Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Anfang Rondra 1047 BF Schauplatz: Urbasi, im Palazzo Solivino Entstehungszeitraum: Frühjahr bis Sommer 2026
Protagonisten: Doriana, Alvinia, Ricardo und Rahdrigo Solivino, Poldoron und Auricanius von Urbet Autoren/Beteiligte: Bella, Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Auf dem Torre Rotondo · Zu den Gründen · Zwiegespräch · Spiel der Geschwister · K-a-m-m-p-f · Heißer Tanz · Berichte und Zusagen · Zurück im Palazzo Modesto


Heißer Tanz

Fortsetzung von hier.


 
Ausweichend unterwegs: Doriana Solivino

Jetzt war sie es, die seinem Blick auswich.
„Ja, es ist nur etwas heiß.“
Das war nicht einmal gelogen. Heiß war es wirklich und schlecht ging es ihr nicht, sie war eher durcheinander. Und doch fühlte es sich irgendwie nicht richtig an, ihn mit dieser Antwort abzuspeisen, wo er doch ehrlich besorgt zu sein schien. Es war fast schon… süß? Auch wenn das wohl eines der letzten Adjektive war, das den nordmärkischen, bisweilen ziemlich rüpelhaften Ritter, beschreiben konnte.
Doriana blickte ihm wieder in die Augen, wie es die Höflichkeit verlangte, wenn man eine Frage stellte und musste lächeln.
„Darf ich fragen ...“, fing sie an und besann sich eines Besseren. „Wollen wir wieder reingehen?“

Poldoron sah sie ein, zwei Augenblicke länger an, bevor er sich erinnerte, ihr eine Antwort schuldig zu sein.
„Signora, natürlich dürft ihr fragen, ob wir reingehen können. Was sollte euch auch davon abhalten?“
Er lächelte dabei unsicher – vielleicht, weil er den Sinn der Frage nicht so recht verstand …
„Es ist heiß“, pflichtete er ihr dann allerdings bei und wischte sich mit dem linken Arm unvermittelt einige Schweißperlen von der Stirn.
Schließlich räusperte er sich: „Verzeiht, dass ich den Kam[m?]pf zu dieser unangebrachten Tageszeit überhaupt ins Spiel gebracht habe.“

„Ich verzeihe euch“, sagte sie großherzig, aber der scherzhafte Tonfall blieb ihr im Halse stecken. Wenn er sie nur so ansah, so schüchtern lächelte, würde sie ihm alles verzeihen. Sie schmolz dahin und es lag nicht an der Sonne.
Moment, was passierte hier? Er hatte sie gerettet, ja. Er konnte passabel kämpfen, in Ordnung. Er hatte wundervolle Augen und ein süßes Lächeln, schön. Doch in gewisser Weise war er ein halber Nordmärker… oder Mordmärker, wie Rahjada sagen würde. Schon die simpelsten höfischen Regeln schienen für ihn völlig unbekanntes Gewässer zu sein. In dem Bereich konnte sie wirklich nichts von ihm erwarten. Warum er, um alles in der Welt, und nicht jemand… salontaugliches? Jemand, mit dem sie ohne Bedenken auf einen Ball gehen konnte?
Doriana seufzte leise und wandte sich halb von ihm ab. Es war einfacher, zu denken, wenn sie ihn nicht anschaute. Auch wenn sie wahrscheinlich einen minderen Rahjafrevel begang, so viel über ihn abzuwägen, anstatt es einfach auf sich zukommen zu lassen. Sie steuerte den Palazzoeingang an, in der Erwartung, dass er ihr folgte.
„Könnt ihr eigentlich tanzen?“, fragte sie, sich nicht bewusst, wie plötzlich dieser Themenwechsel für Poldoron kommen musste.

Dem Cavalliere entging das Seufzen Dorianas nicht. Nicht mehr. Seit er sie aufgefangen hatte – auffangen musste – schienen seine Sinne diesbezüglich geschärft zu sein. Dass sie sich von ihm abwandte, bemerkte er ebenso, ohne dafür eine klare Erklärung zu haben. Er folgte ihr, als sie zunächst wortlos zurück zum rückwärtigen Portal des Solivino-Palasts aufbrach. Doch er tat es nur, weil es keinen Sinn machte, hier allein im Garten zurückzubleiben. Dann fragte sie ihn, ob er tanzen könne …
Er blieb stehen.
„Mit Verlaub, Signora, warum fragt ihr mich das?“, entschied er sich sie direkt zu konfrontieren. „Ist euch in dieser Hitze wirklich danach, euch weiter körperlich zu verausgaben?“
Seine Frage klang ehrlich, entbehrte jeden Spotts.
„Oder wollt ihr einfach unter Beweis stellen, dass ihr als Studiosa der Herzogenschule Methumis' mir, dem Cavalliere aus der gebeutelten Provinz, auch in dieser Hinsicht überlegen seid?“
Die Direktheit seiner Worte überraschte ihn selbst ein wenig. Und nachdem er sie ausgesprochen hatte, rechnete er fast sicher damit, dass er sich von ihr als nächstes eine Ohrfeige einfangen würde. Reue würde er darüber jedoch so oder so keine empfinden. Er hatte schlicht nicht vor, weiter herumzurätseln.

Er blickte sie aus seinen grauen Augen an, als würde er sie das erste Mal richtig anschauen. Das war für ein paar Herzschläge der einzig klare Gedanke, den sie zu fassen imstande war.
Und dann… autsch. Seine Worte waren eine schallende Ohrfeige, die ihr klarmachte, dass es hier nicht nur um sie ging, um ihre Gefühle, sondern auch um ihn. Na schön, aber wer machte die ganze Zeit Andeutungen und wurde spektakulär ignoriert?
Bei der Heiligen Ricarda, das hier wäre so viel einfacher, wenn sie schon zwei oder mehr Gläser Wein hinter sich hätte! Aber wer hatte je behauptet, dass es einfach sein würde?
Doriana straffte sich und sah ihm fest in die Augen. „Ich frage, weil ich beim diesjährigen Hesindeball noch keinen Begleiter habe. Und weil ich es bevorzuge, wenn meine Zehen nach einem solchen Ereignis noch intakt sind.“ Sie reckte das Kinn, redete mit einem Mal schneller, als müsste sie die Worte noch loswerden, bevor der Mut sie verließ. „Was das jetzt bedeutet, könnt ihr euch sicher denken, Cavalliere.“
Das kam etwas gereizter rüber als beabsichtigt. Doch dieses Versteckspiel und nicht zuletzt die Verärgerung über sich selbst hatte Dorianas Nerven überstrapaziert.
Ihre Knie wurden weich, als der Mut sich endgültig verabschiedete und sie fast erneut drohte, umzukippen, diesmal aber wirklich. Sofort bereute sie jedes einzelne Wort und wünschte sich, nur noch etwas länger so selbstbewusst wie Alvinia oder Rahjada von Urbet zu sein. Aber nun war es immerhin raus, noch klarer ging es wohl kaum. Jetzt war es an Poldoron, ihr eine Abfuhr zu erteilen oder schlimmer, sie auszulachen und einfach zu gehen. So oder so würde sie später diesen Wein brauchen.

Poldoron starrte die junge Signora nach ihrer Antwort zunächst nur mit halboffenem Mund an und musterte sie. Die Flut an Gedanken, die dabei über hin hinweg schwappte, ließ sich allenfalls erahnen. Plötzlich schienen Deutungen, die er längst verworfen hatte, fürs bis zum jetzigen Zeitpunkt im Palazzo Solivino und davor Erlebte, doch wieder in Frage zu kommen. Auch der Gedanke, dass dies alles nur ein berechnendes, kaltes Spiel Dorianas sein könnte, blitzte noch einmal kurz auf, wurde als immer abwegiger erscheinend jedoch sofort wieder verworfen.
„Zum Hesindeball?“, 'formulierte' er dann eine erste Frage, die doch noch etwas ungläubig klang. „In Methumis?“, schloss sich eine zweite, etwas neugierigere daran an.
Die dritte – 'Warum?' – verschluckte er, obschon sie einen Großteil seiner ihm gerade durch den Kopf gehenden Gedanken abgedeckt hätte. Der Rondramond hatte schließlich gerade erst angefangen. Warum machte sich Doriana da etwa überhaupt schon Gedanken, wer sie im Winter zu einem Ball begleiten würde? Dass sie diese Frage mit ihrem letzten Satz wohl schon beantwortet hatte, war ihm nicht gänzlich entgangen – und doch schien sich die Erkenntnis mehr als einmal gegen die anderen Erklärungen behaupten zu müssen, die er sich zu ihrem bisherigen Verhalten längst zurecht gelegt hatte ...

Doriana nickte.
„Der in Methumis ist sehr schön, er würde euch sicher gefallen. Sie schmücken zum Lichterfest immer den ganzen Saal mit Laternen, letztes Jahr hat der Herzog sogar ein Feuerwerk organisiert. Und der Wein ist fantastisch. Ich spiele wahrscheinlich so ein, zwei Stunden im Orchester, aber wir werden uns abwechseln, sodass jeder aus der Rahja-Schule auch Zeit zum Tanzen hat.“
Wieder redete sie schneller, ohne es zu merken, und wechselte dabei in einen Tonfall wie bei einer argumentatio. Als müsste sie ihm nur genug Vorzüge an den Kopf werfen, dass er nicht nein sagen konnte.
„Es ist einer der Höhepunkte des Jahres, daher haben auch alle meine Freunde schon eine Begleitung.“

 
Versucht die Absichten Dorianas inzwischen immerhin abzuschätzen: Poldoron von Urbet

Dorianas letzter Satz ließ Poldoron aufmerken. Konnte es wirklich sein, dass die Studiosi in Methumis sich vor diesem Ball allesamt schon fast einen halben Götterlauf vorher auf ihre Begleiter festlegten? Und welche Rückschlüsse ließ das dann auf Dorianas Frage an ihn jetzt zu? War sie einfach spät dran und er selbst im Grunde schon ihre letzte Wahl? Sollte er ihr deshalb absagen? Was wollte er überhaupt auf einem Ball, auf dem er sicher kein gutes Bild abgeben würde?
Mit einem deutlichen Räuspern wischte er die Zweifel dann aber beiseite. Irgendwie glaubte er inzwischen zu spüren, dass da von Dorianas Seite mehr dahinter steckte. Und er war jetzt auch neugierig, was genau es war.
„Signora“, bemühte er sich schließlich klar zu sprechen, „ich fürchte, dass ich euch dahingehend jetzt keine Antwort geben kann. Nicht ohne Rücksprache mit dem Baron jedenfalls, der auf meine Dienste dieser Tage ja so selten verzichten kann.“
Er glaubte in den Gesichtszügen seines Gegenübers schon etwas … Enttäuschung? … herauszulesen, während er sprach.
„Auch wenn es mir eine Ehre ... eine Freude gar wäre, euch in dieser Sache 'Ja' sagen zu können“, beeilte er sich darum noch anzufügen.

„Das verstehe ich.“ Doriana zwang sich zu einem Lächeln, obwohl sie nicht verstehen wollte.
Er hatte ihr abgesagt. Daran änderte auch die schnell hinzugefügte höfliche Floskel nichts. Gut, wenn er nicht wollte, würde sie mit jemand anderem gehen. Also wirklich. Als ob sie abhängig von diesem Ritter aus der Provinz war! Wenn sie es sich recht überlegte, passte Poldoron ohnehin nicht auf so einen Ball. Es würde sich schon jemand aus ihrer Studentenverbindung finden, der ihr zudem mit Sicherheit nicht auf die Füße trat. Nur weil die meisten damit angaben, schon jemanden zu haben, hieß das noch lange nicht, dass nicht noch viele frei waren und sich nicht so einiges ändern konnte. Doch die Überlegungen änderten alle nichts daran, dass ihr zum Heulen zumute war.
„Lasst uns reingehen“, schlug sie erneut vor, in einem Versuch, das Thema abzuschließen.
Oh Götter, sie brauchte diesen Wein.

„Natürlich … die Hitze …“
Poldoron räusperte sich nochmal, während er zwei rasche Schritte an der jungen Signora vorbei tat. Sie ermöglichten ihm, als Erster am Portal zu sein. Er öffnete die Tür ins Innere des Palazzos und bedeutete Doriana vor ihm einzutreten. Dabei versuchte er aus ihren Gesichtszügen auch abzulesen, welcher Erfolg seinem zuvor angefügten Satz beschieden war.
„Wünscht ihr euch noch einmal in euer Gemach zurückzuziehen?“, erkundigte er sich dabei eher beiläufig. Er war sich absolut nicht im Klaren, wie es jetzt weitergehen sollte.
Etwas leiser und verschwörerischer fügte er noch an: „Und wünscht ihr wieder zu schleichen?“

„Das wünsche ich.“ Doriana warf ihm einen schnellen, schwer zu deutenden Blick zu, bevor sie sich abwandte und Richtung Treppe schlich.
Eilige Schritte aus dem Gang, der zum Speisesalon führte, ließen sie wie festgefroren stehenbleiben. Eine Dienerin trat mit einem Tablett, auf dem zwei leere Gläser und eine Karaffe standen, in die Eingangshalle und wurde überrascht langsamer, während sie zwischen Poldoron und Doriana hin- und herschaute. Ihre Augen weiteten sich.
„Khorena“, zischte Doriana, war in zwei Schritten bei ihr und stellte sich ihr in den Weg, bevor sie in den nächsten Gang verschwinden konnte.
„Signora, ich habe nichts gesehen“, beteuerte die junge sommersprossige Frau.
„Nein, es ist nicht ...“, fing Doriana an und seufzte. „Ach, vergiss es.“ Sie reichte ihr zwei Heller. „Wie lange sind sie dort noch beschäftigt?“
„Nun, beim Goldfelser Morgenrot redeten Signor Rahdrigo und der Praios-Geweihte über irgendwelche Politik, bei den Törtchen dann über den lieben Bruder des Hausherrn und eine seiner Affären, von dem, was ich mitbekam. Und jetzt nach dem Cassianti über, naja… euch? Glaube ich zumindest. Allzu lange werden sie wohl nicht mehr reden können, bis ihnen der Gesprächsstoff ausgeht, nicht wahr?“
„Danke, Khorena.“ Sie trat ihr aus dem Weg.
Khorena nickte und erlaubte sich einen schnellen, neugierigen Blick zu Poldoron, bevor sie in den Gang zur Küche abbog.
„Sie reden über uns?“ Doriana klang halb überrascht, halb verärgert.

Poldoron achtete während des Gesprächs Dorianas mit der Bediensteten auf seine Haltung. So wie er schon beim 'Rausschleichen' den Eindruck von Heimlichkeit vermieden hatte, stand er auch nun kerzengerade.
„Über euch … oder uns“, stellte er dann Doriana gegenüber fest, dass das „euch“ der Dienerin zweierlei Bedeutung haben konnte – auch wenn er selbst ein wenig zweifelte, dass dies für die junge Dame gerade einen wesentlichen Unterschied machte.
„Soll ich vielleicht schon vorgehen, während ihr nochmal euer Gemach aufsucht?“, fuhr er darum mit einer Frage fort. „Ihr werdet den Weg ja dann auch ohne mein Geleit finden, denke ich.“
Der letzten Feststellung versuchte er einen scherzhaften Ton mitzugeben, doch klang sie nüchterner als beabsichtigt, wie er sogleich befand.

„Wie Ihr wünscht. Ihr habt eure Pflicht bereits mehr als erfüllt, Cavalliere“, antwortete Doriana ebenso distanziert, bevor sie einen angedeuteten Knicks vollführte.
Während sie die Treppe hinaufging, zwang sie sich, den Blick nach vorne gerichtet zu lassen und sich nicht nach ihm umzusehen. Denn er würde auch nicht zurückschauen. Warum hatte sie jemals geglaubt, er würde? Poldoron war sicher froh, seine lästige ‚Pflicht‘ loszusein.
‚Am Hof werden euch nicht die Worte der anderen zerstören, nicht ihre Sticheleien, Lästereien und Abweisungen‘, schoss ihr mit einem Mal durch den Kopf, was ihre Etikettelehrerin ihnen an ihrem ersten Tag in der Herzogenschule wie beiläufig mitgeteilt hatte, während sie die nervösen Studenten mit messerscharfem Blick musterte. ‚Diese Macht liegt allein bei euch, ob ihr kontrollieren könnt, was ihr aus euren Emotionen macht und wem ihr die Möglichkeit gebt, euer kleines Herz zu zerquetschen.‘
Doriana schnitt eine Grimasse. „Tut mir leid, euch enttäuscht zu haben“, murmelte sie zu sich selbst.


Fortsetzung folgt ...