Turm zeichne, weil das Licht an einem bestimmten Morgen wunderbar auf seinen Zinnen liegt, dann kann es sein, dass ich ihn am nächsten Morgen nicht mehr zeichnen möchte. Vielleicht sehe ich einen anderen Turm. Vielleicht ein Schiff. Vielleicht eine Robbe, die auf einem Felsen liegt und mich davon überzeugt, dass die Götter einen eigentümlichen Sinn für Humor besitzen. Aber die Zeichnung, die ich von diesem Turm gemacht habe, wird dadurch nicht wertlos. Und schon gar nicht wird der Morgen ungeschehen, an dem ich ihn gesehen habe.“'' | |||
Er wurde wieder ernst.<br> | |||
''"Bei dir ist es ähnlich. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich dich für alle Zeit als Muse betrachten werde. Das wäre ein schönes Versprechen, aber ein unehrliches.“'' Er hielt ihren Blick stand. ''"Was ich dir versprechen kann, ist, dass ich das, was zwischen uns entsteht, nicht geringachten werde, nur weil irgendwann etwas Neues meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.“'' Liaiell schwieg.<br> | |||
''"Und noch etwas“'', fuhr er leiser fort. ''„Du hast gesagt, du fühlst dich für Dinge verantwortlich, die du dir angeeignet hast.“'' Sie nickte. ''"Dann solltest du wissen, dass ich dich nicht als etwas betrachte, das ich mir angeeignet habe. Du bist kein Besitz. Keine Sammlung. Kein besonders hübsches Werkzeug meiner Kunst.“'' Er neigte den Kopf ein wenig.<br> | |||
''"Du bist Liaiell.“''<br> | |||
Das schlichte Aussprechen ihres Namens schien beinahe mehr Gewicht zu haben als seine bisherigen Komplimente. ''"Und wenn du morgen beschließt, dass du keine Muse mehr sein möchtest, dann ist das nicht dein Versagen. Es ist auch kein gebrochenes Versprechen. Du gehst einfach.“''<br> | |||
Liaiell drehte sich ein Stück von ihm weg und schaute hinaus auf die Wellen. ''"Und wenn du morgen beschließt, dass du mich nicht mehr möchtest?“'' Die Frage kam schneller, als sie beabsichtigt hatte.<br> | |||
Niccolo antwortete nicht sofort. ''"Dann“'', sagte er schließlich, ''„würde ich hoffen, dass ich den Anstand besitze, dir das zu sagen, bevor du es aus meinem Schweigen oder aus einem neuen Bild erraten musst.“'' Er atmete langsam aus. ''"Aber ich glaube, genau hier liegt dein eigentlicher Irrtum.“ "Welcher?“ "Du glaubst, Muse zu sein bedeute, darauf zu warten, ob ein Künstler dich morgen noch interessant findet.“'' Er schüttelte den Kopf.<br> | |||
''"Für mich bedeutet es eher, dass zwei Menschen einander für eine Weile etwas geben. Du gibst mir etwas, das ich brauche. Ich gebe dir vielleicht etwas zurück. Aufmerksamkeit. Schönheit. Einen anderen Blick auf dich selbst. Erinnerungen. Bilder, die bleiben, wenn unsere Wege sich irgendwann tatsächlich trennen.“''<br> | |||
Ihr Blick wanderte wieder zum Meer. Sie blieb schließlich stehen, drehte Niccolo den Rücken zu und setzte sich auf den Boden, zog die Knie an den Körper und lehnte ihre Arme darauf ab. Ein Windzug erfasste sie und wehte einige nasse Strähnen kurz in die Höhe. ''“Du hast “Deine Muse sein” gerade ganz schön entwertet, weißt du das?” | |||
“Ich war nur ehrlich.”''<br> | |||
''“Nein, du hast dich entschieden, jetzt ehrlich zu sein. Weil du bemerkt hast, dass eine Muse nur weckt, was längst in dir ist. Schau dich an. Jetzt reden wir von drei vier Bildern, du redest davon, dass vielleicht auch gar keins kommt, wenn dir eben nicht danach ist. Und dass es mein Irrtum ist, dies als mehr zu betrachten als ein Bäcker, der ein paar Psomi verteilt. Und alles, was mir bliebe, wäre demnach der Duft nach frisch gebackenem und etwas flüchtigem wie zwei Minuten guten Geschmacks sowie die Gewissheit, ein gutes Geschäft gemacht zu haben..Und gleichzeitig erzählst du mir davon, dass du dafür Tage am Meer verbracht hast, nennst mich eine Erleuchtung, zeichnest mir Bilder. Kurzum, du betreibst einen enormen Aufwand für etwas so Flüchtiges? Das passt doch nicht zusammen. Wie soll ich dir das alles denn jetzt glauben? Wie kann ich dir jetzt irgendetwas glauben?”''<br> | |||
''“Das…”'' Niccolo zögerte ''“...ist eine eigenartige Lesung der Dinge. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich ja gerade jetzt sehr ehrlich zu dir war.” “Und doch hast du mir noch vor fünf Augenblicken einen Handkuss gegeben.”'' fiel sie Niccolo ins Wort. ''“Du hast eben gesagt, dass du normalerweise deine Modelle erst kennen lernst und dann sie zeichnest. Jetzt hast du mich kennengelernt und solltest bemerkt haben, dass ich nicht auf so einen affektierten Shi-shi stehe. Und schon ist die Vergötterung verschwunden. Ich dachte, hier ginge es um etwas Besonderes, aber jetzt, wo ich DICH kennen lerne, Niccolo, bemerke ich, dass ich deiner hoch lobenden Art auf den Leim gegangen bin. Und da alles, was du gerade als Ehrlichkeit verkaufst, ein auf einmal sehr düsteres Bild zeichnet, ärgert mich. Beziehungsweise ich ärgere mich über mich selbst, weil genau das mein Impuls war. Dass hier viel Schein herrscht. Jetzt weiß ich es besser. Und frage mich, warum ich mich von dir überhaupt zeichnen lassen sollte, wenn du das bereits alles in dir hast.”'' <br> | |||
Niccolo sammelte sich für eine Antwort, doch Liaiell war noch nicht ganz fertig. ''“Und vor allem, es ist nicht nur ein du gibst, ich profitiere. Deine Muse sein wäre eben nicht nur ein gutes Geschäft für beide. Ich würde mich verpflichtet fühlen, dir als Dank etwas zurückzugeben. Und jetzt zu erfahren, dass an dieser Bezahlung eventuell gar kein Bedarf bestünde…”'' sie ließ den Satz unvollendet ausgesprochen. <br> | |||
Niccolo schwieg. Doch diesmal lag in seinem Schweigen keine Bedachtsamkeit. Es war das kurze, gefährliche Schweigen eines Menschen, der gerade bemerkte, dass seine Geduld an eine Grenze stieß.<br> | |||
Er sah auf Liaiells Rücken, auf ihre zusammengezogene Gestalt, auf die nassen Strähnen, die der Wind immer wieder über ihre Schulter trieb. ''"Weißt du was?“'', sagte er schließlich. ''"Nein.“''<br> | |||
Liaiell drehte den Kopf ein wenig.''"Nein?“ | |||
"Nein. Ich werde mich jetzt nicht noch einmal hinstellen und dir erklären, was ich gemeint habe, damit du anschließend aus jedem meiner Sätze genau das herauslesen kannst, was du ohnehin schon glauben möchtest.“'' | |||
Er trat einen Schritt näher, blieb aber stehen. | |||
''"Du legst mir die Worte geradezu in den Mund.“''<br> | |||
Niccolo fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. ''"Ich sage dir, dass ich dir nichts versprechen kann, was ich nicht halten kann. Du hörst: Dann bedeutet ihm das alles nichts. Ich sage dir, dass eine Muse kein Besitz ist. Du hörst: Sie ist austauschbar. Ich sage dir, dass Inspiration sich verändern kann. Du hörst: Morgen bin ich ihm gleichgültig.“'' Er lachte einmal trocken auf.<br> | |||
''"Und dann stellst du mir diese Dinge als meine eigenen Aussagen gegenüber.“ "Du hast sie doch gesagt.“ "Ja! Aber nicht das, was du daraus machst!“'' Für einen Moment war nur das Rauschen des Meeres zu hören. <br> | |||
Niccolo atmete schwer aus. ''"Ich habe dir nicht gesagt, dass du drei oder vier Bilder wert bist. Ich habe gesagt, dass ich dir nicht versprechen kann, wie viele es werden. Das ist ein Unterschied.“'' Er deutete auf das Meer. | |||
''"Und ja, ich habe Tage hier verbracht. Ich habe dich beobachtet. Ich habe dich gezeichnet. Ich habe dir Komplimente gemacht. Ich habe dir einen Handkuss gegeben.“'' Sein Blick wurde schmaler. | |||
''"Und nein, ich bereue davon gerade nicht ein einziges.“'' Liaiell wollte etwas erwidern, doch er hob die Hand. ''"Lass mich ausreden.“''<br> | |||
Seine Stimme war leicht gereizt, aber darunter lag etwas Verletztes. | |||
''"Du fragst, wie du mir jetzt noch irgendetwas glauben sollst? Gar nicht, wenn du beschlossen hast, dass jede Antwort von mir nur der Beweis für deine bereits gefällte Meinung sein darf.“''<br> | |||
Er schüttelte den Kopf. ''"Was soll ich denn tun? Soll ich dir sagen, dass du die Liebe meines Lebens bist, damit du mir glaubst? Soll ich behaupten, ich würde dich bis zu meinem Tod malen? Dann wäre ich vermutlich glaubwürdiger, weil es besser zu dem Bild passt, das du von mir haben möchtest.“''<br> | |||
Niccolo setzte sich neben Liaiell auf den Strand, aber mit etwas Abstand. ''"Ich habe versucht, dir die Sache nicht größer zu machen, als sie ist. Und jetzt wirfst du mir genau das vor. Ja, Ich habe dir große Worte gesagt. Ich habe dich angesehen, als wärst du etwas Besonderes. Ich habe mich vermutlich benommen wie der größte Idiot, den diese Küste je gesehen hat.“'' Ein bitteres Lächeln.<br> | |||
''"Das war nicht gespielt. Und genau deshalb verletzt mich gerade, was du daraus machst.“'' | |||
Liaiell sah ihn fragend an. ''"Du glaubst, weil ich dir jetzt sage, dass ich dich nicht besitzen oder dir keine Zukunft versprechen kann, wäre alles vorher nur Schauspiel gewesen.“'' Er schüttelte den Kopf und blickte hinaus aufs Wasser.<br> | |||
''"Du willst wissen, warum ich diesen Aufwand betreibe, wenn alles so flüchtig ist?“'' Ein kurzer Atemzug. ''"Weil manche Dinge gerade deshalb einen Aufwand wert sind.“'' Er sah wieder zu ihr. ''"Ein Sonnenuntergang ist flüchtig. Ein Lied ist flüchtig. Ein Kuss ist flüchtig. Das macht ihn nicht wertlos.“'' Seine Stimme wurde wieder weicher.<br> | |||
''"Und wenn ich dich eine Woche lang zeichne und danach nie wieder einen Strich von dir mache, dann war diese Woche nicht weniger echt.“'' Er schwieg kurz. ''"Aber du hast recht in einem Punkt.“'' Liaiell hob die Augenbrauen. | |||
''"Du solltest mich nicht zeichnen lassen, wenn du mir nicht vertraust.“'' Das sagte er ohne Zögern.<br> | |||
''"Nicht, weil ich dich nicht zeichnen will. Sondern weil ich nicht möchte, dass du hinterher neben jedem Bild sitzt und dich fragst, welcher Teil davon wahr gewesen ist.“'' Er sah auf seine Hände. ''"Das wäre eine Zumutung für dich. Und irgendwann vermutlich auch für mich.“''<br> | |||
Dann blickte er sie wieder an. ''"Aber bitte mach aus meiner Ehrlichkeit nicht eine Beichte. Ich habe dir heute zum ersten Mal nicht gesagt, was schön klingt. Ich habe dir gesagt, was ich tatsächlich weiß.“'' Er deutete auf sie. ''"Ich weiß, dass ich dich zeichnen möchte.“'' Dann auf sich selbst. ''"Ich weiß, dass ich dich interessant finde.“'' Ein kurzes, fast widerwilliges Lächeln. ''"Ich weiß, dass ich dich schön finde. Sehr schön sogar. Und ja, ich weiß auch, dass ich mich bei dir ein wenig wie ein verliebter Narr aufgeführt habe.“'' Er atmete aus.<br> | |||
''"Was ich nicht weiß, ist, was in sechs Monaten sein wird. Wenn dir das zu wenig ist, dann geh.“'' Eine Pause. ''"Aber geh nicht mit dem Gedanken, ich hätte dich getäuscht.“'' Er wandte sich wieder dem Meer zu. ''„Das habe ich nämlich nicht.“''<br> | |||
Und nach einem weiteren Moment, sprach er deutlich leiser: ''"Ich habe dir vielleicht zu viel von mir gezeigt. Aber das ist etwas anderes.“''<br> | |||
Wieder wurde es still und nichts außer dem Schlagen der Wellen an die Brandung und das Pfeiffen des Windes war zu vernehmen. Dann schmuggelte sich auf einmal ein Grinsen in Liaiells Gesicht. ''“Du kannst ja richtig wütend werden.”'', kicherte sie fast. Dann stand sie wieder auf. Sie richtete sich das immer noch nasse und nun von Sandkörnern bedeckte Kleid zurecht. Dann blickte sie wieder auf Niccolo. ''“Den Punkt gestehe ich dir ein, ich mag gerade eine vielleicht zu radikale Schlussfolgerung gezogen haben. Aber es tut gut zu sehen, dass dein Verlangen nach mir auch Grenzen hat. Dieser Hauch von Realität, der da gerade eingezogen ist, steht dir gut. Vielleicht hast du ja doch schon die Liebe gesehen.”'', erinnerte sie an die weiße Rosenknospe, die sie ihm geschickt hatte. <br> | |||
''“Ich sollte langsam wirklich los. Sehen wir uns morgen um elf im Atelier?”'' Sie zwinkerte ihm noch einmal zu, wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich schnelleren Schrittes weg, Richtung Stadt. Mal sehen, ob er ihr noch weiter folgte. <br> | |||
Niccolo blieb sitzen und schaute ihr hinterher, in der Hoffnung, dass sie doch noch einmal zurück blickte. Aber nein, sie ging schnurstracks den Weg die Klippe hinauf. | |||
''“Bis morgen um elf im Atelier.”'', murmelte er. | |||
Und dann fiel ihm siedendheiß ein, dass sie wahrscheinlich überhaupt nicht wusste, wo sein Atelier war. Er raffte sich auf und eilte Liaiell hinterher. <br> | |||
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Aktuelle Version vom 28. September 2026, 22:48 Uhr
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Bei der Arnax Silberfinger Schule, Travia 1048
Ein Kalter Tag, ja das war er. In ihren Gedanken verfluchte Khadana das Meer der Sieben Winde, welches diese Kälte in die Bucht und hoch in das Quarto Novo blies. Sie wollte sich beeilen, um den Umbau des Palazzos zu überwachen. Sie gehörte zu den Jüngsten des Kollegiats und wollte sich deswegen noch mehr beweisen. Sie wich gekonnt ein Paar Staatsdienern aus, welche aus dem Magistrat kamen. Hinein ging sie in das Gebäude und ins Foyer nur um vor einem jungen Mann zu stehen, welcher sich gerade die Statue des Haldur Horas ansah.
„Ihr scheint zu Alt um hier belehrt zu werden. Kann ich euch Weiterhelfen?“ Khadana war von hinten näher an den Mann herangetreten.
Nicht die kleinste Reaktion des Mannes ließ erahnen, ob er die junge Frau wahrgenommen hatte oder nicht. Weiter schaute er auf die Statue aus Mahagoni mit der hellen Seidentoga im farblichen Kontrast.
Khadana wollte sich gerade noch einmal bemerkbar machen, als er sie ansprach. “Sehe ich wahrhaftig schon so alt und weise aus, dass ich nichts mehr erlernen könnte, Signora? Dabei lernt der Mensch doch nie aus. Vor allen Dingen nicht in der Kunst, die so bunt und wandelbar ist wie Tsas Regenbogen. Ich überlege allen Ernstes ob ich wegen der Anspielung auf mein Alter beleidigt oder geschmeichelt sein soll.”
Er drehte sich um und Khadana sah in das Gesicht eines jungen Mannes, so etwa in ihrem Alter. Seine Haare waren schwarz und gekräuselt. Einige Strähnen fielen auf seine Stirn. Sein Lächeln war freundlich und seine Augen blitzten frech. Er trug einen langärmeligen Wams, erdfarben aus einem Stoff besserer Qualität, mit einem weißen Krausenkragen. Die Ärmel weit geschnitten, an den Schultern gepufft und an den Handgelenken traten ebenfalls weiße, geraffte Hemdmanschetten hervor. Dazu eine passende, ebenfalls weit geschnittene Hose und feine Lederschuhe. “Nun, junge Dame, oder sollte ich wohl eher gelehrte Dame sagen. Was sollte ich sein? Beleidigt oder geschmeichelt?”
„Weder noch, Signor. Keines der beiden war meine Intention. Es ist wohl mehr eure Ruhe in der ihr scheint, welche mich zu dieser Aussage verleitet hat. Ruhe ist eine Tugend, die meist mit dem Alter erworben wird. Aber bitte verratet mir doch, was ist euer Begehr an dieser Schule und wer seid ihr? Wollt ihr belehrt werden?“ Khadana versuchte sich in einem diplomatischen Lächeln.
“Verzeiht melne Unhöflichkeit, Signora.“ „Niccolo ya Pirras mein Name.“ Er deutete eine Verbeugung an. “Abgänger der Tsa-Schule an der Universität Methumis. Auf der Suche nach Inspiration und voller Hoffnung, hier von der Muse geküsst zu werden. Und ja, vielleicht möchte ich auch belehrt werden. In vielerlei Hinsicht.” Er lächelte verschmitzt. “Und wollt ihr mir euren Namen verraten, werte Maga?” Er ahnte schon, wer ihm hier gegenüber stand, hatte doch Tharinda della Pena, die Leibmaga seines Onkels Valerio, öfters von einer Kollega im tiefstem Mißtrauen gesprochen.
„Khadana di Solano. Abgängerin der Akademie der vier Türme zu Mirham und hier Lehrerin für Kunst aus Stein und Metall.“ Auch Khadana deutete eine Verbeugung an. „Und wenn ihr nach Muse sucht, dann seid ihr hier richtig. Wenn ich die Ateliers im obersten Stock des Südflügels empfehlen dürfte. Diese sollten einem Maler auf der Suche nach seiner Muse und einem ya Pirras noch dazu gerecht werden. Vielleicht gefällt es euch so sehr, dass ihr euch einschreiben wollt.“ Khadanas verstärkte ihr Lächeln.
“Sehr erfreut, Signora Khadana.”, erwiderte Niccolo. Die kleine Spitze wegen seinem Namen überhörte er geflissentlich. Und ja, sie war es. Die Maga, die ihro Gnaden Nevinia am liebsten auf dem Meer aussetzen würde. Auch sein Vater hatte mal Bedenken über sie geäußert, auch wenn man geschäftliche Beziehungen pflegte. Umso interessanter könnte dieses zufällige Treffen werden. “Würdet ihr mir vielleicht die Ehre erweisen und mich in den Südflügel begleiten, wenn ich euch nicht von etwas Wichtigerem abhalte? Hier ist alles noch in Umbau und auch der ehemalige Palazzo Kanbassa war mir nicht so in Erinnerung geblieben. Außerdem reizt es mich eure Meinung zu einigen Kunstwerken zu erfahren." Die Frage nach dem Einschreiben ignorierte er. Noch einmal studieren? Nein, danke.
„Oh, ihr haltet mich von nichts ab, ich war nur hier, um mich nach dem Status-Quo zu erkundigen.“ Die Golemantin gestikulierte in Richtung der Treppe, die vom Foyer hinauf führte. „Bitte hier entlang, ich nehme an, ihr wünscht den Schönen Weg zu benutzen. Die anderen Gänge müssten sich noch im Prozess des Umbaus befinden.“ Khadana war gespannt, welche Kunstwerke wohl dem Signor ya Pirras gefielen. Was mag diesen Mann nur bewegen? Waren es Vanitas? Harmonie? Schönheit? Oder doch etwas ganz anderes? So viele Elemente, alle würden etwas anderes über den Maler aussagen.
„Habt Dank,gelehrte Dame.“ sprach Niccolo und bot Khadana seine Armbeuge an, über die sie aber hinweg sah und die ersten Stufen der Treppe hinaufstieg. Niccolo zuckte kurz mit den Schultern und folgte ihr. Nach einer kurzen Erklärung von Khadana, das sich in ersten Stock die Räumlichkeiten der zukünftigen Schüler befinden werden und dort noch nlchts von großem Interesse war, gingen beide hoch in das oberste Stockwerk, wo Khadana Niccolo die zukünftigen Gemeinschaftsatelliers präsentierte. In jedem dieser Räume standen Werke verschiedener Künstler als Beispiele für die zukünftiges Studiosi. Diese betrachtete Niccolo eingehender. Darunter befanden sich Werke von großen Künstlern wie Rahjadan Cremoni, Pagol Gazpacho und Miolag Korden, aber ebensp von zeitgenössischen Malern wie Rahnina di Bellafoldi, einer Schülerin des Namensgebers dieser Schule. Khadana konnte bemerken, dass sich Niccolo eher an Werken der Portraitmalerei als beispielsweise an Stilleben länger aufhielt. Mit Interesse las er jedes Bronzeschild seitlich der Bilder, wo der Künstler, der Name des Blldes und sein Erschaffungsdatum verewigt waren.
Vor einem Bild blieb er stehen. Es zeigte das Portrait eines älteren Kriegers gerüstet mit Helm und Platte, soweit dies auf den Schultern angedeutet war. “Held der 33 Tage von Amaziella Korden. Sagt, ist euch aufgefallen, dass der Akademiestil doch immer sehr eintönig ist? Bei der Portraitmalerei wird immer darauf geachtet, dass das Modell in seinem besten Licht dargestellt wird. Kein Makel, keine Narbe, selbst die Augenbrauen wirken perfekt.”
Khadana konnte sich bei der Bemerkung über die Augenbrauen ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie wandte sich dem Portrait zu und begann mit der Kunsttheorie, um zu zeigen, dass sie das Handwerk einer Künstlerin verstand. „Perfektion, wohl die oberste Prämisse dieses Stils. Schönheit um der Schönheit Willen. Die Aussage so klar, wie sie simpel ist. Wer kann das Metall blanker darstellen, welche Landschaft sieht Göttlicher aus und wessen Khabla würde der Liebholden wohl mehr gefallen? Aber was kann man erwarten? Wenn Perfektion die Devise und der Weg von den Lehrern und Meistern der Vergangenheit vor geebnet ist. Doch am Ende sind dies die Werke, die die meisten fesseln.“ Der Blick der di Solano war beim Reden immer weiter im Bild versunken. Woraus sie sich nun befreit hatte. „Aber sagt, von Künstler zu Künstler, wie gedenkt ihr, mehr Farbe in die Malerei zu bringen, um dieser Eintönigkeit vorzubeugen? Ihr scheint wohl dem Akademiestil nicht so zugeneigt.“
“Nun, ich kann nur für mich sprechen. Wenn ich jemanden male, dann sehe ich denjenigen so wie er ist. Ich versuche mein Modell kennenzulernen, um zu verstehen, wie es denkt, wie es handelt. Seinen Ausdruck, seine Mimik, seine Gestik. Und das versuche ich auf die Leinwand zu bringen. Mit Ecken, mit Kanten und um auch aus der Masse hervorzustechen einer gewissen Amoralität. Wichtig ist die Ehrlichkeit, denn nichts ist schlimmer, als wenn man sich selbst etwas vormacht und Dinge hinzu erfindet, die eigentlich nicht vorhanden sind. Sei es eine andere Nase, andere Augen, was auch immer. Natürlich treffe ich damit nicht jedermanns Geschmack, spricht man mir doch einen recht rahjagefälligen Stil nach….”, er grinste Khadana fast schon schelmisch an. “....aber wenn dem so ist, landet das Kunstwerk in meinem Atellier, bevor damit Schindluder betrieben wird.” Er strich sich theatralisch über die Schulter. “Bisher hält sich das aber in Grenzen.” Aus dem Augenwinkel warf er Khadana einen fragenden Blick zu. „Aber sagt, gelehrte Dame, wenn ihr dieses Bild als Skulptur aus Stein anfertigen würdet, was erwartet meine Augen dann?”
„Wohl eine Statue, Signor. Im Ideal, aber wäre sie wohl nicht. In gewisser Weise natürlicher, aber auch künstlicher. Wisst ihr was, ich zeige es euch.“ Khadana ließ ihren schlangenartigen Golem ihrem Haar entgleiten und damit öffnen. Der Golem kroch, zu steif für eine Schlange, von ihrem Arm bis in Khadanas Hand. Die Silberschuppen, den Blättern der Bäume nachgeahmt, spiegelten das Vormittagslicht. „Seht ihr? Künstlich und doch so natürlich. So sehen meine Werke aus. Lebensecht im Naturell und doch immer ordentlich. Das beste aus beiden Welten. Die Schönheit der Natur, gezwungen in vollkommene Ordnung. Geschaffen um zu harmonisieren.“ Khadana war aber auch neugierig geworden, ihr Misstrauen ein wenig übertreffend. Der Grund, weswegen sie dem Maler ihren Golem präsentiert hatte.
Niccolo schaute mit einer Mischung aus Faszination und Erschrecken auf die steinerne Schlange, welche sich langsam ihren Weg den Arm der Magierin hinunter bahnte. Es stimmte, was man sich hinter vorgehaltener Hand über Khadana di Solano erzählte, dass sie Kontrolle über steinerne Wesenheiten hat. Ein Schauer lief über seinen Rücken und es fiel ihm schwer, Worte zu finden, mit denen er das Gespräch weiterführen konnte. Instinktiv ging er einen Schritt zurück, ohne die steinerne Schlange, die jetzt Khadanas Hand erreicht hatte, aus den Augen zu lassen. “Sie wirkt etwas zu perfekt von der Form und der Musterung her und nicht natürlich von der Bewegung, sondern eher langsam gar stockend." Er lachte verkrampft auf. “Aber sie ist es auch nicht. Natürlich meine ich. Dieses Talent zur annormalen Perfektion könnt ihr nicht von Euren Studiosi verlangen, haben sie doch nicht euer Talent.” Ein Zucken ging durch seinen Arm und er hob seine Hand, da er den Drang der Neugierde verspürte, diese Schlange zu berühren. Im letzten Moment zog er diese aber zurück.
„Natürlich kann ich das nicht. Die Bewegung der Werke ist aber auch etwas anderes. Meine Aufgabe ist nicht das lehren, wie man Werke von solcher Natur herstellt. Meine Aufgabe ist zu lehren, wie stark der Schlag auf den Meißel sein muss oder was die Proportionen real erscheinen lässt.“ Khadana ließ den Golem auf ihrer Hand weiter verharren, hatte aber das Unbehagen bemerkt, welches sie verursacht hatte. „Die Golemantie ist dabei nur ein weiteres Werkzeug, um Ausdruck zu verleihen. Natürlich vereinfacht sie die Arbeit, wenn belebte Statuen in einfachster Bewegung arbeiten können, sodass sie sich selbst positionieren. Aber das ist Pfusch. Wer sowas macht versteht die Kunst nicht wirklich und wird niemals richtig Kunst schaffen können. Deswegen sind meine Golems auch so gearbeitet, Kunstvoll in jeder Bewegung. Somit durch Golematie nicht nachzuahmen. Wobei, es ein großes Vorurteil gegen diese Art von Magie gibt. Der Golem sei böse. Jedoch er gehorcht mir vollkommen und ich würde mal behaupten, dass ich nicht böse sei.“ Auf dem Abschluss ihrer Worte begann sich der Golem zu drehen und sich wieder um die Haare der Golemantin zu legen. „Aber, erlaubt mir die Frage. Bringt dieser Ort Muse oder habt ihr vielleicht Verbesserungsvorschläge, die man sie weitergeben könnte?“
Weiterhin konnte Niccolo den Blick von dem Golem, so nannte sie ihn doch, lösen. Dann schüttelte er den Kopf. “Verzeiht. Ich war abgelenkt. Die Muse, ja. Das kann nur jeder Studiosi für sich selbst entscheiden, gelehrte Dame. Für einen Landschaftsmaler bietet allein die Aussicht auf die Bucht genug Möglichkeiten. Auch auf den Gängen oder in den Schulungsräumen bieten sich bei den Ausstellungsstücken einige zur Inspiration. Dies dürfte für die Anfänge ausreichen und wenn sich gute Dozenten finden, werden diese schon sehen, wie sie Talente fördern können.” Er ging ein paar Schritte auf eines der Fenster zu und warf einen Blick auf die Bucht. “Und nun sagt, was inspiriert euch? Wann habt ihr das Gefühl, von der Muse geküsst zu werden? Was beflügelt eure Inspiration?”
Khadana näherte sich auch dem Fenster, blieb aber etwas entfernter davon stehen. „Die Muse? Eine tiefgehende Frage Signor. Hauptsächlich finde ich diese in Büchern, die von früheren Zeiten sprechen oder von den Legenden, die sich auf Dere halten. Der Golem, den ihr saht, ist unserem Patron nachempfunden. Der Schlange, die uns nach den alten Geschichten vor einem Komet bewahrte.“ Khadana streckte ihre Arme nach vorne, sodass die Spinnenartigen Armschienen zu sehen waren. „Die hier jedoch entstanden in Mirham. Eine Geschichte über eine große Spinne am Firmament namens Pérex, aus dem tiefen Süden, inspirierte sie.“
Ein leichtes Lächeln umspielte Niccolos Lippen. “Ihr seid ein Mysterium, Signora Khadana. Eure Kunstwerke beziehen sich auf einen Zusammenhang zwischen alten Legenden und dem Wirken der Götter, denn Pérex ist vermutlich nur ein altertümlicher Name für den Listenreichen. Dabei erschafft ihr Wesenheiten, die vor allem in den Augen der Praioskirche als großes Verbrechen angesehen werden und unter gewissen Umständen in Ächtung und Verfolgung des Erschaffers enden könnten. Ihr wisst, dass mein Haus dem Götterfürsten sehr zugetan ist und das ein falsches Wort an einer ungünstigen Örtlichkeit fatale Folgen für Euch haben könnte. Trotzdem habt ihr mir die Schlange gezeigt. Warum? Ist dieser Nervenkitzel auch eine Art der Muse für Euch?” Langsam trat er auf Khadana zu, bis er ihr in die Augen sehen konnte. “Aber seid unbesorgt, Signora. Nichts was Euch in Bedrängnis bringen könnte, wird diese Lippen verlassen, habt ihr mir weder Leid noch Schaden zugefügt. Nein, ihr habt meine Neugierde geweckt.”
„Ich hatte es nicht als Nervenkitzel wahrgenommen. Vielleicht bin ich noch zu sehr an Mirham gewöhnt. Dort muss man mit seinen Golems nicht so aufpassen.“ Die di Solano, überlegte kurz. „Aber wir können das doch ein bisschen Amoralität nennen.“ Khadana lachte ein wenig. „Um hervorzustechen.“ Ihr Lachen hörte schnell wieder auf und wurde durch ein Lächeln ersetzt. „Aber ich hatte euch meinen Golem gezeigt, da ich dachte, ihr seht es als das, was es ist. Ein Kunstwerk. Keine Waffe, wie es wohl viele hier sehen. Und was die Praioskirche anbelangt, sowie eure Familie. Ich kann nur wiederholen, dass ich kein Interesse daran habe, gegen die Ordnung hier zu verstoßen, noch habe ich vor jemandem zu schaden. Ich hoffe, dass es genug ist, um ungestraft leben, lehren und arbeiten zu dürfen. Aber habt Dank, dass ihr so freundlich seid, es bedeutet mir viel.“
Niccolo hob die Hände. “Ich bin so freundlich, wie man mir entgegenkommt, Signora. Und ich genieße die angenehme Begleitung.” Er erwiderte das Lächeln. “Sagt, hättet ihr Interesse an einer gemeinsamen Arbeit? Eine Skulptur aus Stein, in rahjagefälliger Pose, mit leuchtenden Farben bemalt.” Die Augen des jungen Malers begannen zu leuchten. “Eure Form der Perfektion gepaart mit meinem Ausdruck für Emotionen. Könnte das für Euch in Betracht kommen?”
„Der Idee wäre ich nicht abgeneigt. Eine Kombination mehrerer Kunstrichtungen. Zusammen, ein besseres Werk.“ Khadana sah nachdenklich in die Bucht. „Signor, ihr habt meinen Meißel. Schwebt euch denn schon etwas Genaueres vor? Wie ein Motiv, einer Muse oder müssen wir uns nach jenem auf die Suche machen?“ Aus Khadanas Gesicht konnte man ablesen, dass sie es nicht vorwerfen würde, müsse man denn noch die Muse finden.
“Ich sehe zwei wunderschöne Augen und die Grundfarbe blau. In meinen Gedanken stelle ich mir einen Sockel in dieser Farbe vor, gekrönt von Wellen in verschiedenen Blautönen. Azurblau, Marineblau….hört ihr die Wellen, wie sie an Land brechen? Was sind Eure ersten Gedanken?”
„Ein Sockel wie eine Kline, einen Körper herausbrechend aus einer Bedeckung durch Wellen, als wären diese eine Decke und ein Kopf mit langen Haaren, der durch eine Kopfstütze in Hangmanier gestützt wird.“ Khadanas Augen lagen immer noch auf der Bucht. „Die Wellen, ein Krachen und doch so in Harmonie. Nach keinem ordentlichen Takt, aber einem natürlichen. Ich kann sie einfangen. Diese Melodie.“
“Und an was denkt ihr, soll aus den Wellen entsteigen? Ein Mensch, ein Necker, ein Risso? Ideen über Ideen.” Niccolo wurde vor Tatendrang hektisch, aufgeregt und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. “Gelehrte Dame, Signora,....hach, so viele unnütze Titel, wenn man sich jetzt durch seine Leidenschaft verbindet. Darf ich Euch einfach Khadana nennen?....Da ihr hier auf dieser Schule unterrichten werdet, hast du bestimmt schon einen Platz, wohin du dich zurückziehen kannst?” Wie selbstverständlich war er ins du übergegangen. Schon stand er vor ihr und ergriff ihre Hände mit sanftem Druck. “Dann lass uns dorthin gehen und unsere Gedanken festhalten, bevor Satinav diese wieder verschwinden lässt.”
„Bitte hier entlang…“ Khadanas kopf sprudelte nun auch voller Ideen. Vor ihrem geistigen Auge, konnte sie schon die ersten Schläge sehen, die sie ausführen würde. „…meine Räumlichkeiten liegen im Westflügel auf diesem Stockwerk.“ Die Golemantin zog etwas an den Händen, die ihre umschlossen, um ihrem Gegenüber auch physisch zum Folgen aufzurufen. „Das wird sicherlich ein gutes Werk Niccolo. Es wird gut.“
Am Leuchtturm von Efferdas ein paar Tage später
Sie hatten den Trubel der Stadt Efferdas hinter sich gelassen und haben den Weg zum Leuchtturm erklommen.
In den letzten Tagen hatten sich Niccolo ya Pirras und Khadana di Solano öfters getroffen, um ihr gemeinsames Kunstwerk zu besprechen. Material, Form, Farben, all das, was es zu berücksichtigen gab. Und es zeigte sich, dass, wenn zwei Künstler aufeinandertrafen, es auch unterschiedliche Ansichten gab.
Der Wind blies beiden kalt in ihre Gesichter und Khadana zog ihre Robe mit der Kapuze etwas enger. Niccolo schaute in die Höhe und er hatte wieder das Gefühl, das nach dem Wiederaufbau das Licht des Leuchtturms heller erstrahlte als früher, was auch nicht verwunderlich wäre, schließlich befand sich der Schrein des Herrn Praios unter dem Dach und weiste den Seefahrern dem Weg in die Stadt.
Beide gingen an den Rand der Klippe und schauten auf Efferds Welt. Er war stürmisch und das Meer war unruhig. Einige Fischerboote waren zu sehen, die ihre Netze ausgeworfen hatten, sich aber wegen des Wellengangs nicht weiter hinaus fuhren. Das Geschrei von Möwen war zu hören und die Wellen brachen sich geräuschvoll an dem Rand der Klippen.
“Wenn wir die Farben und Formen des Meeres einfangen könnten. Diese Kraft, diese Wildheit…..Mirham liegt doch auch am Meer? War es dort genauso?”, fragte Niccolo und blickte zu Khadana. Die Magierin sah auch Niccolo an. „Mein guter Niccolo, Mirham liegt nicht am Meer, es liegt am Fluss Chamir und der fließt in die Schicksalsbucht. Ich war aber auch mal an der Schicksalsbucht. Das Wasser dort ist türkiser aber genauso rau. Nicht schöner, nicht hässlicher, nur anders.“ Khadana sah sich um. Der Wind klatschte ihr die Kapuze direkt ins Gesicht. Ihr Ton war etwas gereizter ob des Windes. „Aber was genau wollen wir hier? In einem Praiosschrein werden wir wohl nicht die richtige Muse finden.“ Die Golemantin hatte für den heutigen Tag ihre Golems nicht mitgenommen. Sie hatte Angst, der Wind würde sie vielleicht wegwehen.
“Verzeiht bitte meine Unwissenheit gelehrte Dame, brachten mich meine abenteuerlichen Reisen bisher nur auf die Zyklopeninseln.”, sprach Niccolo in einem beleidigten Ton, aber mit einen Grinsen im Gesicht “Und nein, im Praiosschrein werden wir unsere Muse bestimmt nicht finden. Aber vielleicht bei einem Blick auf die Wellen oder dem Gefühl des Windes, wenn er einem ins Gesicht peitscht. Oder wenn wir einem einsamen Wanderer, der sich, genau wie wir, der Witterung zum Trotz auf die Klippen wagt, begegnen und dessen Schönheit uns in seinen Bann schlägt.” Theatralisch breitete Niccolo die Arme aus. Als er sah, das Khadana sich davon nicht beeindrucken ließ, sondern ihre Miene noch düsterer wurde senkte er diese wieder und zuckte mit den Schultern. “Hast du dich denn schon entschieden, wen wir aus den Wellen steigen lassen? Ich fände einen Necker oder Neckerin je nach Modell passend. Mit einer Hautfarbe dem Meer fast gleich. Dann können wir mit verschiedenen Farbnuancen spielen. Ein Wesen, verborgen in den Wellen und doch kann man einen Körper und ein Gesicht erahnen.”
Khadana sah auf das Meer. „Ja, es wäre wohl sehr späktakulär, wenn es ein Wesen des Ozeans wäre. Es wäre wundervoll, doch weiß ich nicht so recht, ob ohne Vorlage, mir ein Wesen wie die Necker so gut gelingen will. Ich bin noch nicht so weit, ein Gesicht mit Körper ohne Vorlage aus dem Stein herausschlagen zu können. Wir bräuchten, wenn nicht einen Necker, ein Wesen, was gut daran heranreicht.“ Für einen Moment wurde der Wind sanft. Eine Wolke verschob sich und die Praiosscheibe ließ das Wasser glitzern, wie viele kleine Kristalle. Ein Anblick, als schwammen viele kleine Diamanten auf einem gigantischen Saphir und auf eben jenes beleuchtete Wasser, legten sich ein paar Delphine. Ihre Torsos vom Wasser versteckt, aber die Häupter klar zu sehen. Khadanas Blick wandte sich vom Mürrischen ins Verträumte. „Schönheit.“ war das einzige, was über ihre Lippen kam.
“Wie wahr.”, sagte Niccolo und geriet ebenso ins Schwärmen. Er warf einen Blick über das Meer, vorbei an der Kante der Klippen und dann sah er sie. Eine Gestalt, die dort entlang lief. Langsam, bedächtig. Gewandet in ein Kleid, genauso türkisfarben wie das Meer. Wind kam wieder auf und fegte durch das Haar der Gestalt, welches auch in einem grünfarbenen Ton leuchtete. Ja, es leuchtete durch die Strahlen der Praiosscheibe wie das Meer, also ob unzählige Diamanten eingewoben waren. Niccolos Augen weiteten sich und er sprach zu Khadana. “Siehst du sie? Siehst du die Gestalt aus dem Meer? Sie kommt auf uns zu.”
Da stieg tatsächlich eine Person aus dem Wasser. Langsamen Schrittes, ihre Kleidung nass und damit eng an ihrem Körper klebend, machte sie einige Schritte über den Kiesstrand an dieser Stelle. Langsam fuhr sie sich durch ihr grünbläuliches Haar und schien das Salzwasser so langsam herauswringen zu wollen. Eine junge Frau um die zwanzig, älter schien sie nicht zu sein und dennoch kamen mit ihr einige Fragezeichen mit an Land gespült. Was wollte sie im Wasser? Und warum betrat sie es mit Kleidung? Kurz beugte sie sich nach vorne, um sich noch einmal durch die Haare zu gehen, bevor sie mit Schwung zurück fuhr. Dann blickte sie in Richtung der beiden Künstler. Ein fast schelmisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und kurz nickte sie den beiden zu. Dann kümmerte sie sich wieder um ihre ebenso türkisblaue Kleidung und schüttelte sie ein wenig vom Leib, damit sie nicht mehr so arg an ihr klebte. Kurz noch den Kopf nach rechts und links gewendet, als wolle sie Wasser aus ihren Ohren fließen lassen, dann ging sie den Strand entlang als wäre nichts gewesen. Auch die beiden Künstler schien sie nicht weiter beachten zu wollen und so drohte sie, bald schon um die Ecke einiger am Strand lagernden Sandsteinfelsen aus dem Blickfeld der beiden wieder zu entschwinden.
Khadana wusste nicht, wie ihr geschah, da hatte Niccolo schon ihre Hand ergriffen. “Sie darf nicht verschwinden. Nein, nein, nein.” Mit diesen Worten zog er sie mit sich. “Ich weiss wo der Weg von der Klippe zum Strand führt. Schnell.” Niccolo zog Khadana trotz Protest mit sich. Fast wäre sie gestolpert, da blieb er stehen. Vor ihnen war ein Weg zu sehen. Er führte an der Klippe entlang, nach unten bis zum Strand. Zwei Menschen konnten nicht nebeneinander laufen und das Geländer aus Holz hatte schon bessere Zeiten gesehen. Niccolo lies Khadana los. Er wirkte hektisch und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. “Sie ist noch nicht hier oben. Komm, wir gehen ihr entgegen.” Er wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern machte sich auf den Weg zum Strand. Unten angekommen nickte Niccolo Khadana zu und ging dann in die Richtung, aus der die Gestalt kommen sollte. Kies knirschte unter seinen Schuhen. Der Rest eines Ausläufer der Wellen umspülte seine Schuhe. Ein kurzer Augenblick und die Gestalt trat um eine Ecke und ihm entgegen. Vor ihm stand eine junge Dame in einem nassen türkisfarbenen Kleid mit Stickereien von Delfinen an den Ärmelsäumen. Ihre feuchten grünbläulichen Haare lagen platt auf ihrem Kopf. Niccolo erkannte sie sofort. Liaiell di Camaro, Tochter des Efferd-Hochgeweihten von Efferdas. “Signora Liaiell, sehr erfreut euch zu sehen. Ich bitte euch. Seid meln Modell, meine Muse, meine Erleuchtung.”
Die junge Dame blinzelte und legte den Kopf leicht schief, was offensichtlich ihre Form der Verwirrung darstellte. Dann musste sie Lächeln. Was passierte denn hier gerade? “Ehm… Efferd mit euch…” versuchte sie etwas Normalität in diesen Überfall zu bringen. Ihr Blick wurde etwas strafend. “... und schön, dass ihr zumindest meinen Namen kennt. Helft mir auf die Sprünge…” “Verzeiht… ich bin Niccolo… Ya Pirras. Signor Erdanos ältester Sohn.” verbeugte er sich kurz, nur um festzustellen, dass er seine Begleitung bereits vergessen hatte. “Und das hier ist Khadana di Solano, eine begnadete Bildhauerin.”
“Ah. Senhor Erdanos Sohn. Dann seid ihr zurück aus Methumis.” kannte sie seinen Vater natürlich deutlich besser, noch aus ihren gemeinsamen Erlebnissen in der Höhle der Helden, damals beim Putschversuch.
“Schon etwas länger…” bemerkte Niccolo, dass zumindest in den letzten Jahren er für diese Muse offensichtlich nicht auffällig wurde. “Und jetzt wollt ihr mich… zeichnen? Just, nachdem ich aus dem Meer gestiegen bin und nasse Kleidung trage? Ihr haltet diese Anfrage für… angemessen?” fragte sie scharf.
Niccolo ward kurz etwas verlegen und suchte nach Worten, doch Liaiell begann wieder zu lächeln. Sie musterte Niccolo von oben bis unten, blickte dann auf Khadana, welche deutlich sinister wirkte und wieder zurück zu Niccolo. Zugegeben, er sah durchaus niedlich aus, aber das führte doch zu weit. “Mit Verlaub, das Amt einer Muse und einer Erleuchtung steht hier in der Stadt doch eher Senator Binder zu. Wenn ihr ihn im ersten Satz begrüßt, eure Erleuchtung zu sein, könntet ihr damit sogar Erfolg haben. Aber ich denke, ich folge dann doch eher dem Weg der Würde.”
Khadana wandte sich an Liaell „Signora, vielleicht ist der verehrte Signor ya Pirras etwas zu forsch vorgegangen und hat den falschen Eindruck erweckt.“ Khadana verwies auf sich und Niccolo. „Wir planen ein Werk, dass ein Motiv besitzen soll, welches eurem Auftauchen sehr ähnelt. Wir sind heute zur Suche unserer Muse hierher gekommen. Es erscheint wie ein Wink der Zwölfe, das ihr uns nun so erscheint, war es doch in der Manier, in welcher wir schon dachten. Deshalb kurz unser Vorhaben, sodass ihr entscheiden könnt, ob ihr eure Schönheit zwei Künstlern verweigern wollt. Es wäre euer gutes Recht. Eine Statue, gemeißelt von mir und bemalt von Signor ya Pirras und, falls ihr gewillt seid, mit euch als Muse.“ Der Ton Khadanas war so weich wie sie nur konnte. „Was sagt ihr?“
Liaiell blickte sich kurz herum. “Ich… bin die einzige Person an diesem Stück Küste. Ich danke euch für die Klarstellung, Senhora aber jetzt klingt euer erhofftes Kunststück wie etwas, was möglichst schnell fertig werden muss. Was, wenn ich nicht zufällig hier gewesen wäre? Hättet ihr mangels Alternativen eine Robbe zu eurer Muse erwählt? Ihr seht mich also weiter skeptisch. Ich will mit Verlaub auch nicht Modell stehen für eine Statue, die nur mein Aussehen widerspiegeln soll. Das ist ganz sicher nicht das, was in Ewigkeit von mir erhalten bleiben soll. Vor allem, wenn dann nachher noch solche wilden Wünsche aufkommen sollten wie das Abstreifen dieser nassen Kleidung. Das kennt man ja in der Kunstwelt, so wie ich das hörte.” wirkte Liaiell wirklich nicht sehr angetan.
“Diese Art von Kunst liegt nicht in unserem Sinne, Signora Liaiell. Weder sollt ihr eure Kleidung abstreifen, denn wir erschaffen keine rahjagefällige Skulptur, noch sind wir in Eile. Im Gegenteil, wir haben alle Zeit Deres ein Kunstwerk zu erschaffen, ein Kunstwerk, das die Perfektion Signora Khadanas und mein Verständnis für Farben in einer wunderbaren Vereinigung zeigen soll. Bevor wir auf dieser Klippe waren, hatten wir nur eine Vorstellung über den Sockel und das Meer, welches den Boden bedecken soll, aber euer Anblick, als ihr aus dem Meer entstiegen seid, lässt meinen Kopf vor Ideen sprudeln.” Niccolo holte kurz Luft. “Bitte, Signora Liaiell, gebt uns die Möglichkeit, Euch unsere Ideen zu beschreiben, unsere Gedanken zu verstehen. Nicht hier, nicht so. In meinem oder Signora Khadanas Atellier. An einem Ort eurer Wahl. Nur lasst diesen Moment nicht einfach so verstreichen.” In seiner Stimme war ein Flehen zu hören.
Ein wenig Erweichend war Niccolos Flehen ja schon. Und dennoch, ihr Vater und ihre Mutter hatten sie nicht zu einer leichtsinnigen Närrin erzogen. Noch einmal sah sie Niccolo vom Kopf bis zum Scheitel an. “Ich… habe eine Idee. Ich denke, ihr werdet als so große Künstler ja kluge und kreative Personen sein. Wenn ich wirklich die eine unter eintausend Robben sein sollte, die Efferd und Hesinde euch persönlich vor die Füße geworfen haben will, dann sollte die Erinnerung an mein Wesen ja bereits inspirierend genug sein, als dass in euch ein Kunstwerk heranwächst. Wie wäre Folgendes. Wenn euch ein Kunstwerk gelingt, das mein Wesen fängt, dann sage ich euch den Besuch in eurem Atelier zu. Nicht vorher. Und damit ihr diesen Gedanken nicht vergisst…” Liaiell hob ihre Hand und fuhr mit der Rückseite jener einmal an seiner Wange entlang, sah ihm dabei in die Augen. Dann pustete sie einen kurzen Luftzug in sein Gesicht. “Efferd mit euch, Senhor Niccolo. Und Hesinde mit euch, Senhora Khadana”. Mit diesen Worten setzte sie sich wieder in Bewegung, langsamen Schrittes nach Hause.
Als Liaiell schon etwas entfernt war, wandte sich Khadana an Niccolo. „Und wie genau sollen wir etwas schaffen, was das Wesen einfängt, wenn der Eindruck, den wir haben ein halbes Gespräch ist? Wir brauchen Informationen. Du kennst sie wenigstens vom Sehen her. Woher bekommen wir verlässliche Informationen? Sie muss die Muse werden. Er muss sie geschickt haben.“ Niccolo aber überhörte das Gesprochene, perplex durch die Geste der Gehenden. „Niccolo?“ die Worte sollten den Maler wieder zu ihr zurück holen, aber irgendwie wusste sie, es würde nichts bringen.
Niccolo schaute Liaiell weiter hinterher, als er Khadana antwortete. “Sie ist bei den Gläubigen im Tempel bekannt. Diese werden wir nach ihrer Meinung fragen. Nicht ihre Familie. Das könnte unangenehm werden. Wir werden das Gespräch mit ihr suchen, wenn sie es will. Und wir werden sie beobachten. So unauffällig wie möglich. Und mit dem, was wir so erfahren, werden wir ein Bild von ihr erschaffen, um sie von uns zu überzeugen.” Wieder ergriff er Khadanas Hand. “Komm, lass und keine Zeit verlieren.” Und schon zog er Khadana unter Protesten ihrerseits hinter sich her.
Das Wesen Liaiells
Die nächsten Tage und Wochen gingen ins Land und sie fragten, beobachteten und versuchten,sich einen Eindruck von der Tochter des Efferd-Hochgeweihten zu machen.
Während sich Niccolo daran machte, ein Bild zu malen, was das Wesen Liaiells zeigen sollte, machte sich [[Khadana di Solano|Khadana)] Gedanken darüber, welche Steine sie für den Rahmen verwenden wollte. Zu schwer und wuchtig sollten sie nicht sein, schließlich gilt es nur ein Bild zu ummanteln.
Zum ersten Mal nach seinem Studium malte Niccolo wieder ein Bild, wo man ihm vorgab, was es ausdrücken sollte. Dies wollte er eigentlich nicht mehr, doch war er von Liaiell so fasziniert, dass er darüber hinweg sah. Umso kritischer war er bei seinem Werk und erst als er vollends zufrieden damit war, liess er es rahmen und sie suchten Liaiell im Tempel vom güldenen Dreizack auf.
Das Bild, gut vor den äußeren Einflüssen geschützt, unter dem Arm geklemmt marschierten Khadana und Niccolo auf den Vorplatz des Tempels vorbei an den Ständen der Reliquienverkäufern, denen man hier nicht Herr zu werden schien..Sie durchschritten eines der geöffneten Tore und hielten inne. Niccolo kramte in seinem Geldbeutel, legte einige Münzen in eine Opferschale und sprach ein kurzes Gebet. Es war anscheinend wirklich kurz, denn sofort nachdem er in sich ging, öffnete er seine Augen wieder. Er erblickte einen Novizen. “Efferd zum Gruße, meln Junge. Sag, ist Signora Liaiell di Camaro zugegen und wäre es möglich wenn sie uns einen Augenblick ihrer wertvollen Zeit schenkt?”
Der junge Novize guckte den Künstler mit der für ihn so gestelzten Aussprache erst etwas doof an. “Sing-Ola-Li-a-lalala-lila? Ach… Li! Du willst zu Li…!” der Novize schien nicht sehr helle. “Joa. Keine Ahnung, ob die einen Augenblick Zeit hat. Vielleicht fragst du sie mal?” “Ehm…” sammelte sich Niccolo. Dann eben etwas langsamer. “Und… damit ich sie das fragen kann, ist Li denn hier?” “Das ist sie in letzter Zeit total oft. Sie rennt im Archivbereich rum und liest viel.” nickte der junge Novize eifrig. Er mochte vielleicht zehn Jahre alt sein, aber sein Potential als zukünftiger Efferdgeweihter betrachtend, warf die Vermutung nahe, dass er später einmal mit einem Noviziat in der Khom bereits überfordert sein könnte.
Der Pirras-Sprössling atmete tief durch. “Und “rennt” sie auch heute im Archivbereich herum, um zu lesen?” “Woher soll ich das wissen, ob sie da gerade liest? Ich kann doch nicht durch Wände gucken? Ihr stellt merkwürdige Fragen…” Er war kurz davor, eine Backpfeife zu kassieren. “In Ordnung, fragen wir anders. Ist dir heute, sagen wir innerhalb der letzten ein zwei Stunden hier im Tempel Li begegnet?” “Nein. Das Archiv ist ja im Gebäude gegenüber. Da sitzt der Gefährte Sâl. Wenn sie da wieder Dinge liest, dann da. Ich hab sie nur heute morgen gesehen. Sie hat ihrem Papa kurz Hallo gesagt und ist dann Richtung Archiv gegangen. Soll ich ihren Papa rufen? Der weiß vielleicht mehr?”
Niccolo hob die Hände. “Nein… Danke… das wird nicht nötig sein. Weißt du den Weg zum Archiv?” “Ja. Draußen….” es entstand eine gefährliche Stille, die der Novize aber zuerst wieder mit notwendigem Leben füllen konnte. “Das Fachwerkhaus gegenüber… das mit dem Fisch, der eine Schriftrolle im Maul trägt.”
Na gut. Das sollte sich in der Tat finden lassen. Der Künstler drehte auf dem Absatz um und verließ den Tempel wieder. Vielleicht sollte er beim nächsten mal etwas mehr spenden, dieser Novize hatte definitiv noch einiges an Ausbildung nötig.
Im Archivgebäude war die Suche dann schneller und einfacher. Liaiell war schon im Eingangsbereich zu sehen, wie sie an einem Tisch saß und vor ihr eine ganze Reihe von Schriftstücken studierte. Sie zeigten anatomische Studien von Meerestieren, doch zwei größere Folianten schienen das Thema Drachenschildkröte auszuführen. Seit dem Erscheinen Bassgas hatte Liaiell sehr viel Zeit hier verbracht und versucht, alles aufzusaugen, was man über diese gar göttlichen Tiere in Erfahrung bringen konnte. Doch mit jedem Buch stieg nur die Anzahl der Fragen. Der Zustand ihrer etwas zerrauften Haare legte die Vermutung nahe, dass sie auch in diesen Folianten schon länger blätterte und nicht richtig vorankam.
“Signora Liaiell?” unterbrach Niccolo die junge Frau aus ihren Gedanken. Als sie sich umblickte und ihn erkannte, wirkte sie für einen kurzen Moment erst erleichtert, dann wechselte das Gesicht auf genervt. “Senhor Niccolo! Wie geht es eurem Pinsel?” nickte sie ihm leise zum Gruße zu.
Niccolo ignorierte die Frage, obwohl ihm eine passende Antwort auf der Zunge lag. Sie hätte die Laune Liaiells nur noch mehr verhagelt. Ihr Gesicht sprach Bände und Niccolo fühlte sich fehl am Platz. Aber er hatte einen guten Grund hier zu sein. “Den Zwölfen zum Gruße Signora Liaiell. Wir sind hier, um Euch die Fertigstellung des Bildes zu verkünden. Das Bild, was Euer Wesen darstellen soll.” Er deutete auf das Paket, welches er trug. “Sagt Signora, wo wollt ihr es in Augenschein nehmen?”
Kurz blickte sie auf die Folianten auf dem Tisch vor ihr. Das Bild würde eine gelungene Abwechslung zu dieser schweren Kost darstellen. Aber sie wusste auch, dass sie nun aufpassen musste. Wenn ein Fremder in einem Gemälde, so gut es auch sein mochte, es tatsächlich vollbringen würde, dass man von einem kurzen Treffen am Strand ihre Seele einfangen könnte, könnte das nur bedeuten, dass ihre Seele nicht viel Wert sei. Entsprechend musste sie nun so wenig Regung und Emotion wie möglich zeigen. Zudem hielt sie das Gefasel von Muse und Erleuchtung immer noch für fürchterlich dick aufgetragen. Wer war sie schon. Und noch etwas - wenn sie wirklich Niccolos Muse und Inspiration wäre, dann wäre sie bei einem Erfolg schneller verbrannt als eine Kerze aus Efferdossa. Nicht, dass ihr Niccolos persönliche Beweggründe gerade wichtig wären, aber sie wurde auch nicht zum schlechten Menschen erzogen. So richtete sie ihren Blick wieder auf den Künstler. “Na, dann zeigt mal her…” gab sie mit erschöpften Blick das Kommando.
Vorsichtig legte Niccolo das Bild auf den Tisch. Bedächtig, fast schon feierlich, legte er die Lederbahnen, in die er das Kunstwerk eingepackt hatte, beiseite. Nach und nach kam es zum Vorschein und als es offen vor ihm lag, atmete er einmal tief durch und hob es an.

"Lasst mich Euch erklären, was ich mit diesem Gemälde ausdrücken wollte. Ich wollte mit der Darstellung Eurer mintgrünen Haare und das in verschiedenen Blau-, Türkis- und Grüntönen gehaltene Gewand Eure Verbindung zu Efferd unmittelbar sichtbar machen. Dieses verstärkt durch die Fahne mit einem Delfin über stilisierten Wellen und des Ortes, einer altertümlichen Tempelarchitektur des Meeresgottes. zur Ehre. Ihr wirkt dadurch zwar eindeutig als Tochter des Tempelvorstehers und als Frau, die dem Efferdglauben sehr nahesteht, aber nicht wie eine Geweihte. Eure Kleidung und die Symbole sind Ausdruck Eures persönlichen Glaubens, nicht eines Amtes.
Besonders wichtig war mir Eure Körperhaltung und Euer Gesichtsausdruck. Nicht stolz oder selbstbewusst in Richtung des Betrachters solltet ihr blicken, sondern leicht zur Seite und nach unten. Einen sanften Ausdruck im Gesicht, der nachdenklich und ein wenig melancholisch wirkt. Ihr scheint körperlich anwesend zu sein, aber mit Euren Gedanken jedoch irgendwo weit draußen auf dem Meer. Damit wollte ich Eure beinahe schwebenden Bewegungen und Eure stille Art bildlich vermitteln.
Das Meer im Hintergrund steht für Eure innere Welt: weit, tief und ständig in Bewegung, obwohl die Oberfläche des Bildes ruhig wirkt. Die warme Abendbeleuchtung und die Kerzen des Tempels vermitteln Geborgenheit, während der offene Horizont gleichzeitig eine gewisse Einsamkeit erzeugt.
Im Kern sollte das Bild daher eine stille, mitfühlende und tiefgründige Frau zeigen, die anderen Menschen Halt gibt. Wie jemand, zu dem man sich mit seinen Sorgen setzen und dem man seine Geheimnisse anvertrauen könnte.
Die Wirkung ist deshalb bewusst nicht majestätisch oder kämpferisch, sondern sanft, melancholisch und beinahe entrückt. Ihr erscheint wie eine ruhige Gestalt zwischen Meer und Tempel. Fest mit Eurer Familie, Eurem Glauben und Eurer Heimat verbunden."
Khadana die etwas hinter dem Maler stand, meldete sich zu Wort. „Ich muss sagen, ich teile dieses Sentiment. Denn auch der Rahmen….“ Die Künstlerin zeigte auf den Rahmen des Bildes, bestehend aus Sandstein. „… zeigt, wie ihr sehen könnt, das Motiv der sanften steten Wellen, doch wenn ihr genau seht, dann immer mit kleinen Imperfektionen. Der Mensch, so auch ihr ist imperfekt. Reinzustände findet man bei so komplexen Wesen nicht. Ich verzichtete auf Ornamente eures Hauses, eures Vaters. Ihr seid nämlich allen voran ihr selbst. So früh im Leben kann sich noch viel ändern. Deshalb ist der Rahmen noch nicht fertig. Weil ihr noch nicht fertig seit und auch nie werdet, wie jeder. Ich habe vor, wenn ihr einwilligt, im Verlauf eures Lebens auf die Wellen, mit Stuck, euer Leben zu setzen. Form für Form ein Sinnbild für das Leben was das Wesen umrahmt und veredelt.“
Liaiell blickte das Bild lange und wortlos an. Sie mochte nach außen hin in sich gekehrt und nahezu emotionslos wirken, doch tief in ihr versuchte sie eigentlich nur bestmöglich zu unterdrücken, dass sie vor Freude am liebsten aus der Haut fahren würde. Jemand hatte sie tatsächlich gezeichnet! Und auch wenn es von den beiden schon wieder etwas dick aufgetragen war, sie liebte das Bild. Auf die erwartungsvollen Blicke der anderen beiden hin räusperte sie sich kurz.
“Ich…”. Sie schluckte noch einmal, um ihre Stimme zu regulieren, sie hätte sich sonst wohl verraten. Nun klang sie sonorer. “Ich fasse zusammen. Ihr sagt, mein Wesen wäre das einer sanften, liebenden, gläubigen aber einsamen Person? Die Tochter eines Vaters, welche nicht majestätisch oder kämpferisch wirkt, aber dafür traurig? Hm…”, gab sie einen grübelnden Laut von sich. Aber sie merkte auch, wie ihre Fassade jeden Moment zu bröckeln drohte.
Sie erinnerte sich, was sie sich vorgenommen hatte. Was für ein wundervolles Bild. Wenn sie ihnen nun sagen würde, es wäre gelungen… dann wäre ihr Ziel erfüllt. Und das, was sie von ihr so sehr erhofften - Inspiration und Erleuchtung - nicht mehr vonnöten. Nein. Sie musste sie irgendwie noch leiden lassen. Aber wie konnte sie das in ihrem jetzigen Status tun? Glaubwürdig?
Sie blickte noch einmal zum Bild und wieder zu den beiden. “Entschuldigt mich kurz…” Mit diesen Worten schritt sie - in ihrer scheinbar ach so schwebenden Art - ins Nachbarzimmer und schloss eine große, dicke Holztür hinter sich. Sie lehnte sich zunächst gegen die Tür und atmete aus. Dann übermannte sie das große Grinsen, dass sie so lange in sich tragen musste und sie beinahe platzen ließ. Sie ging drei Schritte in den Raum und fing an, wie ein kleines Kind zu kichern und hüpfte dabei vor Freude ein paar mal auf der Stelle, während sie merkwürdige Quiekgeräusche von sich gab. Immer noch nicht zu laut, sie wollte ja nicht durch die Tür zu hören sein. Dann atmete sie merklich aus.
“Gut, Liaiell, Haltung wahren…” verzweifelt versuchte sie, das Grinsen aus dem Gesicht zu bekommen. Sie drehte sich wieder zur Tür um. Nein… keine Chance. Diese Freude hatte sich eingraviert wie in eine Statue. So konnte sie da nicht wieder raus. Kurz blickte sie sich links und rechts um, dann trieb sie die Panik zum Fenster des Raumes. Sie öffnete es, kletterte nach draußen und rannte davon.
Einige Zeit später - die beiden warteten wirklich geduldig, aber vergebens auf ihre Wiederkehr, betrat ein den beiden Künstlern bereits bekannter 10-Jähriger Tempeldiener das Archiv. “Sind sie die Künstler Khaccolo und Nidana?” “Um… nein… nicht ganz.” grummelte der sichtlich irritierte Niccolo. Der Tempeldiener seuftze und drehte sich schon um, um wieder zu gehen, da hielt Khadana ihn auf. “Aber wir kennen sie, können wir etwas ausrichten?” “Ja, ich habe eine Nachricht von Li. Also Lialalalili… Li eben.” Mit diesen Worten legte der Tempeldiener den beiden eine weiße Rosenknospe und etwas Safran auf den Tisch, direkt neben das Bild und ging einfach wieder.
Niccolo schaute auf die beiden Dinge, die der Junge dort platziert hatte. Flor Falar. Eine Sprache für sich, die ihm, auch wenn er schon einige Götterläufe wieder in Efferdas weilte, immer noch nicht ganz geläufig war. Er dachte über die Bedeutung beider Pflanzen nach. Dann atmete er tief durch. “Ich glaube, wir haben es übertrieben und sie zu sehr bedrängt.”, murmelte er.
Khadana atmete hörbar aus. „Ehrlich, atstatt uns eine direkte Auskunft zu geben, lässt sie Blumen bringen. Diese verdammte Flor Falar. Was bedeuten die denn jetzt wieder. Eine Rosenknospe und Safran? Niccolo, weißt du was das bedeutet. Pflanzenkunde ist eher die Expertise anderer Teile meiner Familie.“
Mit einem Lächeln wandte sich Niccolo zu der Magierin. "Das ist das Besondere an Flor Falar. Es lässt jede Menge Raum für Interpretationen. Meine Cousine Terantina ist elne wahre Meisterin darin. Nun,.die Rose steht eigentlich für ‘ich kenne die Liebe noch nicht’, also für Unerfahrenheit. Ich denke aber dies bezieht sich in unserem Fall nicht auf Liebesdinge, sondern eher darauf, dass bisher noch niemand mit so einem Wunsch, wie wir ihn geäußert haben, auf sie zugekommen ist. Und der Safran steht für ‘Hüte dich vor Ausschweifungen’. Vielleicht haben wir sie durch unsere Interpretation des Kunstwerkes überfordert.”
Niccolo begann das Bild wieder vorsichtig in das Leder einzuwickeln. “Natürlich finde ich es schade, dass sie dies uns nicht direkt so ausdrücken kann, aber auf eine gewisse Art und Weise hat sie mir uns kommuniziert, aber leider damit noch mehr Fragen aufgeworfen.”
Vorsichtig hob er das Bild an und klemmt es sich unter den Arm. “Wenn nichts dagegen spricht, würde ich es gerne in meinem Atellier aufbewahren, bis wir eine befriedigende Antwort haben und Signora Liaiell die Zeit geben, die sie benötigt.” Eine gewisse Enttäuschung war Niccolo schon anzusehen. “Ich werde ihr aber eine entsprechende Antwort durch die Blume zukommen lassen.”
Es vergingen wieder einige Tage und Liaiell war ein weiteres Mal mit ihren Büchern beschäftigt, als es an der Tür zum Archiv klopfte.
Ohne eine Anfwort abzuwarten, öffnete ein junger Novize schwungvoll die Tür. “Li, das hier ist für dich. Von dem Signor, der vor einigen Tagen hier war.” Er stellte ihr eine kunstvoll mit Wellenmustern verzierte Blumenschale auf den Tisch. “Ich gehe dann wieder.”, sprach der Junge und ließ Liaiell mit ihren Gedanken allein.
Da saß sie nun mit einem offenen Folianten, daneben das Pergament mit den von ihr niedergeschrieben Notizen, auf das jetzt die Tinte von der Spitze des Federkiels tropfte. Eine Blumenschale bestehend aus Ritterstern, Pfirsichblüte, Brunnenkresse und Jonquille. Flor Falar, sie hatte damit angefangen.
Kurz legte sie die Feder beiseite und betrachtete die Schale genauer. Sie ahnte schon beim Blick auf den Ritterstern, wer diese Person sein konnte. “Schön, doch scheu und still.” Der Herr schien Freude daran zu haben, das Offensichtliche zu wiederholen. “Ein Blumenplauderer” seufzte sie, bevor sie sich die anderen Blumen genauer ansah. Auch die Pfirsichblüte war nichts neues. Ja, sie hatte begriffen, dass er sie bezaubernd fand. Sie fand ihn ja auch niedlich. Aber die Pfirsichblüte mit anderen Blumen auf einem Teller zu servieren, machte aus diesem Kompliment automatisch ein “Du bist bezaubernd. ABER…” und die Brunnenkresse war auch gleich schon wie ein Luft holen zu verstehen. “Du entscheidest über mein Glück.” Darin lag auch eine Drohung. Noch finde ich dich bezaubernd, aber es liegt in deiner Hand, ob das so bleibt. Die vierte Blume würde normalerweise nun zeigen, ob er dann nur traurig oder wütend würde. So, wie sie die Menschen, die sich immer wieder ihren Rat für ihre persönlichen Probleme einholten, studieren konnte, so bemerkte sie auch, dass es immer das gleiche Muster war. Es kam meist auf jede Trauer die Wut, bevor daraus ein Verhandeln und schließlich irgendwann endlich die Akzeptanz wurde. Wohlan. Die Jonquille sollte entscheiden, ob sie Niccolo nun los war oder nicht. "Erwidere bitte meine Zuneigung.”
Sie seufzte. Er war so niedlich, aber auch irgendwie… unerträglich devot. Was dachte er sich nur? Einmal am Strand gesehen und schon tat er, als sei er unsterblich verliebt und dem Untergang nahe, sollte diese Sache nicht erwidert werden. Ja, er hatte sich offensichtlich sehr bemüht, sie bereits kennenzulernen, das Bild war der Beweis dafür. Sicher meinte er es ernst. Aber dieses Geflehe wirkte schon etwas Weltfremd. Nun gut… es waren auch nur Blumen, die Möglichkeit, sich da auszudrücken, ist zugegeben beschränkt. Aber dennoch, Liaiell gefiel überhaupt nicht, auf welchen Sockel er sie da gerade stellte. Sie war keine Göttin. Auch wenn sie ihn wie auch immer verzaubert haben mochte, sah sie nicht, wie das für ihn gut enden könnte.
Sie dachte lange nach. Sie konnte ihn nun auch nicht einfach so in seinem Unglück schmoren lassen. Nachher würde das wirklich noch zur Wut. Sie musste irgendwie antworten. Aber da weder Worte, noch Blumen, noch Briefe angemessen schienen, um ihn irgendwie etwas zu norden, grübelte sie, was stattdessen wohl tun könnte, damit sie irgendwie seine Sprache sprechen konnte und ihm helfen könnte. Sie blickte auf die Folianten, das Tintenfässchen neben ihr. Den Artikel über die Physiologie des Manati, den sie gerade schrieb und die vielen leeren Blätter daneben. Dann griff sie zu Feder und einem leeren Blatt.
Einige Zeit später erreicht ein Bote Niccolo ya Pirras. Er erhält ein zusammengerolltes Stück Papier, auf dem nichts weiteres wie eine ziemlich gruselig amateurhafte Kritzelei und ein einzelner Satz zu sehen ist.

Von den Mühen eine Muse zu überzeugen
Am nächsten Morgen, nach dem Erhalt dieser Botschaft, machte sich Niccolo, für seine Verhältnisse sehr früh, auf den Weg zum Leuchtturm. Mit dabei hatte er Notizbuch und mehrere Kohlestifte, um sich die Zeit des Wartens zu vertreiben.
Nun, ein Gespräch auf gleicher Höhe wollte sie, also soll sie es auch bekommen. Warum er so davon überzeugt war, dass sie genau an die Stelle ihres zufälligen Treffens wiederkehren würde, wusste er nicht. Es war einfach so ein Gefühl.
Wieder war es windig, als er die Klippe hinauf stieg und wieder ging er vorsichtig den schmalen Weg hinunter zum Strand. Der Sand knirschte unter seinen Schuhen und ab und an musste er näher an die Klippe, bevor die letzten Ausläufer der Wellen ihn erreichten. Dann fand er einen Findling, auf dem er Platz nehmen konnte, auch wenn dieser feucht von der Witterung war. Er schaute sich um. Hier konnte sie ihn nicht sofort sehen und unbemerkt die Flucht ergreifen, wie vor einigen Tagen im Tempel.
So saß er nun da und wartete und wenn es sein musste, würde er jetzt jeden Tag diesen Ort aufsuchen, bis sie erschien.
Er öffnete sein Buch, griff nach einem Kohlestift und begann zu zeichnen.
Am ersten Tag zeichnete er vier Skizzen. Den Leuchtturm mit einer adretten Wolkenformation im Hintergrund, die Brandung, wie sie an die Steilklippen schlug während ein paar Robben in der Nähe spielten, ein einlaufendes Segelschiff mit Kusliker Wappen am Hauptsegel und einen kleinen Strudel, der sich bei auslaufender Flut kurz gebildet hatte. Liaiell hingegen konnte er an diesem Tage nicht erspähen.
Doch das hinderte ihn nicht, am nächsten Tage tatsächlich wiederzukommen. Die gleiche Stelle, der gleiche Stein, an diesem Tage etwas trockener. Und auch heute fand er einige Motive. Eine Gruppe zyklopäischer Siedler, die den Praiosschrein im Leuchtturm besuchten und mit ihro Gnaden Nevinia Ventargento aneinander gerieten, da ihre Auffassung des Praiosglaubens eben doch ein gutes Stück freizügiger waren als das der Festländerin, bot gleich Gelegenheit für mehrere Zeichnungen. Gesichter, Körpersprachen, Emotionen… er war erstaunt, wie viel Leben wirklich auf dieser sonst eher kargen Klippenformation zu finden war.
Am dritten Tag studierte er mit seinem Kohlestift den Flug der Möwen. Es war ein deutlich windiger Tag und die Vögel spielten mit dem Wind, der sie lange Zeit scheinbar auf der Stelle stehen ließen, bevor sie sich auf einmal fallen ließen und wie ein Pfeil ins Wasser starben, oftmals mit einem Fisch im Maul wieder auftauchend. Er verfolgte mit seinen Augen den Flug der Möwen zu einigen Einbuchtungen in der Steilwand, dort hatten sich die Möwen kleine Nester gebaut und fütterten nun ihre nach Sardellen lüsterne Brut.
Mit dem vierten Tag kam der Regen. Niccolo hatte einen Regenschirm aufgespannt und zeichnete weiter. Sie musste ja eines Tages wieder hier vorbeikommen, da war er sich zu sicher. Und in diesem Sinne konnte es kein schlechtes Wetter geben. Nie hätte er sich das verziehen, dass seinem Glück ein Regenwölkchen entgegengestanden hätte. Er merkte, wie bei diesem Wetter alles in einem Licht erschien. Die Felsen, die Wellen, die Küste, all das, was er längst auf Papier gebannt hatte, wirkte nun viel bodenständiger, trister aber auch lebenswerter. Er sah, wie die Möwen ihr Gefieder putzten und sich um das schlechte Wetter scheinbar wenig Gedanken machten.
Nach fünf Tagen hingegen fing Niccolo zum ersten Mal an zu zweifeln, ob dies wirklich eine gute Idee war. Es regnete deutlich stärker und die Kohle verlief auf dem Blatt, sobald eins der schräg fallenden Regentropfen das Papyrus erreichte. Andererseits, wie sich daraufhin die Kohle verformte und schlangenförmige Spuren hinterließ auf seinem Weg zum Fuß des Bildes, war es auch wieder eine Form der Kunst selbst. So surreal das Bild dadurch wurde, so viel mehr konnte man hinein interpretieren. Es gefiel ihm und er nahm sich vor, diesen Stil öfter anzuwenden.
So war Tag 6 die erste richtige Herausforderung, denn der Regen hatte aufgehört und nun wirkte alles wieder wie am Anfang. Es wirkte… bekannt. Nicht mehr originell. Betrübt fing er an, das nächste Schiff im Hafen zu zeichnen. Er merkte selbst, wie ihn das ganze… demotivierte. und kurz darauf, wie dieser Frust sich in seinem Malstil verwirklichte. Die Linien, sie waren… wütend. Das Schiff, es wirkte auf einmal wie ein Instrument einer Schlacht, bereit, Leben zu beenden. Niccolo erkannte dies als interessante Erkenntnis.
Und begab sich auch am siebten Tag an seine Zeichenstelle. Heute sollte es wieder der Leuchtturm sein, doch irgendwie wollte ihm die Wut des Vortages heute nicht aufs Papier wandern. Seine Gedanken drehten sich. Wie sollte er diesen Leuchtturm heute nur zeichnen? Da war nichts, was ihn inspirierte. Da war Leere. Instinktiv fing er an, Schatten auf Papier zu bannen, eine traurige Weite, aus der viel Verzweiflung sprach. Und wieder hatte er sich daran in einen Rausch gemalt. So bemerkte er fast gar nicht, dass weiter abwärts inzwischen eine junge Dame mit grünbläulichem Haar an den Strand gekommen war, sich ins Wasser geworfen hatte und in die Richtung einiger spielender Robben schwamm. Das war Liaiell.
“Na endlich…” dachte er sich… doch statt nun endlich das Gespräch zu suchen, entschied er, dass er vorher noch das Bild der Leere beenden wollte. Das schien ihm im Moment irgendwie richtiger. Immer wieder sah er hinab. Es wirkte, als würde Liaiell mit den Robben um die Wette schwimmen und mit ihnen zusammen spielen. Er sah, wie sie sich vor allem um eine Robbe kümmerte, die scheinbar eine kleine Verletzung hatte und der an seiner vorderen Flosse eine Art Verband zu tragen schien. Er erkannte ihr sanftes, stilles Lächeln, doch nun, da er sie im Wasser sah, fühlte es sich anders an. Glücklich. Niccolo setzte ein sanftes Lächeln auf und kümmerte sich dann wieder um sein Gemälde. In ihm wuchs ein merkwürdiger Gedanke… dass er eigentlich auch ein anderes Mal mit ihr sprechen könnte. Denn jetzt wusste er ja, dass sie tatsächlich wieder kommen würde. Eine laut kreischende Möwe, die im Sturzflug seinen Daueresser aus seiner Tragetasche pickte und davon trug, ließ ihn diesen Gedanken jedoch noch einmal überdenken.
Also wartete er geduldig, bis sie wieder in Richtung des Ufers schwamm. Bisher schien sie ihn auch noch nicht entdeckt zu haben, denn sie zeigte keinerlei Fluchtreaktionen.
Langsam verstaute er sein Buch und seine Kreide in die lederne Umhängetasche, für die er sich bei dem Regen der letzten Tage entschieden hatte. Dann stand er auf und ging langsam auf die Stelle zu, an der Liaiell an Land kommen würde.
Er betrachtete das Schauspiel zwischen ihr und den Robben, dazu der Einfluss der Wellen um sie herum und sofort kamen ihm neue Ideen, neue Inspiration.
Nun hatte sie ihn erblickt. Sie richtete sich auf, ihr Kleid tropfnass und eng an ihrem Körper anliegend, die nassen Strähnen ihrer mintfarbenen Haare im Gesicht, welche sie mit einer Handbewegung zur Seite schob, um freie Sicht zu haben. Die stand sie, verharrend. Wirkte sie im Meer glücklich und strahlte dies aus vollem Herzen aus, änderte sich ihre Mimik schlagartig, als sie sah, wer am Strand auf sie wartete.
Dies traf Niccolo sehr. Umso wichtiger sah er das nun folgende Gespräch. Er machte eine einladende Geste und wartete bis die Tochter des Hochgeweihten zu ihm aufschloss.
“Dem Herrn Efferd und seinen göttlichen Geschwistern zum Gruß, Signora.Liaiell.” Bevor sie sich versah, hauchte er ihr einen Handkuss auf die tropfende Hand. “Hier stehe ich nun vor euch, Auge in Auge, nicht vor Euch kniend und voller Hoffnung, dass das, was mit Blumen nach einer Flucht begann, heute bei einem Spaziergang fortgeführt werden kann." Er bot ihr seine Armbeuge an. “Wenn ihr mir die Ehre erweisen würdet?”
Er hörte als Antwort ein hörbares Ausatmen. Ihre Augen sprachen zunächst für sie, sie wirkte etwas genervt. Entsprechend nahm sie die Armbeuge nicht ein und ging an ihm vorbei. Als er etwas entgeistert stehen blieb, blickte sie zurück. “Wollt ihr nun spazieren oder nicht?” Niccolo verstand und legte einen kurzen Spurt ein, um wieder neben ihr zu sein. Dann eben, ohne die Arme einzuhaken.
“Ich danke für die Ehre.” war er sofort wieder bereit, loszulegen, aber Liaiell unterbrach ihn recht schnell. “Ihr kniet ja immer noch.” wirkte sie fast enttäuscht. “Ich denke nicht. Ich will euch nur sagen, dass ihr mich inspiriert und ich möchte, dass das so bleibt.”
Die Tochter des Efferdobals blieb stehen und blickte ihn direkt an. “Niccolo, hört auf. Hör zu. Dein Bild war wirklich schön. Ich bin wirklich geschmeichelt, dass ihr für mich all das getan habt. Es mochte nicht alle Aspekte meines Seins beinhaltet haben, aber es hat mir wirklich geschmeichelt. Aber das Bild zeigte eben auch die Realität. Dass ihr mich nicht kennt. Wie könntet ihr auch. Ich höre euch schon sagen, dass man das ja ändern könne, aber darum geht es mir nicht. Ihr vergöttert, was ihr euch einbildet, was ich sein soll. Nicht aber, was ich bin. Ich würde euch niemals dazu bringen wollen, Handküsse zu verteilen oder sehnsüchtige Blumen zu versenden. Das bin ich nicht wert. Ich bin dieses tolle Bild nicht wert. Denn ich habe nichts dafür getan. Wenn ich euch inspirieren soll, dann mit dem, was ich bin. Nicht mit dem, was ihr euch wünscht. Das beleidigt mich irgendwie sogar. Am Ende erschafft ihr ein Kunstwerk, dass euch berühmt macht, ihr behauptet, dass ich etwas damit zu tun gehabt hätte und für alle Ewigkeit stände mein Name für etwas, wofür ich nicht stehe. Versteht ihr mich? Ich will einfach kein Traumgebilde sein.”
“Nun Liaiell, ihr zeigt mir gerade auf, gegen meine eigentlichen Prinzipien verstoßen zu haben. Bisher habe ich es wirklich so gehandhabt, die Person, die ich male, kennenzulernen, persönlich kennenzulernen und dann erst mit meiner Arbeit zu beginnen. Bei dir habe ich mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen und versagt. Aber sei gewiss, das Bild wird niemand sehen, denn erst wenn der Künstler und die Muse zufrieden sind, ist es vollkommen.” Niccolo lächelte, aber es wirkte verzerrt. “Sag Liaiell, kennt ihr den Unterschied zwischen einem Modell und einer Muse?” “Niccolo, fangt nicht wieder damit an.”, sagte Liaiell mit einem leicht gereizten Unterton, aber Niccolo ließ sich nicht beirren. “Eine Muse“, begann er, „ist für einen Maler nicht bloß ein schönes Gesicht. Schönheit findet sich an vielen Orten. Sie ist flüchtig, manchmal sogar langweilig. Eine Muse aber lässt einen Künstler etwas sehen, das er zuvor nicht gesehen hat. Seit ich dich das erste Mal erblickte, habe ich versucht, dein Gesicht aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Doch jedes Mal wurde es etwas anderes.” Er griff in seine Ledertasche und holte sein Notizbuch hervor. “Bisher habe ich allein Portraits gezeichnet. Auch in recht rahjagefälligen Posen. Aber sieh, zu was du mich inspiriert hast.” Er reichte Liaiell seine Kohlezeichnungen der letzten Tage.
Der Maler senkte den Blick auf seine Hände.
“Als ich dich das letzte Mal ansah, habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht darüber nachgedacht, was ich malen könnte.“ Er hob den Blick wieder. „Ich dachte nur daran, dass ich dich noch einmal sehen wollte. In den letzten Tagen habe ich hier auf dich gewartet, war ich mir sicher, dass du an diesen Ort zurückkehren wirst. Und dies habe ich in der Zeit, in der ich hier gesessen und auf dich gewartet habe, geschaffen.”
Sie blätterte das Büchlein mit den Zeichnungen aufmerksam durch. “Niccolo, die sind… wundervoll.” Sie blickte in sein Gesicht und zum ersten Mal meinte er so etwas wie aufrichtige Bewunderung zu erkennen. Dann wich ihr Blick seinem schönen Gesicht doch wieder aus.
“Ich gebe zu, es schmeichelt, dass mein Aussehen dich so inspiriert. Wenngleich das weiterhin bedeutet, dass du auch einfach ein Bild von mir malen und auf eine Puppe kleben könntest.” “Das wäre kaum das Gleiche!” erntete sie einen fast strafenden Blick vom Zeichner.
Liaiell setzte sich wieder in Bewegung. “Ich bin dennoch nicht so sicher, ob das eine gesunde Einstellung ist. Du hast also wirklich Tage hier verbracht? Für eine Person, die du nicht kennst? Ich mag mich nicht in einen Künstler wie dich hinein versetzen können, aber das klingt… verrückt. Ich will nicht deine Passion in Frage stellen, aber ich sehe einfach nicht, wieso ich ausgerechnet so etwas bewirken soll. Dieses schöne Schiff, der Leuchtturm, die Robben… woher willst du wissen, dass du das nicht auch ohne mich ganz hervorragend so hinbekommen hättest? Aber stattdessen zeigst du mir all diese Bilder und sagst, dass sie nur wegen mir existieren, erzählst mir von all den Leiden, die du auf dich genommen hast und zwingst mich nun damit, noch dankbar zu sein. Was für ein schlechter Mensch wäre ich, dies nicht zu würdigen? Das ist nicht gerade gerecht von dir, Niccolo. Denn mehr als dir zufällig am Strand zu begegnen habe ich nie gemacht und ich habe auch darum nie gebeten. Ich weiß nicht, was deine Absichten sind. Aber wenn du sie nur erreichen kannst, indem du mich auf ein klippenhohes Podest stellst, dann lass dir gesagt sein, dass du dir dann eine neue Muse wirst suchen müssen. Das will ich einfach nicht.”
Niccolo schwieg eine Weile. Er sah Liaiell an, als hätte er ihre Worte tatsächlich erst jetzt verstanden. “Du hast recht.“ Liaiell blieb stehen und wandte sich halb zu ihm um. Offenbar hatte sie mit vielem gerechnet, nur nicht damit. “Das ist alles?“, fragte sie.
Er sah auf das Büchlein in ihrer Hand.
“Ich habe mich wohl selbst darin verloren. Ich wollte dir zeigen, was du in mir ausgelöst hast, und habe dabei vergessen, dass es nicht deine Aufgabe ist, dafür Verantwortung zu tragen.“ Liaiell musterte ihn schweigend.
“Aber eines möchte ich dir erklären. Du irrst dich in einem Punkt. Ich habe diese Dinge nicht getan, weil ich von dir etwas wollte. Ich habe sie getan, weil ich sie tun musste.“ “Das klingt verdächtig nach derselben Sache.“
Ein kleines Lächeln huschte über Niccolos Gesicht.
“Siehst du das Schiff? Ich hätte es auch ohne dich zeichnen können. Natürlich hätte ich das. Den Leuchtturm ebenso. Die Robben erst recht. Ich bin nicht plötzlich ein besserer Zeichner geworden, nur weil du an diesem Strand entlang gegangen bist. Das Schiff wäre ein Schiff geblieben. Der Leuchtturm ein Leuchtturm. Und die Robben wären Robben gewesen. Aber als ich dich dort gesehen habe, hat sich etwas verändert. Nicht an ihnen. An mir.“ Er atmete langsam aus.
„Du hast mir einen Blick auf diesen Ort gegeben, den ich vorher nicht hatte. Plötzlich war da nicht mehr nur das Meer. Da war die Art, wie du es angesehen hast. Nicht mehr nur der Leuchtturm, sondern das Licht, das in deinen Augen darin lag. Nicht mehr nur diese Robben, sondern dein Lachen, als du sie beobachtet hast.“
“Und darum muss ich nun deine Muse werden?“ “Nein.“ Die Antwort kam so schnell, dass sie ihn überrascht anzusehen schien.
“Du musst gar nichts.“ Er lächelte schwach.
“Vielleicht ist das sogar der Unterschied, den ich dir die ganze Zeit hätte erklären sollen. Eine Muse ist für mich kein Mensch, den man auf ein Podest stellt. Sie ist auch kein schönes Gesicht, das man immer wieder auf Papier bringen möchte. Eine Muse ist jemand, wegen dem man genauer hinsieht.“
Er machte eine kleine Pause. “Und ich möchte genauer hinsehen. Und wenn ich dich male, möchte ich nicht die Frau malen, die ich mir aus dir gemacht habe. Das wäre tatsächlich eine Puppe mit deinem Gesicht. Ich möchte die Frau malen, die du bist. Auch dann, wenn sie müde ist. Wenn sie wütend ist. Wenn sie mich für einen Narren hält. Wenn sie im Wind friert und sich darüber ärgert, dass ihre Haare ihr ständig ins Gesicht fallen.“ Sein Blick wurde wärmer. ”Vielleicht möchte ich dich sogar gerade dann malen.“
‘Und wenn ich nicht schön dabei bin?“
“Dann bist du eben nicht schön.“
Sie hob überrascht die Augenbrauen.
‘Das war vermutlich die denkbar schlechteste Antwort.“, sprach Liaiell fast schon entrüstet. “Ich weiß.“ Er grinste. “Aber sie ist ehrlich.“
Li atmete einmal tief durch. Langsam verstand sie, warum er wie eine Motte um das Licht so um sie herum schwänzelte. Die Erklärung, was eine Muse für ihn war, war in der Tat hilfreich. Er hatte sie ausgewählt, weil sie für ihn eine Art Avatar der Kunst selbst war. Dies war seine große Liebe. Warum nun ausgerechnet sie, das war dabei gar nicht so wichtig. Auf der einen Seite nahm dies ein wenig Druck aus dieser Geschichte. Bisher hatte sie immer im Hinterkopf, dass dieser Schönling ihr vielleicht einfach nur an die Wäsche wollte. Zum ersten mal nahm sie ihm ab, dass er all diese fürchterlichen Komplimente und all diese Leiden für die Malerei auf sich genommen hatte. Und doch ertappte sie sich dabei, dass sie sich sogar ein wenig ärgerte, dass es nicht ihre Persönlichkeit war, die diesen Impuls bei ihm auslöste. Denn er hatte sie wirklich so weit, dass sie sich geschmeichelt fühlte ob all dieser merkwürdigen Avancen. Er wollte sie also quasi sogar zeichnen, während sie in der Nase popelt. das fühlte sich schon… besonders an. Dass sie auf einmal im Licht von irgendetwas stand, das war für sie selten.
Ihr war es bisher immer wichtig, für andere da zu sein. Das fühlte sich irgendwie gut an. Zu gut, um wahr zu sein. Ein Friede, dem sie vielleicht nicht leichtfertig trauen sollte.
“Ich weiß ja nicht, ob es mir nicht lieber wäre, wenn du statt mir eben diese Schiffe und Robben und Türme und ähnliches zeichnen würdest.” fand sie wieder den Einstieg. “Von mir aus auch aus dem Gedanken heraus, dass mir das Ergebnis deiner Zeichnung vermutlich gefallen würde. Denn so, wie du das beschreibst, klingt das Leben einer Muse auch etwas… flüchtig.”
“Flüchtig?” schien Niccolo nicht zu verstehen.
“Nun. Als könnte meine Aufgabe als Muse von einem Tag auf den anderen vorbei sein oder die nächste Muse genau so plötzlich in dein Leben treten wie ich es gerade tat. Stell dir vor. Du hast mich eines Tages in so vielen Lagen gemalt, dass du meiner satt geworden bist. Natürlich, im besten Falle würden wir beide einfach unserer Wege gehen, da dies ja eine Vereinigung ohne Pflicht sein soll. Du freust dich über die neue Inspiration und ich dafür, eine Zeit lang Motiv gestanden zu haben und auf Gemälden zu erscheinen, die vielleicht eines Tages sogar in Museen stehen. Aber was, wenn es mir anfängt, etwas zu bedeuten, deine Muse zu sein? Ich gehöre zu den Menschen, die sich zeitlebens für das verantwortlich fühlen, was sie sich angeeignet haben. Und der Gedanke, dass ich mir für den Rest des Lebens ein Luftschloss gegönnt habe, ist… naja… es ist ein sehr wackeliges Fundament, dieses Musentun… irgendwie… “
Niccolo schwieg einen Augenblick und zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, schien er nicht sofort eine schöne Antwort parat zu haben. Kein Lächeln, kein kunstvoll gesetztes Kompliment, keine jener großen Gesten, mit denen er selbst die banalsten Dinge in etwas beinahe Erhabenes verwandelte. Er sah sie einfach nur an.
Dann nickte er langsam. "Ja“, sagte er schließlich. „Das ist ein wackeliges Fundament.“ Ein kleines, schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Aber ich möchte dir nicht widersprechen, nur damit du dich besser fühlst.“ Er verschränkte die Hände locker vor sich. "Du hast recht. Eine Muse ist kein Amt auf Lebenszeit. Es gibt keine Urkunde, die ich dir ausstellen könnte. Kein Siegel des Horas, das dir garantiert, dass du in zehn Götterläufem noch in meinem Atelier sitzt und ich dich mit derselben Begeisterung anschaue wie heute.“
Wieder antwortete Liaiell mit ihrer vertrauten Ironie "Das klingt ausgesprochen beruhigend.“ "Warte.“ Sein Lächeln wurde etwas wärmer. "Denn ich glaube, du verwechselst zwei Dinge miteinander.“ Er deutete mit einer kleinen Bewegung auf die Zeichnungen. "Das Motiv kann flüchtig sein. Die Bedeutung muss es nicht sein.“ Liaiell sah ihn fragend an.
"Wenn ich einen Turm zeichne, weil das Licht an einem bestimmten Morgen wunderbar auf seinen Zinnen liegt, dann kann es sein, dass ich ihn am nächsten Morgen nicht mehr zeichnen möchte. Vielleicht sehe ich einen anderen Turm. Vielleicht ein Schiff. Vielleicht eine Robbe, die auf einem Felsen liegt und mich davon überzeugt, dass die Götter einen eigentümlichen Sinn für Humor besitzen. Aber die Zeichnung, die ich von diesem Turm gemacht habe, wird dadurch nicht wertlos. Und schon gar nicht wird der Morgen ungeschehen, an dem ich ihn gesehen habe.“
Er wurde wieder ernst.
"Bei dir ist es ähnlich. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich dich für alle Zeit als Muse betrachten werde. Das wäre ein schönes Versprechen, aber ein unehrliches.“ Er hielt ihren Blick stand. "Was ich dir versprechen kann, ist, dass ich das, was zwischen uns entsteht, nicht geringachten werde, nur weil irgendwann etwas Neues meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.“ Liaiell schwieg.
"Und noch etwas“, fuhr er leiser fort. „Du hast gesagt, du fühlst dich für Dinge verantwortlich, die du dir angeeignet hast.“ Sie nickte. "Dann solltest du wissen, dass ich dich nicht als etwas betrachte, das ich mir angeeignet habe. Du bist kein Besitz. Keine Sammlung. Kein besonders hübsches Werkzeug meiner Kunst.“ Er neigte den Kopf ein wenig.
"Du bist Liaiell.“
Das schlichte Aussprechen ihres Namens schien beinahe mehr Gewicht zu haben als seine bisherigen Komplimente. "Und wenn du morgen beschließt, dass du keine Muse mehr sein möchtest, dann ist das nicht dein Versagen. Es ist auch kein gebrochenes Versprechen. Du gehst einfach.“
Liaiell drehte sich ein Stück von ihm weg und schaute hinaus auf die Wellen. "Und wenn du morgen beschließt, dass du mich nicht mehr möchtest?“ Die Frage kam schneller, als sie beabsichtigt hatte.
Niccolo antwortete nicht sofort. "Dann“, sagte er schließlich, „würde ich hoffen, dass ich den Anstand besitze, dir das zu sagen, bevor du es aus meinem Schweigen oder aus einem neuen Bild erraten musst.“ Er atmete langsam aus. "Aber ich glaube, genau hier liegt dein eigentlicher Irrtum.“ "Welcher?“ "Du glaubst, Muse zu sein bedeute, darauf zu warten, ob ein Künstler dich morgen noch interessant findet.“ Er schüttelte den Kopf.
"Für mich bedeutet es eher, dass zwei Menschen einander für eine Weile etwas geben. Du gibst mir etwas, das ich brauche. Ich gebe dir vielleicht etwas zurück. Aufmerksamkeit. Schönheit. Einen anderen Blick auf dich selbst. Erinnerungen. Bilder, die bleiben, wenn unsere Wege sich irgendwann tatsächlich trennen.“
Ihr Blick wanderte wieder zum Meer. Sie blieb schließlich stehen, drehte Niccolo den Rücken zu und setzte sich auf den Boden, zog die Knie an den Körper und lehnte ihre Arme darauf ab. Ein Windzug erfasste sie und wehte einige nasse Strähnen kurz in die Höhe. “Du hast “Deine Muse sein” gerade ganz schön entwertet, weißt du das?”
“Ich war nur ehrlich.”
“Nein, du hast dich entschieden, jetzt ehrlich zu sein. Weil du bemerkt hast, dass eine Muse nur weckt, was längst in dir ist. Schau dich an. Jetzt reden wir von drei vier Bildern, du redest davon, dass vielleicht auch gar keins kommt, wenn dir eben nicht danach ist. Und dass es mein Irrtum ist, dies als mehr zu betrachten als ein Bäcker, der ein paar Psomi verteilt. Und alles, was mir bliebe, wäre demnach der Duft nach frisch gebackenem und etwas flüchtigem wie zwei Minuten guten Geschmacks sowie die Gewissheit, ein gutes Geschäft gemacht zu haben..Und gleichzeitig erzählst du mir davon, dass du dafür Tage am Meer verbracht hast, nennst mich eine Erleuchtung, zeichnest mir Bilder. Kurzum, du betreibst einen enormen Aufwand für etwas so Flüchtiges? Das passt doch nicht zusammen. Wie soll ich dir das alles denn jetzt glauben? Wie kann ich dir jetzt irgendetwas glauben?”
“Das…” Niccolo zögerte “...ist eine eigenartige Lesung der Dinge. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich ja gerade jetzt sehr ehrlich zu dir war.” “Und doch hast du mir noch vor fünf Augenblicken einen Handkuss gegeben.” fiel sie Niccolo ins Wort. “Du hast eben gesagt, dass du normalerweise deine Modelle erst kennen lernst und dann sie zeichnest. Jetzt hast du mich kennengelernt und solltest bemerkt haben, dass ich nicht auf so einen affektierten Shi-shi stehe. Und schon ist die Vergötterung verschwunden. Ich dachte, hier ginge es um etwas Besonderes, aber jetzt, wo ich DICH kennen lerne, Niccolo, bemerke ich, dass ich deiner hoch lobenden Art auf den Leim gegangen bin. Und da alles, was du gerade als Ehrlichkeit verkaufst, ein auf einmal sehr düsteres Bild zeichnet, ärgert mich. Beziehungsweise ich ärgere mich über mich selbst, weil genau das mein Impuls war. Dass hier viel Schein herrscht. Jetzt weiß ich es besser. Und frage mich, warum ich mich von dir überhaupt zeichnen lassen sollte, wenn du das bereits alles in dir hast.”
Niccolo sammelte sich für eine Antwort, doch Liaiell war noch nicht ganz fertig. “Und vor allem, es ist nicht nur ein du gibst, ich profitiere. Deine Muse sein wäre eben nicht nur ein gutes Geschäft für beide. Ich würde mich verpflichtet fühlen, dir als Dank etwas zurückzugeben. Und jetzt zu erfahren, dass an dieser Bezahlung eventuell gar kein Bedarf bestünde…” sie ließ den Satz unvollendet ausgesprochen.
Niccolo schwieg. Doch diesmal lag in seinem Schweigen keine Bedachtsamkeit. Es war das kurze, gefährliche Schweigen eines Menschen, der gerade bemerkte, dass seine Geduld an eine Grenze stieß.
Er sah auf Liaiells Rücken, auf ihre zusammengezogene Gestalt, auf die nassen Strähnen, die der Wind immer wieder über ihre Schulter trieb. "Weißt du was?“, sagte er schließlich. "Nein.“
Liaiell drehte den Kopf ein wenig."Nein?“
"Nein. Ich werde mich jetzt nicht noch einmal hinstellen und dir erklären, was ich gemeint habe, damit du anschließend aus jedem meiner Sätze genau das herauslesen kannst, was du ohnehin schon glauben möchtest.“
Er trat einen Schritt näher, blieb aber stehen.
"Du legst mir die Worte geradezu in den Mund.“
Niccolo fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. "Ich sage dir, dass ich dir nichts versprechen kann, was ich nicht halten kann. Du hörst: Dann bedeutet ihm das alles nichts. Ich sage dir, dass eine Muse kein Besitz ist. Du hörst: Sie ist austauschbar. Ich sage dir, dass Inspiration sich verändern kann. Du hörst: Morgen bin ich ihm gleichgültig.“ Er lachte einmal trocken auf.
"Und dann stellst du mir diese Dinge als meine eigenen Aussagen gegenüber.“ "Du hast sie doch gesagt.“ "Ja! Aber nicht das, was du daraus machst!“ Für einen Moment war nur das Rauschen des Meeres zu hören.
Niccolo atmete schwer aus. "Ich habe dir nicht gesagt, dass du drei oder vier Bilder wert bist. Ich habe gesagt, dass ich dir nicht versprechen kann, wie viele es werden. Das ist ein Unterschied.“ Er deutete auf das Meer.
"Und ja, ich habe Tage hier verbracht. Ich habe dich beobachtet. Ich habe dich gezeichnet. Ich habe dir Komplimente gemacht. Ich habe dir einen Handkuss gegeben.“ Sein Blick wurde schmaler.
"Und nein, ich bereue davon gerade nicht ein einziges.“ Liaiell wollte etwas erwidern, doch er hob die Hand. "Lass mich ausreden.“
Seine Stimme war leicht gereizt, aber darunter lag etwas Verletztes.
"Du fragst, wie du mir jetzt noch irgendetwas glauben sollst? Gar nicht, wenn du beschlossen hast, dass jede Antwort von mir nur der Beweis für deine bereits gefällte Meinung sein darf.“
Er schüttelte den Kopf. "Was soll ich denn tun? Soll ich dir sagen, dass du die Liebe meines Lebens bist, damit du mir glaubst? Soll ich behaupten, ich würde dich bis zu meinem Tod malen? Dann wäre ich vermutlich glaubwürdiger, weil es besser zu dem Bild passt, das du von mir haben möchtest.“
Niccolo setzte sich neben Liaiell auf den Strand, aber mit etwas Abstand. "Ich habe versucht, dir die Sache nicht größer zu machen, als sie ist. Und jetzt wirfst du mir genau das vor. Ja, Ich habe dir große Worte gesagt. Ich habe dich angesehen, als wärst du etwas Besonderes. Ich habe mich vermutlich benommen wie der größte Idiot, den diese Küste je gesehen hat.“ Ein bitteres Lächeln.
"Das war nicht gespielt. Und genau deshalb verletzt mich gerade, was du daraus machst.“
Liaiell sah ihn fragend an. "Du glaubst, weil ich dir jetzt sage, dass ich dich nicht besitzen oder dir keine Zukunft versprechen kann, wäre alles vorher nur Schauspiel gewesen.“ Er schüttelte den Kopf und blickte hinaus aufs Wasser.
"Du willst wissen, warum ich diesen Aufwand betreibe, wenn alles so flüchtig ist?“ Ein kurzer Atemzug. "Weil manche Dinge gerade deshalb einen Aufwand wert sind.“ Er sah wieder zu ihr. "Ein Sonnenuntergang ist flüchtig. Ein Lied ist flüchtig. Ein Kuss ist flüchtig. Das macht ihn nicht wertlos.“ Seine Stimme wurde wieder weicher.
"Und wenn ich dich eine Woche lang zeichne und danach nie wieder einen Strich von dir mache, dann war diese Woche nicht weniger echt.“ Er schwieg kurz. "Aber du hast recht in einem Punkt.“ Liaiell hob die Augenbrauen.
"Du solltest mich nicht zeichnen lassen, wenn du mir nicht vertraust.“ Das sagte er ohne Zögern.
"Nicht, weil ich dich nicht zeichnen will. Sondern weil ich nicht möchte, dass du hinterher neben jedem Bild sitzt und dich fragst, welcher Teil davon wahr gewesen ist.“ Er sah auf seine Hände. "Das wäre eine Zumutung für dich. Und irgendwann vermutlich auch für mich.“
Dann blickte er sie wieder an. "Aber bitte mach aus meiner Ehrlichkeit nicht eine Beichte. Ich habe dir heute zum ersten Mal nicht gesagt, was schön klingt. Ich habe dir gesagt, was ich tatsächlich weiß.“ Er deutete auf sie. "Ich weiß, dass ich dich zeichnen möchte.“ Dann auf sich selbst. "Ich weiß, dass ich dich interessant finde.“ Ein kurzes, fast widerwilliges Lächeln. "Ich weiß, dass ich dich schön finde. Sehr schön sogar. Und ja, ich weiß auch, dass ich mich bei dir ein wenig wie ein verliebter Narr aufgeführt habe.“ Er atmete aus.
"Was ich nicht weiß, ist, was in sechs Monaten sein wird. Wenn dir das zu wenig ist, dann geh.“ Eine Pause. "Aber geh nicht mit dem Gedanken, ich hätte dich getäuscht.“ Er wandte sich wieder dem Meer zu. „Das habe ich nämlich nicht.“
Und nach einem weiteren Moment, sprach er deutlich leiser: "Ich habe dir vielleicht zu viel von mir gezeigt. Aber das ist etwas anderes.“
Wieder wurde es still und nichts außer dem Schlagen der Wellen an die Brandung und das Pfeiffen des Windes war zu vernehmen. Dann schmuggelte sich auf einmal ein Grinsen in Liaiells Gesicht. “Du kannst ja richtig wütend werden.”, kicherte sie fast. Dann stand sie wieder auf. Sie richtete sich das immer noch nasse und nun von Sandkörnern bedeckte Kleid zurecht. Dann blickte sie wieder auf Niccolo. “Den Punkt gestehe ich dir ein, ich mag gerade eine vielleicht zu radikale Schlussfolgerung gezogen haben. Aber es tut gut zu sehen, dass dein Verlangen nach mir auch Grenzen hat. Dieser Hauch von Realität, der da gerade eingezogen ist, steht dir gut. Vielleicht hast du ja doch schon die Liebe gesehen.”, erinnerte sie an die weiße Rosenknospe, die sie ihm geschickt hatte.
“Ich sollte langsam wirklich los. Sehen wir uns morgen um elf im Atelier?” Sie zwinkerte ihm noch einmal zu, wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich schnelleren Schrittes weg, Richtung Stadt. Mal sehen, ob er ihr noch weiter folgte.
Niccolo blieb sitzen und schaute ihr hinterher, in der Hoffnung, dass sie doch noch einmal zurück blickte. Aber nein, sie ging schnurstracks den Weg die Klippe hinauf.
“Bis morgen um elf im Atelier.”, murmelte er.
Und dann fiel ihm siedendheiß ein, dass sie wahrscheinlich überhaupt nicht wusste, wo sein Atelier war. Er raffte sich auf und eilte Liaiell hinterher.