Briefspiel:Regentage
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Während eines schweren Gewitters stranden Timor d’Antara und sein Lehrmeister Gardelan de Vere in Satara und lernen dort die Familie ya Satara kennen. Als zwei Kinder der Familie im Arinkelwald vermisst werden, führt die gemeinsame Suche zu einer Gruppe Wilderer – und legt zugleich den Grundstein für neue Verbindungen zwischen den beiden Hä9]usern.
Satara, an einem verregneten Tag im Efferd 1046 BF
Der Ritt durch Satara
Der Regen kam ohne jede Vorwarnung. Noch eine halbe Stunde zuvor hatte die Straße durch den Arinkelwald unter einem bleichen Himmel gelegen. Zwischen den Bäumen hatte sich feuchtes Grün an feuchtes Grün gereiht, und nur gelegentlich hatte ein Sonnenstrahl den Weg erreicht. Timor d'Antara hatte bereits damit gerechnet, dass sie vor Einbruch der Dunkelheit die letzten Ausläufer des Waldes hinter sich lassen und die Straße nach Efferdas erreichen würden. Dann hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. „Bei allen Zwölfen“, murmelte Timor, als ein weiterer Schwall Wasser über seinen Hut lief. Neben ihm saß Gardelan de Vere erstaunlich gelassen im Sattel. Der ältere Mann zog lediglich seinen Mantel enger um die Schultern und betrachtete die Straße, die sich vor ihnen innerhalb weniger Augenblicke in einen braunen, schlammigen Streifen verwandelt hatte. „Wir reiten weiter“, sagte Timor. Gardelan hob eine Augenbraue. „Das war eher eine ausgesprochen schlechte Feststellung als eine Anweisung.“ Timor blickte zu ihm hinüber. Wasser rann ihm inzwischen vom Haar über die Schläfen. Gardelan lächelte dünn. „Du bist Schiffbauer, mein Junge. Du solltest wissen, dass man gegen einen Sturm nicht diskutiert.“
Timor lächelte ebenfalls schwach, er gab sich geschlagen. „Nun gut, weißt du was über diese Gegend?“ Der Urbasier blickte sich um und anscheinend hinderten die Regenmassen ihn nicht in seiner Orientierung. „Wir sind in Satara. Dem Lehen der gleichnamigen Familie. Das Haus ya Satara ist ein gutes Beispiel dafür, dass man im Lieblichen Feld niemals danach urteilen sollte, wo ein Geschlecht angefangen hat.“ Timor hob interessiert die Augenbrauen, das gleiche traf ja auch auf seine Familie zu. „Seit beinahe zweihundert Götterläufen trägt das Haus den erblichen Titel eines Esquirio. Und den haben sie sich nicht einfach gekauft.“ Ein Unterschied zu den d'Antaras, Timors Vater Phelizzio, hatte vor dem Zuzug nach Efferdas den nicht erblichen Esquirio Titel erworben, ein Widerspruch für den sonst überzeugten Republikaner. Gardelan fuhr fort: „Einst rettete ein Angehöriger des Hauses dem Herrn von Elmantessa das Leben. Was genau damals geschah, darüber erzählen die Leute inzwischen drei verschiedene Geschichten. Aber das Ergebnis ist unbestritten: Zum Dank wurde dem Haus der Titel verliehen – und er blieb erblich.“ Gardelan deutete mit einer knappen Bewegung in Richtung der Landschaft.
„Ihre eigentliche Bedeutung liegt aber weniger in ihrem Titel als in dem Land, über das sie wachen. Die ya Satara sind dafür verantwortlich, dass Reisende die Sheniloer Straße ungehindert durch den Arinkelwald nehmen können.“ „Also eine Art Straßenwache?“, fragte Timor. Gardelan verzog den Mund. „Wenn du es so ausdrücken möchtest. Nur dass eine gewöhnliche Straßenwache vermutlich beleidigt wäre, wenn man sie mit den ya Satara vergleicht.“ Er beugte sich etwas vor. „Sie kennen jeden Pfad, jede Lichtung und jeden brauchbaren Übergang durch diesen Wald. Sie sorgen dafür, dass die Straße offen bleibt und Reisende sicher hindurchkommen. Und das ist hier keine kleine Aufgabe. Wer den Arinkelwald unterschätzt, tut es nur einmal.“ Timor nickte langsam. „Und sie veranstalten die Jagden?“ „Nicht nur veranstalten. Sie sind dafür zuständig.“ Gardelan lächelte. „Jede ordentliche Jagd im Gebiet – insbesondere wenn sich hoher Besuch ankündigt – fällt in ihren Aufgabenbereich. Wer eine Jagdgesellschaft ausrichten will, kommt an den ya Satara kaum vorbei. Sie kennen das Wild, das Gelände und die Regeln des Waldes. Ein sehr nützlicher Dienst, wenn man bedenkt, wie gern der Adel seine Vormittage damit verbringt, Tiere zu verfolgen.“ Timor grinste.
„Und all das stammt von einfachen Waldbauern?“ „Ursprünglich.“ Gardelans Ton wurde nun etwas ernster. „Vergiss das nicht. Der Aufstieg der ya Satara war steil. Von einfachen Waldbauern zu einem anerkannten Adelsgeschlecht – das geschieht nicht alle Tage.“ Er machte eine kurze Pause. „Und dass sie diesen Weg überhaupt gehen konnten, verdanken sie dem Haus Aurandis.“ Timor sah ihn fragend an. „Das wird bei den ya Satara nicht vergessen“, fuhr Gardelan fort. „Ganz gleich, wie viele Generationen inzwischen vergangen sind. Das Haus Aurandis hat ihnen damals die Hand gereicht, als sie noch weit davon entfernt waren, mit den großen Familien des Landes auf Augenhöhe zu verkehren.“ Gardelan hob typisch, wenn er Timor eine Lebenslektion erteilen möchte, zusätzlich den Zeigefinger. „Deshalb solltest du dir merken: Wenn du hier durch Satara reitest, reitest du nicht einfach durch irgendein Waldlehen. Du befindest dich auf dem Land eines Hauses, das seinen Rang durch einen geretteten Herrn, seinen Wohlstand durch harte Arbeit und seinen Aufstieg durch die Unterstützung des Hauses Aurandis begründet hat. Und wenn du eines Tages ebenfalls etwas Gutes erreicht hast, Timor, dann solltest du dir genau solche Geschichten als Grundlage genommen haben.“
Im Eichenen Fass
Die beiden Männer erreichten mittlerweile die Gaststube „Zum Eichenen Fass“. Schon von außen war zu erkennen, dass an diesem Nachmittag nicht nur zwei Reisende vor dem Wetter kapituliert hatten. Im ummauerten Hof des Eichenen Fasses drängten sich mehrere Pferde unter den Unterständen, und zwei Fuhrwerke standen so dicht an der Remise, dass ein Knecht laut fluchend versuchte, noch einen weiteren Wagen unterzubringen. Als sich die Tür zum Gasthaus öffnete, schlugen den Neuankömmlingen Wärme, der Geruch von nasser Wolle, gebratenem Fleisch und Holzrauch entgegen. Für einen Nachmittag war der Schankraum erstaunlich voll. Der Regen hatte offenbar alles hereingetrieben, was auf der Sheniloer Straße unterwegs gewesen war. Zwei Händler saßen mit ihren Schreibern über Bechern und aufgeschlagenen Papieren, ein durchnässter Botenreiter hielt beide Hände um einen dampfenden Krug, und mehrere Fuhrleute hatten sich an einem langen Tisch zusammengedrängt. In einer Ecke versuchte ein reisender Handwerker seine Stiefel am Feuer zu trocknen, während sein Geselle mit sichtlichem Missfallen beobachtete, wie sich darunter langsam eine Pfütze bildete.
Hinter dem Tresen bewegte sich ein leicht beleibter Mann mit erstaunlicher Geschwindigkeit zwischen Krügen, Bechern und Gästen hin und her. Eine ebenso rundliche Frau erschien immer wieder aus der Küche, verteilte Schüsseln und Anweisungen mit gleicher Entschlossenheit und verschwand anschließend wieder hinter der Tür. Dazwischen liefen zwei Jugendliche durch den Schankraum, einer mit einem Korb voller Brot, der andere mit einem Stapel leerer Becher, der gefährlich hoch bis vor seine Nase reichte. Neben dem großen Kamin lag ein Hund. Das Tier war gewaltig. Sein kräftiger Körper ruhte ausgestreckt auf den Dielen, den Kopf auf den Vorderpfoten. Mit dem Öffnen der Tür hatte es jedoch augenblicklich die Augen aufgeschlagen und den Kopf gehoben. Sein Blick ruhte einige Herzschläge auf den beiden Fremden. Die Ohren stellten sich ein wenig auf, die Nase bewegte sich prüfend. Dann schien das Tier zu einem Urteil gekommen zu sein. Von den Neuankömmlingen ging offenbar keine Gefahr aus. Der schwere Kopf sank wieder auf die Pfoten.
Unmittelbar neben dem Hund saß ein kleines schwarzhaariges Mädchen auf einer niedrigen Bank. Ein Bein hatte sie untergeschlagen, während das andere beinahe den Rücken des Tieres berührte. Auch sie hatte bei der geöffneten Tür kurz aufgesehen, schien mit der Einschätzung ihres gewaltigen Begleiters jedoch zufrieden und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schankraum zu. Von einem der Tische erklang derweil ein helles Lachen. Dort saß ein auffallend gutaussehender junger Mann mit sorgfältig gerichtetem Haar und einem gewinnenden Lächeln. Er hatte sich einer jungen Dame gegenüber niedergelassen und erzählte ihr gerade von einer Begegnung im Arinkelwald. „Ich hatte ihn kaum gesehen, da stand der Hirsch schon mitten auf dem Weg“, berichtete er und deutete mit seinem Becher in Richtung der Tür. „Ein prächtiges Tier. Zwölfender, vielleicht sogar vierzehn. Und keinen halben Steinwurf von mir entfernt.“ Die junge Frau hörte aufmerksam zu. „Und Ihr seid einfach stehen geblieben?“ „Natürlich, ich wollte ihn stellen und erledigen!“ Der junge Mann lächelte. „Er hatte acht Enden.“ Die ruhige Stimme kam von der Bank neben dem Kamin. Der junge Mann hielt inne. „Florina.“
Das schwarzhaarige Mädchen sah zu ihm herüber. „Und du warst hinter Großmutters Hund.“ Mehrere der Umstehenden begannen zu grinsen. Der junge Mann legte eine Hand an die Brust. „Ich habe die Lage beobachtet.“ „Du hast gewartet, bis der Hirsch weg war.“ Nun lachte auch die junge Dame. Der junge Mann nahm einen langen Schluck aus seinem Becher und schüttelte mit gespielter Resignation den Kopf. „Kinder“, erklärte er, „haben keinerlei Achtung vor einer guten Geschichte.“ Florina zuckte nur mit den Schultern. Der Hund neben ihr öffnete noch einmal ein Auge. Dann legte er den Kopf wieder auf die Pfoten. Gardelan schob die Tür mit der Schulter weiter auf und trat ein. Für einen Moment blieb er im Türrahmen stehen, während der Regen hinter ihm gegen das Holz peitschte. „Nun“, sagte er trocken, „ich nehme alles zurück, was ich über diese Schenke gesagt habe.“ Timor, der dicht hinter ihm eintrat, zog den durchnässten Mantel von den Schultern. Gemeinsam traten sie in den Schankraum. Die Wärme des Feuers war nach dem kalten Ritt durch den Regen beinahe überwältigend. Gardelan strich sich das Wasser aus dem Bart, während Timor zunächst versuchte, einen Überblick über die zahlreichen Gäste zu gewinnen.
„Bei Travia“, murmelte er. „Da haben wir offenbar nicht als Einzige dieselbe Idee gehabt.“ „Das Wetter hat heute einen bemerkenswerten Sinn für Gastfreundschaft", bemerkte Gardelan. Er nahm seinen Mantel ab und reichte ihn einem der Jungen, der mit einem Korb durch den Raum eilte. „Junger Mann. Wenn Ihr den dort irgendwo aufhängen könntet, wäre ich Euch dankbar.“ Der Junge nahm den Mantel entgegen, warf einen kurzen Blick auf den völlig durchnässten Stoff und verschwand damit. Timor stellte seinen eigenen Mantel dazu. „Meinst du, wir bekommen noch einen Tisch?“ Gardelan sah sich um. „Wenn nicht, stehen wir eben.“ In diesem Augenblick fiel sein Blick auf den gewaltigen Hund neben dem Kamin. Der Urbasier blieb stehen. „Ah.“ Timor folgte seinem Blick. „Was?“ „Ein sehr vernünftiger Hund.“ „Woran erkennst du das?“ „Er hat uns angesehen und beschlossen, dass wir keine Bedrohung darstellen.“ Timor grinste. „Vielleicht ist er einfach nur müde.“ „Das schließt sich nicht aus.“ Als sie am Kamin vorbeigingen, hob der Hund noch einmal den Kopf. Sein Blick wanderte von Gardelan zu Timor und wieder zurück. Timor nickte dem Tier unwillkürlich zu. „Guten Tag.“
Florina beobachtete ihn dabei. Timor bemerkte das Mädchen erst, als er sich bereits an ihr vorbeibewegen wollte. Ihr dunkles Haar stand in deutlichem Gegensatz zu ihrem hellen Gesicht. Sie saß vollkommen selbstverständlich neben dem gewaltigen Tier, als gehöre es dorthin wie der Kamin selbst. Ihre Blicke trafen sich. Timor sah zu dem Tier. Dann wandte er sich wieder ab. Vom Nachbartisch erklang erneut die Stimme des jungen Mannes. Gardelan hingegen musterte den jungen Mann etwas genauer. „Interessant.“ „Was?“ „Du hast ihn doch gerade gehört.“ „Ja.“ „Dann weißt du, dass er sich für einen großen Jäger hält.“ „Und?“ Gardelan deutete kaum merklich mit dem Kopf in dessen Richtung. „Achte auf seine Kleidung.“ Timor sah hinüber. Der junge Mann war tatsächlich auffallend gut gekleidet. Selbst die Kleidung für eine Reise durch den Arinkelwald wirkte sorgfältig gewählt. „Adel?“ „Vermutlich.“ Timor wandte sich wieder seinem Lehrer zu. Gardelan lächelte. „Ich weiß, dass er möchte, dass jeder im Raum es weiß.“ Timor unterdrückte ein Lachen. „Du bist heute besonders freundlich.“ „Der Regen macht mich milde.“ In diesem Augenblick trat der Wirt hinter dem Tresen hervor.
„Meine Herren! Wenn Ihr einen Tisch sucht, müsst Ihr Euch leider gedulden. Wir sind bis unters Dach voll.“ Gardelan deutete auf Timor. „Der Junge hier braucht etwas Warmes zu essen.“ Timor sah ihn überrascht an. „Ich kann selbst brauche einen kräftigen Becher Wein.“ Der Wirt musterte die beiden, dann nickte er. „Essen lässt sich machen. Einen Tisch müssen wir uns allerdings teilen.“ Gardelan blickte durch den Raum. „Mit wem?“ Der Wirt deutete auf den Tisch, an dem der junge Mann gerade seine Geschichte verteidigt hatte. „Dort ist noch Platz.“ Timor sah zu dem Tisch. Dann zu Gardelan. „Das wird interessant.“ „Travia zum Gruße, Signor", begrüßte Timor den jungen Mann. “Dürfen wir?" Er deutete auf die freien Plätze am Tisch. „Aber selbstverständlich, Signores.“ Der junge Mann erhob sich halb von seinem Stuhl und schob mit dem Fuß zwei der freien Plätze ein wenig vom Tisch weg. Die Unterbrechung seiner Erzählung schien ihm keineswegs ungelegen zu kommen. Im Gegenteil: Zwei weitere Zuhörer waren schließlich selten ein Nachteil. „Wenn Travia schon beschlossen hat, an diesem Nachmittag halb Satara und die halbe Sheniloer Straße unter einem Dach zusammenzutreiben, wäre es ausgesprochen unhöflich, sich ihrem Willen zu widersetzen.“
Mit einer kleinen, beinahe beiläufigen Verbeugung wandte er sich den Neuankömmlingen zu, „Taliano ya Satara.“ Auch die junge Dame am Tisch rückte bereitwillig ein Stück zur Seite. Taliano griff nach seinem Becher und deutete damit in Richtung des Tresens. „Falls Ihr noch überlegt, was Ihr bestellen sollt: Der Wildbraten ist heute ausgezeichnet. Und bei diesem Wetter würde ich zum roten Satarer raten.“ Er hob seinen Becher ein wenig. „Wenn Ihr möchtet, verfeinert Alena ihn mit Kräutern und Gewürzen und setzt ihn Euch heiß. Ich verspreche Euch, nach dem ersten Becher erinnert Ihr Euch kaum noch daran, wie nass Ihr eben wart.“ „Dein Vater hat dich gesucht.“, die ruhige Stimme kam erneut vom Kamin. Taliano sah zu dem schwarzhaarigen Mädchen von vielleicht acht maximal neun Götterläufen hinüber und antwortete „Mein liebes Cousinchen, ich bin sicher, mein Vater sucht mich häufig.“ „Dreimal.“, sagte sie trocken und streichelte dabei den großen Kopf des Hundes, welcher sich inzwischen auf ihrem Schoß befand. Taliano hielt kurz inne. „Das wiederum klingt unnötig beharrlich.“ Die junge Dame am Tisch verbarg ihr Lächeln nur mäßig erfolgreich. „Und er hat gesagt, du sollst Holz stapeln.“