Archiv:Firun bringt den Winter (BB 50)

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Quelle: Bosparanisches Blatt Nr. 50, Seiten 12-13 Bosparan Herold Datiert auf: Firun 1046 BF


Firun bringt den Winter

Gräfin Hesindiane stirbt bei der Jagd auf den Biancervo

von Shafirio ay Ankhraio


Mortecervi. Die Kaiserjagd ist vorüber. Nach sechs Tagen endete sie im alten königlichen, nach einer vielbeachteten Schenkung nunmehr kaiserlichen Jagdanwesen Mortecervi. Die Adligen des Reiches, die den Kaiser dabei begleiteten, haben die Heimreise angetreten, während diese Zeilen geschrieben werden. Die meisten jedenfalls, denn die fordernden Bedingungen – ein plötzlicher und heftiger Wintereinbruch vor allem – haben manche Hoffnung auf unsterblichen Jagdruhm mit dem Einzug in Borons Hallen vergolten. Mit der Gräfin Bethanas ist gar eine der Hochadligen des Reiches von uns gegangen!

Über den Beginn der Jagd berichtete ich bereits (BB#48), vom Vorfall auf dem Marktplatz Aldyras etwa, der Aufstellung der Jagdgesellschaften für den ersten Tag und der ergreifenden Predigt Monsignora Wolkenflugs. Die damaligen Zeilen sind keine Woche alt, und lesen sich doch selbst für mich wie eine entfernte Erinnerung. Großer Jubel brach noch am selben Abend vor allem im Lager der Grangorer aus, nachdem das Gefolge Herzog Cusimos durch den Kaiser zum erfolgreichsten des ersten Jagdtags gekürt worden war. Die Ambitionen des Herzogs, der selbst auf Jagdmeister aus den befreundeten Nordmarken zurückgreifen konnte, hatten sich bereits ausgezahlt. Und das bevor der Alte Bosparan überhaupt erreicht war, wurde das erste Jagdlager doch noch außerhalb des Waldes zwischen Purpurbruch und Kusmaraburg aufgeschlagen.

Während der erste Tag der Jagd in den Altanquirauen überwiegend mit Nebel aufwartete, präsentierte sich der zweite dann überaus sonnig, was der Beizjagd unter den Augen des Kaisers entgegenkam. Die Falknerei, heißt es, sei ein persönlicher Favorit unter den Beschäftigungen seiner Majestät – und wurde dementsprechend von einer Vielzahl der Jäger gleichermaßen ehrgeizig betrieben. Dass 'der Almadaner' Hasrolf von Culming sie mit der größten Auszeichnung durch den Horas beendete, überraschte dabei ebenso sehr wie das lange Gespräch des Kaisers ausgerechnet mit der albernischen Prinzessin Branwyn, die ja nicht nur die Verlobte von Cusimos Erben Orsino, sondern auch Enkelin der letzten Galahan-Fürstin Kusliks, der Hochverräterin Kusmina nämlich ist.

Nicht weniger überraschend war am dritten Tag dann ein Aufruf des Kaisers, die Quelle des Altanquir in den Tiefen des Alten Bosparan zu finden – und das, wo noch am Abend zuvor der Biancervo das erste Mal gesehen worden sein soll! Dass das weithin erwartete Hauptziel der Jagd, das Erlegen des legendären weißen Hirschs, scheinbar in den Hintergrund rückte, sorgte hier für allerhand Spekulationen. Der Kaiser aber zeichnete am Abend nicht nur Solvolio d'Illumnesto als Sieger seiner Quellqueste aus, sondern – nachdem Gevatter Firun erstmals Schnee in diesem Winter niedergehen ließ – auch Baronet Fevon vom Rauhen Berg als bisher erfolgreichsten Jäger und Winterkönig.

Firuns Winter brach indes mit einer Wucht herein, die niemand hatte voraussehen können. Schon am Morgen des vierten Jagdtags fielen die Schneeflocken dichter als viele dies je im Lieblichen Feld erlebt hatten. Die Jagd war gerade erst zur Hälfte absolviert und manchen dräute die Vorstellung weiterer bitterkalter Nächte in einem isolierten Zeltlager. Durch kaiserliche Gnade wurden solche Pläne aber verworfen – und der größte Jubel an diesem Tag brach wohl aus, als das ehemals königliche Jagdanwesen Mortecervi als neues Ziel ausgegeben wurde. Es konnte bei weitem nicht allen Jägern und ihrem Gefolge Gemächer bieten, wohl aber beheizte Säle, die zum Aufwärmen und gar für ein großes Bankett genutzt werden konnten. Letzteres nutzten denn auch viele Untertanen seiner Majestät für Ehrerbietungen und um Geschenke zu präsentieren. Die junge Comtessa Rahjada von Urbet, seit kurzem erst Schlossherrin Mortecervis, schenkte dem Kaiser gar das Anwesen selbst und die umliegenden Güter – „um altes Unrecht wieder gut zu machen“, wie sie sagte.

Dass derlei Großzügigkeit vielfach mit der Hoffnung auf umgekehrte Gunstbeweise einherging, war jedem Anwesenden nur zu bewusst. Die Nähe zum Kaiser suchten während der Jagd ohnehin schon etliche seiner Untertanen, und manche machten sich wohl Aussichten, ihm gar eine Braut empfehlen zu können. Das Wetteifern darum führte gerade im weiteren Verlauf des Abends und der Nacht auch zu hässlichen Zwischenfällen, die an dieser Stelle völlig zu unterschlagen der Wahrheit nicht angemessen wäre.

Wie kleingeistig solches Gebaren ist, wurde vielen gleichwohl am Folgetag gewahr: Gräfin Hesindiane von Bethana zählte mit ihrem erfahrenen Jagdgefolge zu den ersten, die sich wieder auf die Spur des Biancervos machten, der inzwischen mehrfach gesichtet worden sein sollte. Dass ausgerechnet sie, die passionierte Jägerin, ihre erste Begegnung mit ihm nicht überlebte, sprach sich dann wie ein Lauffeuer unter allen verstreuten Gesellschaften im Wald und auch den bis dahin im Schloss Verbliebenen herum. Wie genau sie zu Tode kam, ist indes strittig, da die ihr nächsten Begleiter einander wohl geschworen haben, es zuerst ihrer abwesenden Tochter, der Comtessa Camerlenga Bellatrix zu berichten – und die entfernteren sich teils in Sabotagevorwürfen, aus dem eigenen Gefolge oder von rivalisierenden Jägern gar ergehen.

Der Tod der Gräfin war jedenfalls noch nicht das Ende der Jagd, die unter kaiserlicher Weisung fortgesetzt wurde – und noch am selben Tag zum Erlegen des Biancervos führte. Es waren schlussendlich die Chababier, allen voran Graf Phedro von Tolfana, die zum Abend hin den weißen Hirsch zur Strecke brachten. Der Kopf des Spitzenwilds wurde beim zweiten Bankett in Mortecervi vorgeführt, von dem sich der Kaiser diesmal recht früh zurückzog und im weiteren Verlauf des Abends auch nicht mehr gesehen wurde. Unter der vollen Mada feierte der Adel des Reiches dennoch ausgelassen, zumal auch der Gott der Jagd und des Winters nun sein Einsehen signalisierte: der Schneefall ließ nach und versiegte schließlich ganz.

Der abschließende sechste Tag der Jagd brachte gar Sonnenschein, der gerade auf den Waldschneisen rund ums nun kaiserliche Mortecervi zu weiteren umjubelten Jagderfolgen führte. Der Kaiser selbst zählte hier erst ab dem Mittag zu den Beobachtern, vergab weitere Ehrungen und erhob gar Dareius Amarinto in einer separaten Zeremonie zum Baron von Sewamund. Eine Braut jedoch erwählte er nicht. Das abschließende Bankett, inzwischen das dritte zu Mortecervi, fiel abermals festlich aus. Nicht zuletzt der Toten wegen, die die Jagd nicht überlebten, namentlich vor allem der Gräfin Aralzin, steht dennoch zu vermuten, dass diese vielleicht größte Kaiserjagd der Geschichte ihre Spuren noch weiter ziehen wird.

Armin Bundt, mit Dank an alle Beteiligten

Irdische Anmerkung: Das Briefspiel um die Kaiserjagd (mehr dazu im Wiki) ist noch nicht ganz zuende, soll – als inzwischen längst umfangreichstes im übergreifenden horasischen Briefspiel – in den kommenden Monaten aber zu seinem verdienten Abschluss gebracht werden, da am Horizont ja auch neue große Geschichten (Kaiserstern …) auftauchen!