Briefspiel:Hausbesuch/Spiel der Geschwister

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Anfang Rondra 1047 BF Schauplatz: Urbasi, im Palazzo Solivino Entstehungszeitraum: Frühjahr bis Sommer 2026
Protagonisten: Doriana, Alvinia, Ricardo und Rahdrigo Solivino, Poldoron und Auricanius von Urbet Autoren/Beteiligte: Bella, Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Auf dem Torre Rotondo · Zu den Gründen · Zwiegespräch · Spiel der Geschwister · K-a-m-m-p-f · Heißer Tanz · Berichte und Zusagen · Zurück im Palazzo Modesto


Spiel der Geschwister

Fortsetzung von hier.


Spielt ihr eigenes Spiel mit dem Besucher: Alvinia Solivino

Poldoron sah Dorianas Schwester ob ihrer Geste fragend an. Wahrscheinlich sollte er sie erstmal Doriana gegenüber nicht verraten, interpretierte er dann aber – und nicht selber gänzlich schweigen, wie man anhand der Geste auch hätte vermuten können.
'Nun gut', dachte er, 'spielen wir das Spiel erstmal mit.'
„Meint ihr mit den anderen meine Kusinen?“, fragte er einen Tonfall lauter als zuvor in Richtung Dorianas. „Haben die kleinen Prinzessinnen euch nun auch endlich den Nerv geraubt?“
Seine Fragen sollten gerade mehr die Zeit überbrücken. Was hatte die jüngere Schwester Dorianas vor?

Alvinia drehte sich um und winkte ihrem wieder um die Ecke lugenden Bruder. Nur zögerlich schlich er zu ihr und überreichte ihr ein Blatt Papier sowie einen Kohlestift. Sofort begann die junge Dame, etwas auf das Papier zu kritzeln. Der junge Herr hielt sich schüchtern hinter ihr, warf Poldoron und besonders dessen gegürtetem Schwert aber faszinierte Blicke zu.
„Was? Nein“, antwortete derweil die nichtsahnende Doriana. „Eure Kusinen darf ich zu meinen Freunden zählen, und sie sind sicher keine kleinen Prinzessinnen … naja, jedenfalls abgesehen von ihrem Titel nicht. Rahjada ist die Kriegerin, die loszieht um den verhätschelten Prinzen aus den Fängen des Drachen zu retten und nicht umgekehrt.“ Sie lächelte. Da war eindeutig Bewunderung in ihrer Stimme. Nachdenklich wickelte sie sich eine Haarsträhne um den Finger. „Denkt ihr von mir, ich wäre die wehrlose Prinzessin, Cavalliere?“, fragte sie schließlich.

Poldoron überlegte kurz, während er das Schauspiel der Geschwister Dorianas weiter beobachtete.
„Ihr seid viel zu nachsichtig, Signora, glaube ich. Wenn ihr meine kleinen Kusinen so sehr bewundert, muss ich das jedenfalls glauben. Denen ist einfach zu Kopf gestiegen, dass sie schon immer hochadlig gewesen sind. Also Rahjada und Selinde …“
Was trieben die jüngeren Solivinos nur? Wollte ihm die Schwester Dorianas eine Botschaft schreiben oder malte sie eine Karikatur von ihm?
„Tharinda ist da anders, zum Glück. Aber das habt ihr ja wohl selbst schon gemerkt, als ihr damals vor dem Herzog aufgespielt habt.“ Poldoron erinnerte sich erstaunlicherweise sehr genau an die Geschichte, die ihm in den Goldfelsen vom Auftritt Dorianas und Tharindas am Hof in Arenkis erzählt wurde. „Tharinda hält sich nicht für unfehlbar.“
Er sammelte noch einmal seine Gedanken: „Für wehrlos halte ich euch hingegen nicht, Signora, überhaupt nicht. Ihr habt es schon mit Widersachern aufgenommen, denen mancher Cavalliere sein ganzes Leben lang nicht entgegentritt. Und ihr habt euch dabei gut geschlagen, finde ich.“
Das letzte Bekenntnis war durchweg lobens-, wenn nicht sogar bewundernswert gemeint, auch wenn das wegen der Ablenkung durch Dorianas Geschwister, auf die Poldoron sich eben auch konzentrieren musste, möglicherweise nicht so ganz herausklang.

„Das… freut mich, von euch zu hören. Danke. Ich hoffe wirklich, solchen Leuten nie wieder begegnen zu müssen“, antwortete sie. „Aber das hofft jeder, glaube ich.“
Dorianas Schwester war fertig und gab Poldoron den Zettel mit einem verschwörerischen Zwinkern.
Dort standen zwei schnell hingekrakelte Sätze: Geht ruhig rein. Wir können Schmiere stehen.
Ihr Bruder lief knallrot an und presste sich eine Hand auf den Mund, um ein Lachen zu ersticken. Das gelang nicht vollständig.
„Lacht ihr mich etwa aus?“, fragte Doriana mit zumindest teilweise gespielter Entrüstung.

„Das würde mir im Traum nicht einfallen, Signora“, erwiderte Poldoron mit fester Stimme, während er Dorianas jüngeren Bruder mit seinem Blick fixierte. Dann gestikulierte er den Geschwistern vor der Tür, dass sie ihm den Kohlestift ebenfalls reichen sollten.
„Seid aber froh, dass euer Name Solivino lautet“, sprach er zu Doriana, „wenn euch solche Begegnungen nicht zusagen. Meine Familie scheint nicht um sie herumzukommen, seit ich mich erinnern kann jedenfalls. Kriege und Fehden, Brände und Massaker, selbst Angriffe auf unsere Tempel … nichts scheinen wir auszulassen …“
Er sah bei seinen letzten Worten die Geschwister an, setzte dabei durchaus bewusst einen finstereren Blick auf – und schrieb dann mit dem ihm inzwischen ausgehändigten Kohlestift ein einzelnes Wort auf die Rückseite des Papiers: Wozu?
Danach reichte er beides wieder an Alvinia zurück.

Ziemlich perplex, ja geradezu fassungslos starrte Alvinia das Wort an, blinzelte zweimal.
Sie musterte Poldorons Gesichtsausdruck genau, überlegte einen Moment und kritzelte eine neue Notiz: Nur ein Angebot.
"Die Massaker von Urbet …", murmelte Doriana und erschrak, kaum dass sie es laut ausgesprochen hatte. Verlegen räusperte sie sich. "Ja, mein Onkel, er tut alles dafür, dass wir und vor allem der Tempel nicht in Konflikte gezogen werden. Manche weniger Wohlwollende nennen das auch opportunistisch."
Als würde sie sich plötzlich wieder erinnern, warum sie hier war, fuhr sie einmal mit dem Kamm durchs Haar.
"Das Fürstentum Urbasi … ihr habt das schon miterlebt, nicht wahr? Als Kind." Der Tonfall war vorsichtig, herantastend, aber neugierig.

Poldoron sah Alvinia im Korridor nach ihrer letzten 'Botschaft' musternd an. War es eine Vorliebe gleich beider Schwestern gegen ihren Vater aufzubegehren? Oder wollten sie ihm gar eine Falle stellen?
Er überlegte kurz, setzte dann aber ein Lächeln auf. Mit der rechten Hand tippte er mehrfach demonstrativ auf den Stuhl aus Dorianas Gemach, auf dem er saß – und hielt sich dann die linke Hand vor den Mund, hauchte einen Kuss darauf … und blies ihn der jüngeren der Solivino-Schwestern inzwischen deutlich grinsend entgegen …
„Ich war noch sehr jung, als das mit dem Thronfolgekrieg alles stattfand, ja“, wandte er seine Aufmerksamkeit dann wieder Doriana zu. „Ich kann mich aber noch daran erinnern, dass vor allem meine Mutter uns damals sehr oft zu erklären versuchte, warum gewisse Dinge so waren, wie sie waren … und auch warum sich andere schneller änderten, als wir vielleicht mit dem Verstehen überhaupt hinterher kommen konnten.“
Er machte eine kurze Pause.
„Als Traviano damals jeden Tag neue Ländereien zu erobern schien, bekamen wir unseren Vater zeitweise gar nicht mehr zu Gesicht. Dabei war er gar nicht selbst in die Kämpfe involviert, sondern kümmerte sich um die Verwaltung der Familiengüter, die so … fluide … war wie der ganze unsägliche Konflikt.“
Er räusperte sich.
„Manchmal fragt man sich, was alles anders hätte sein können ohne die eine oder andere Konfrontation. Dabei muss ich gestehen, dass ich mir die Titel, die mein Vater nach dem Tod des Fürsten erlangte, vielleicht auch mal zu Kopfe habe steigen lassen. Beim Turnier hier in Urbasi, das Yandriga damals gewann, haben meine Eltern mich wahrscheinlich auch deshalb bei meinem Schwertvater aus dem Norden dann Knappe werden lassen. Die Jahre der Ausbildung – fern von daheim – lassen einen erst eine gänzlich andere Perspektive gewinnen.“
Beim letzten Satz sah Poldoron auch Dorianas Geschwister wieder an, als sei er vielleicht auch an sie gerichtet gewesen.

Nutzt die Gelegenheit für seine Fragen an den Cavalliere: Ricardo Solivino

Alvinia schüttelte nur empört den Kopf, verschränkte die Arme und drehte sich demonstrativ weg.
Währenddessen hatte Ricardo eine andere Idee, er nahm ein neues Blatt Papier, schnappte seiner Schwester den Stift wieder weg und begann, eine Botschaft zu schreiben.
Drinnen nickte Doriana, bis ihr einfiel, dass Poldoron das gar nicht sah.
„Ich weiß genau, was Ihr meint. Das mit der anderen Perspektive. Auch wenn ich meine Geschwister vermisse …“
Diese Worte zauberten der schmollenden Alvinia wieder ein Lächeln aufs Gesicht.
„… gewinne ich in Methumis so viel. Dort gibt es Freiheit und naja … dort sagen mir nur die Lehrer, was ich zu tun und zu lassen habe, und das auch nur im Unterricht. Das ist bei einer Knappschaft sicher anders. Meine jüngste Schwester erzählte mir mal, dass sie eine Art leicht bessergestellte Dienerin geworden ist – und das fast rund im die Uhr.“
Sie betrachtete den Kamm, legte ihn zur Seite und ließ sich rückwärts aufs Bett fallen, ihre Haare kaum ordentlicher als zuvor. Es gab Wichtigeres, worüber sie nachdenken musste. Warum war er so schnell wieder aus dem Zimmer verschwunden? Lag ihm so viel an dem Befehl seines Patriarchen? Oder war er treu gegenüber einer Geliebten? Die Decke ihres Himmelbetts gab ihr jedenfalls keine Antwort. Irgendwie musste sie ihn direkter fragen.
„Würdet ihr manchmal gerne in die Nordmarken zurückkehren? Vielleicht um einer holden Maid Willen?“, fragte sie und ließ dabei letztere Bemerkung wie einen Scherz klingen.
Dorianas jüngere Schwester hielt den Atem an, den Blick gespannt auf Poldoron fixiert.
Von all dem unbeeindruckt war Ricardo fertig geworden und reichte dem Cavalliere seine Notiz:
Habt ihr schon mal in einer Schlacht gekämpft? So richtig? Könnt ihr mal davon erzählen?

Poldoron benötigte einen Moment, um Ricardos Notiz überhaupt zu lesen. Er musste grinsen, als er es getan hatte. Er schüttelte Dorianas Bruder gegenüber den Kopf und hielt mit verschwörerischem Blick den Zeigefinger vor den Mund.
„Nun, Signora“, sprach er dann zu Doriana, während er allerdings zunächst Alvinia ansah, „die Nordmarken habe ich kaum häufiger gesehen als andere Provinzen des Mittelreichs … in meiner Zeit als Knappe. Mein Schwertvater, Koromar von Liobas Zell, war halt gerade kein allzu sesshafter Ritter. Eher einer, der von einem Turnier zum nächsten reiste. Wie hätte ich es da mit den … holden Maiden … anstellen sollen? Sie einmal im Götterlauf besuchen und hoffen, dass sie mich in der Zwischenzeit nicht längst vergessen haben? Das wollte ich weder mir noch einer … Maid antun. Wie schnell man außerdem verheiratet sein kann, habe ich an meinem Bruder gesehen. Und auch, welche Konfrontationen allein daraus wieder erwachsen können …“
Obwohl er es nicht aussprach, dachte er dabei vor allem an die Geschehnisse der Grauen Hochzeit, die im Krieg der Farben selbst zum Politikum wurde und in Entführungen unter anderem der Brautleute gipfelte.

Misstrauisch legte Ricardo den Kopf schief und betrachtete Poldoron genau, als wolle er entschlüsseln, auf welche seiner Fragen das Kopfschütteln sich nun bezog.
Doriana stützte sich auf ihre Ellbogen und blickte mit gerunzelter Stirn zur Tür. “Ihr … verheiratet …”, brachte sie mühsam heraus. “Ja, ich nehme an, dass mein Vater mich auch verheiraten will. Er hat es noch nie direkt angesprochen, weil ich erst einmal noch studiere, aber ...” Sie brach ab. Ihr Zimmer fühlte sich mit einem Mal einengend an, seltsam, dabei war es doch viel größer als ihre Kammer in Methumis. Ihr Gewand raschelte, als sie aufstand und zur Tür ging, einen Schritt davor stehenblieb. “Wisst Ihr, ich will nicht verheiratet werden. Nicht an irgendjemanden, dessen einzige Qualität es ist, adlig zu sein. Der vielleicht strohdumm, arrogant oder grausam ist. Der mich gar nicht liebt. Vielleicht gehe ich zu meinem Onkel, wenn es so weit ist, und bitte ihn, meinen Vater umzustimmen”, murmelte sie mit schwankender Stimme. “Oder ich komme einfach nicht mehr zurück aus Methumis.”
Dann, heftiger: “Ihr solltet euch auch nicht einfach so verheiraten lassen, wenn ihr nicht wollt.”
Ihre beiden Geschwister vor der Türe hielten den Atem an. Da war Fassungslosigkeit in ihren weit aufgerissenen Augen, als ihre Schwester davon sprach, nicht mehr nach Hause zu kommen. Alvinia schüttelte hitzig den Kopf.

Die Reaktionen der Geschwister registrierte Poldoron wohl, er antwortete Doriana diesmal aber direkt: „Eigentlich glaube ich nicht, dass der Baron mich ungefragt verheiraten würde. Das hat Auricanius noch bei keinem Familienmitglied gemacht – obwohl mein Vater für ihn selbst vor Jahren ja mal seine Ehe arrangierte. Vor der Heirat meiner Schwester im letzten Jahr hat er hingegen der Familie ihres Mannes ziemlich die Flausen ausgetrieben, glaube ich … als sie aus ihrer … Schwangerschaft noch Profit ziehen wollten. Bei sowas kann er richtig unangenehm werden, schätze ich, doch eher den anderen gegenüber.“
Dann sah er Alvinia und Ricardo nochmal an.
„Wie euer Vater dazu steht, weiß ich natürlich nicht. Nur deshalb nicht mehr nach Hause kommen zu wollen, halte ich auch für eine schlechte Idee. Es gibt doch Leute in eurer Heimat, die euch lieben. Eure Geschwister zum Beispiel …“

„Und Euch ist es egal, wenn ich nicht mehr zurückkomme?“
Die Worte purzelten unwiderbringlich aus ihr heraus, da änderte auch die Hand nichts mehr dran, die Doriana sich erschrocken vor den Mund schlug. Mit einem Mal fürchtete sie, hier und jetzt ersticken zu müssen, obwohl sie gar kein Korsett trug. Oh nein, sie fürchtete es nicht, sie wünschte es sich. Einfach sterben und dieser Situation entkommen.
Das hier war noch schlimmer als der gesellschaftliche Tod, es war die Blamage vor ihm. Vor ihm, dessen Meinung ihr so wichtig war und den sie doch so anders in Erinnerung gehabt hatte. Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte, fühlen wollte. Es war ein einziges Chaos.
Alvinia und Ricardo starrten Poldoron mit großen Augen und angehaltenem Atem an.

Der Blick des Cavalliere ging zwischen den beiden Geschwistern Dorianas hin und her. Seine Gedanken rasten. Sollte er ihrer älteren Schwester – gerade angesichts des Gesprächsverlaufs – zu erkennen geben, dass sie Mithörer hatten, von denen sie bisher scheinbar nichts ahnte? Doch wie würde sie das jetzt aufnehmen, nachdem die beiden doch schon eine Weile bei ihm vor der Tür waren? Und welche Antwort sollte er ihr ganz unabhängig davon – war das überhaupt noch möglich? – auf ihre Frage geben?
Plötzlich erhob er sich, was den dabei ein Stück weit zurückgeschobenen Stuhl auf dem Boden knarzen ließ. Dann sah er die beiden jüngeren Geschwister nochmal an, deren große Augen ihn weiter anstarrten.
Endlich räusperte er sich vernehmlich und sagte: „Nein, das ist mir nicht egal, Signora. Ich möchte euch gerne wiedersehen!“
Erstaunlicherweise klang in seiner Stimme dabei keinerlei Zweifel mit.

Doriana atmete tief durch. Dass ihr Herz so schnell schlagen konnte, während sie weder Fechtkampf trainierte, noch vor Ketzern wegrannte. Sie räusperte sich ebenfalls.
„Ihr … ihr hattet Recht, Cavalliere“, sagte sie schließlich. „Es war eine sehr schlechte Idee, nicht mehr nach Hause zu kommen.“ Oberflächlich klang es fast wieder formell. Fast so, als hätten die letzten Momente ihres Gesprächs nie stattgefunden, als hätte Poldoron nur das schöne Wetter und das reizende Wesen der Aurelassen als Argumente genannt, warum es sich lohnte, doch hierzubleiben. Aber eben nur fast.
Alvinia lächelte erleichtert und entschied wohl, dass ihre Lauschposition zu riskant wurde, denn sie wich langsam zurück und winkte ihrem Bruder, mitzukommen. Der zögerte, blickte noch einmal fragend zu Poldoron und folgte ihr.


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