Briefspiel:Hausbesuch/K-a-m-m-p-f
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K-a-m-m-p-f

Der Cavalliere stand und blieb mit gekräuselter Stirn vor dem Gemach der jungen Dame zurück, während ihre noch jüngeren Geschwister den Rückzug antraten. Den fragenden Blick Ricardos beantwortete er nur mit einem Schulterzucken.
Dann sah er auf den Stuhl zurück, auf dem er davor das ganze Gespräch über gesessen hatte … das Gespräch, das zum Ende hin eine so dramatische Wendung genommen zu haben schien. Er sah das Möbelstück an, als wäre es verhext, und entschied, sich nicht wieder darauf zu setzen.
'Lieber nichts riskieren', rechtfertigte er diese Vorsicht für sich. Doriana schien ihre ultimativ dumme Idee immerhin fallengelassen zu haben.
Stattdessen lehnte er sich nach einem Moment stehend an die Wand des Korridors neben der Tür zum Gemach der ihm 'schutzbefohlenen' Solivino und sah wartend Löcher in die Decke über sich.
Erst als die Stille für sich unheimlich zu werden schien, fragte er doch nochmal: „Was macht euer Kampf, Signora? Euer K-a-m-m-p-f?“
Er amüsierte sich offensichtlich selbst über sein Wortspiel, musste unvermittelt grinsen.
„Mit dem K-a-m-m …“, fügte er dann noch an, wohl schon ahnend, dass seine Frage ansonsten kaum richtig zu interpretieren war.
Die Geschwister waren bei der Treppe angekommen und ihre Schritte kaum zu hören, als sie sich in den zweiten Stock davonmachten.
„Oh, das …“ Doriana musste unvermittelt lachen. Sie ging zum Bett zurück, um den Kamm wieder aufzulesen, fuhr sich einmal damit durchs Haar und blickte in ihren Spiegel. Ihr Haar sah jetzt immerhin wie das Nest eines ordentlichen Vogels aus. Ihr Blick wanderte zu ihrem Rapier, das unterhalb des Spiegels auf dem Nachttischchen lag, seit einigen Tagen völlig unberührt. Viel zu lange unberührt. Achtlos ließ sie den Kamm wieder aufs Bett fallen und hob stattdessen die Waffe auf, spürte das mittlerweile vertraut gewordene Gewicht in ihrer Fechthand.
„Ehrlich gesagt wäre mir ein richtiger Kampf lieber. Da gäbe es noch eine Nachlässigkeit auszugleichen, an die ihr mich freundlicherweise erinnert habt. Hättet ihr Lust?“
Mit dieser Frage der jungen Signora hatte Poldoron ganz ehrlich nicht gerechnet. Er glaubte zuerst, sie sich nur eingebildet zu haben – war sich dann aber sicher, dass das nicht der Fall war.
„Ich weiß nicht, ob das der Zeitvertreib war, den euer Vater und der Baron im Sinn hatten, als sie euch in den K-a-m-m-p-f entließen …“ Er betonte das Wort nochmal wie zuvor und musste lachen. „Aber bei Rondra, ich will verdammt sein, wenn ich mir die Gelegenheit auf eine Übungseinheit entgehen lasse!“
Unvermittelt strich er dabei über den Knauf des Schwerts an seiner Seite.
„Ich habe gehofft, dass ihr so antwortet.“
Doriana grinste und gürtete das Rapiergehänge. Das Grinsen war auch noch nicht verschwunden, als sie die Tür öffnete und damit den leeren Stuhl beiseite schob.
„Lasst uns in den Garten gehen“, schlug sie vor. Dort würden die beiden Patriarchen das Klirren ihrer Waffen nicht hören, wie sie hoffte.
„In den Garten?“
Poldorons Frage klang spielerisch entrüstet.
„Ist das nicht ein wenig sehr öffentlich?“
Er machte eine kurze Pause, grinste dabei aber.
„Ich hatte gehofft, ihr würdet einen Ort wählen, an dem ich nicht gleich als Stümper im K-a-m-m-p-f enttarnt würde, wenn ihr mich vermöbelt …“
Er grunzte einmal, als hätte er sich schon geschlagen gegeben.
„Nun gut, meinetwegen … Weist mir den Weg, Damosella …“
Natürlich betonte er gerade ihren Titel wieder so niedlich, wie er nur konnte.
„Ihr macht euch wohl einen Spaß daraus, mir Hoffnung zu machen, nur um sie dann spielend leicht zu zerstören.“
Doriana rollte mit den Augen, bevor sie an ihm vorbei zur Treppe lief und verstohlen nach unten spähte.
„Jetzt müsst ihr leise sein, Cavalliere. Das könnt ihr doch, oder?“, flüsterte sie und lächelte ihn zuckersüß an. Woher auf einmal ihr Mut kam, so mit ihm zu reden, wusste sie auch nicht. Doch die ehrliche Aussage, dass er sie wiedersehen wollte, schien das Eis gebrochen zu haben.
Zu ihrem Glück war gerade niemand in der Eingangshalle und so war der Weg zur Tür in den Garten frei.
Poldoron hatte nicht vor auf Zehenspitzen an irgendjemandem vorbeizulaufen. Er schüttelte daher den Kopf, während er Doriana mit seinem Blick für einen Moment fixierte.
Dann fing er an, an seinem Schwertgurt herumzuhantieren. Keinesfalls würde er mit blanker Klinge gegen die junge Adlige kämpfen wollen, selbst wenn es nur zur Übung war. So schlang er einen Teil des Gürtels um die Parierstangen und den Schwertgriff, auf dass die Klinge auch nicht versehentlich aus der Waffenscheide gleiten könnte. Das zusätzliche Gewicht verlagerte zwar den Schwerpunkt seiner Waffe und fühlte sich auch generell nicht 'richtig' an, aber mit diesem Handicap müsste er umzugehen wissen.
So folgte er Doriana, nicht übertrieben darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, jedoch auch nicht absichtlich wie der sprichwörtliche Brabaker Waldelefant im Unauer Porzellanladen dahertappsend.

Doriana schlich erstaunlich geübt die Treppe hinunter und spähte um die Ecke, nur um zu erkennen, dass die Tür zum Speisesaal geschlossen war.
Auch die Tür in den Garten hatte zwischenzeitlich wohl jemand geschlossen. Mit einer galanten Geste öffnete Doriana sie und bat Poldoron, als erstes hindurchzuschreiten.
Sofort schlug ihnen erdrückende Hitze entgegen. Anders als auf dem Torre Rotondo war es nahezu windstill in dem nur an einer Seite zum Park offenen Innenhof. Der Palazzo bot glücklicherweise etwas Schatten. Die Hitze hatte Doriana nicht bedacht, aber jetzt einen Rückzieher zu machen, ging natürlich nicht.
Sie schloss die Tür hinter Poldoron wieder sanft und lief ein paar Schritte auf den Hof hinaus. Direkt bei Erbauung des Palazzos waren mehrere Weinstöcke gepflanzt worden, die jetzt an den Wänden entlang wuchsen und frische, grüne Blätter und unreife Trauben trugen. In den Blumenpötten blühten noch einige Spätblüher und sorgten für die Farbtüpfelchen.
Doriana musterte Poldorons ‚Übungsschwert‘ und imitierte es bei ihrem Rapier. Sie brauchte eine kleine Weile, bis ihr die Konstruktion einigermaßen sicher erschien.
Poldoron sah Doriana für einige Augenblicke bei ihrer Nestelei zu und schwang währenddessen sein selbst schon präpariertes Schwert, um ein besseres Gefühl für dessen Gewicht zu bekommen.
Dann fragte er plötzlich: „Glaubt ihr wirklich, dass das notwendig ist?“
Sein Blick ging dabei eindeutig zu Dorianas Waffe, schien die selbst vorbereitete 'Übungswaffe' hingegen nicht zu hinterfragen.
„Ohne euch zu nahe treten zu wollen … ich meine ja nur, Damosella …“
Er zuckte einmal zweifelnd mit den Schultern, konnte sich das Grinsen allerdings nicht ganz verkneifen. Bemerkenswerterweise hielt er sein Schwert dabei bereits in Paradestellung …
Doriana antwortete nicht, sondern tat weiter so, als würde sie ihr Rapier absichern.
Dabei drehte sie sich halb von Poldoron weg, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ohne jeden Übergang oder Ankündigung griff sie ihn mit einem schnellen Ausfallschritt an – und hätte ihn wohl leicht überrumpelt, hätte er sich nicht bereits in Paradestellung begeben.
„Uff, verdammt“, entfuhr es ihr, noch bevor sich die Waffen mit einem ungewohnt stumpfen Laut trafen.
Der Cavalliere machte nach Dorianas Ausfall einen weiteren Schritt zurück. Er musterte sie prüfend, freute sich aber insgeheim, dass sie seine Provokation nicht unbeantwortet ließ. Ihre Reaktion stachelte ihn sogar eher noch an.
„Seht ihr, was ich meine?“, fragte er so erstmal wieder zuckersüß, bevor er scheinbar das Gewicht der eigenen Waffe abschätzte.
„Wie viel schneller hättet ihr eben sein können … ohne dieses Brimborium?“
Er zwinkerte ihr dabei zu.
„Dass euch das Fechten auch an der Schule Phexens beigebracht wird, wusste ich aber noch gar nicht. War für die Fechtstunden nicht mal die Schule Rondras zuständig?“
Diese letzte Anspielung war wohl der Tatsache geschuldet, dass Doriana überhaupt zu einem Überraschungsangriff angesetzt hatte. Poldoron machte allerdings auch weiter keinerlei Anstalten, von seiner vordergründig defensiven Kampfhaltung abzuweichen.
„Die an der Rondra-Schule scheitern grauenvoll in dem Versuch, ihr fehlendes Intellekt durch Selbstbewusstsein auszugleichen“, behauptete Doriana. „Die Herzogenschule ist so viel besser. Die letzten Ruder-Regatten haben alle wir gewonnen.“
Sie lächelte provokant, während sie sich lauernd umkreisten und musterte den jungen Ritter, dem diese Aussagen ziemlich gegen den Strich gehen mussten.
Die Studiosa schlug eine Finte rechts oben, zumindest klappte das so halb, um ihr Rapier gleich darauf gegen sein linkes Bein zu schwingen.
Poldoron hob seine Waffe zur Parade des zunächst hoch geführten Schlags, wich dem gegens eigene Bein umgelenkten Hieb dann aber durch zwei schnelle Schritte nach hinten aus. Nachdem er sich so erstmal außer Reichweite des Rapiers Dorianas gebracht hatte, deutete er eine übertrieben höfische Verbeugung an … die sicherlich besseren Eindruck hätte machen können, wenn er dabei mit seinem Gesäß nicht gegen einen Pflanzkübel gestoßen wäre …
Der irdene Topf und das darin befindliche Gewächs gerieten erstaunlich langsam in Schieflage, drohten zu einem frühen Verlust ihres Übungskampfes zu werden – bevor Poldoron mit der linken Hand danach griff und beides wieder stabilisierte.
Mit einem schon eher verlegenen Lächeln setzte der Cavalliere schließlich zur Antwort auf Dorianas letzte Aussage an: „Soso, an der Herzogenschule bringt man euch also solche Manieren bei. Das hätte ich nicht gedacht.“
Erst der zweite Satz bekam einen tadelnden Unterton. Poldoron kartierte währenddessen aber auch seine Umgebung im Geiste noch einmal aus und wartete erneut in Paradestellung auf den nächsten Vorstoß der jungen Signora.
Als Poldoron beinahe die violetten Hyazinthen ihrer Mutter aus echter Sheniloer Zucht umschmiss, verkniff Doriana sich ein Lachen.
„Man bringt uns außerdem bei, durch unsere Respektbezeugungen der Umgebung keinen Schaden zuzufügen.“ Sie überlegte und lächelte dann sanft. „Zumindest keinen unbeabsichtigten.“
Mit einigen tänzelnden Schritten wich sie weiter auf den Hof zurück, um mehr Platz für ihren Übungskampf zu schaffen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich euch so in Bedrängnis bringen könnte, Cavalliere“, stichelte sie. Mit einem erneuten Angriff hielt sie sich dennoch zunächst zurück und beobachtete ihn in seiner Paradestellung genau, um hoffentlich einen Angriff seinerseits voraussehen zu können.
Poldoron musterte die Schritte der jungen Signora interessiert. Da diese zunächst eine abwartendere Haltung einzunehmen schien, setzte er erstmal zu einer Antwort auf ihren letzten Verbalangriff an.
„Ich fühle mich nicht bedrängt, keine Sorge“, lächelte er und unterstrich dies mit einem angedeuteten, wenn auch etwas unbeholfenen Knicks. Immerhin stand er dabei weit von jeglichen Tonkrügen oder ähnlichem entfernt.
„Hat man euch an eurer Hohen Schule denn auch schon mit Kampftechniken aus dem Ausland bekannt gemacht, Damosella?“
Bei dieser Frage schien er noch einmal sein umgürtetes Schwert in der eigenen Hand zu wiegen. Und im Kopfe abzuwägen, ob der Plan, den er sich dabei ausmalte, wirklich umsetzen sollte …
„Nun ja, der Fokus liegt wohl verständlicherweise auf der eigenen Kultur.“
Sie hob leicht die Augenbrauen.
„Nicht jeder reist ans Ende der Welt, um seine Ausbildung zu erhalten. Wo es doch sehr fraglich ist, ob diese ‚ausländischen‘ Kampftechniken es auch nur im Ansatz mit den unseren aufnehmen können.“
Ohne eine Spur Ironie gesprochen, verriet nur ein leises Zucken ihrer Mundwinkel, dass es ihr mit dem Patriotismus nicht ganz so todernst war, wie die Aussage vermuten ließ.
Ihr Blick blieb an seiner Waffe hängen und sie spannte sich kaum merklich an.
„Fraglich?“
Poldoron schmunzelte.
„Ihr seid zu freundlich ... dass ihr in dieser Hinsicht überhaupt den Verdacht eines Zweifels aufkommen lasst.“
Dabei musterte er sie herausfordernd.
„Wo kämen wir hin, wenn ...“
Plötzlich schnellte seine Waffe vor. Es war ein kräftig geführter Schlag gegen ihre linke Schulter, während er seine eigene linke Körperhälfte wegdrehte, um einem Gegenangriff das naheliegende Ziel zu nehmen.
Doriana blieb deshalb kaum etwas anderes übrig, als den Schlag des Cavallieres mit einer eigenen schwungvollen Parade abzuleiten. Das tat sie gleichwohl vorbildlich.
Poldoron schien seinen Schlag dabei zu überstrecken, ihr eine Blöße zu offenbaren, die sie in wenigen Augenblicken würde nutzen können.
Dann spürte sie, wie das Gesäß des Cavallieres gegen ihre eigene Hüfte prallte, seine Physis sie aus dem Gleichgewicht brachte. Der Urbeter hatte auch in diesen Teil seines Angriffs etwas mehr Schwung gelegt, als er es in anderen Übungskämpfen getan hätte. Er hoffte inständig, dass sie dadurch nicht über ihre eigenen Füße stolpern würde. Doch er wollte ihr nun auch etwas beweisen.
Doriana sog heftig den Atem ein. Gerade war sie siegessicher nach vorne geschnellt, hatte ihren Schwerpunkt verlagert, da stieß Poldoron sie auf Hüfthöhe wieder nach hinten, sodass sie vollends aus dem Gleichgewicht kam. Nur ein Ausfallschritt zur Seite konnte sie da retten. Oder …
Später konnte sie nicht mehr sagen, ob sie es aus Neugierde auf seine Reaktion tat oder weil sie sich fragte, ob das Aufgefangen-Werden wirklich so funktionierte, wie sie es in Partnerarbeit an der Herzogenschule geübt hatten oder wie sie es in so manchem Buch gelesen hatte. Jedenfalls unternahm sie nichts, um sich selbst aufzufangen und ließ sich nach vorne fallen, Richtung des Cavalliere. Hoffentlich sah es nicht zu absichtlich aus.
Poldoron war vor allem überrascht, als der Oberkörper Dorianas in seine Richtung fiel. 'Verdammt', schoß es ihm voller Entsetzen durch den Kopf. Wie falsch konnte er die eigene Kraft nur eingeschätzt haben? Und mehr noch: Was konnte er jetzt tun, um einen harten Sturz der jungen Signora zu verhindern? Der überstreckte Waffenarm war ihm in dieser Situation jedenfalls keine Hilfe mehr.
Im scheinbar allerletzten Moment bekam er immerhin den anderen Arm noch um den Rücken Dorianas gewickelt und fing sie auf, bevor sie Bekanntschaft mit dem Kiesboden machte. Sie war erstaunlich leicht, bemerkte er dabei sofort.
Dass sie beide ein geradezu absurdes Bild abgeben mussten, entging ihm hingegen. Unbeteiligte Beobachter mussten wohl an eng miteinander Tanzende denken, die sich unmittelbar über dem Boden aufgefangen hatten, dabei die um ihre umschlungenen Klingen verlängerten Waffenarme allerdings weit von sich streckten.
Poldoron sah das ihm nie so nahe gewesene Gesicht Dorianas vor sich und versuchte daraus die mutmaßliche Empörung über seinen physisch rücksichtslosen Angriff herauszulesen. Ihm war sehr gewahr, dass sie sich in dieser Lage leicht mit einem Kopfstoß revanchieren könnte, auch wenn dieser ihn von der zarten Widersacherin nur noch mehr überraschen würde. Ob seines überstreckten Waffenarms würde er sich gleichwohl auch gegen einen Ellbogenstoß direkt ins eigene Gesicht erstmal nicht wehren können.
Ihre trotz des halbherzigen Kämmens zerzausten Haarspitzen berührten bereits den Boden, da kam ihr Fall zu einem abrupten Halt. Obwohl ein Teil von ihr nicht damit gerechnet hatte, hatte es funktioniert. Poldoron hielt sie mit nur einem Arm fest, wie auch immer das überhaupt ging. Doriana starrte ihn mit aufgerissenen Augen an und vergaß zu atmen. Er war nah. So nah, dass sie zum ersten Mal seine Augen wirklich betrachten konnte, seine grauen Augen, nicht blau, wie es aus der Ferne aussah. Irgendwie gefiel ihr das besser. Jeder klassische Held anderer Mädchen hatte blaue Augen, doch ihrer hatte graue. Aus diesen blickte der Ritter sie gerade zutiefst erschrocken an und erst da wurde ihr gewahr, wie schlimm diese fixe Idee hätte enden können.
„Verzeiht … ich meine, danke!“
Sie verfluchte sich selbst für das Zittern in ihrer Stimme und dafür, dass sie gerade rot anlief. Vor allem jedoch dafür, dass sie keine Ahnung hatte, was sie in dieser Situation tun sollte oder was sie sich überhaupt erwartet hatte. Normalerweise würde sie jetzt nach ihrem Fächer langen und sich dahinter verstecken, aber das ging gerade schlecht, also hob sie stattdessen ihr fest umklammertes Rapier in Richtung seines Halses. Ganz so, als wären sie einfach nur in einem Übungskampf, nichts weiter.
„Ähem, ihr dürft mich jetzt wieder hinstellen.“
Poldorons Blick blieb am Gesicht der jungen Signora haften, was ihn erstmals jede ihrer Regungen aufmerksam verfolgen ließ: die schreckgeweiteten Augen, ihr eigener tiefgehender Blick, dann das Erröten und Zittern in der Stimme. Seine Gedanken rasten, als ihm unterschiedlichste Deutungen dazu durch den Kopf gingen. Und mit diesen schließlich auch die Idee, dass Doriana sich absichtlich in seine Richtung gefallen haben lassen könnte. Selbst dafür kamen ihm aber sogleich unterschiedlichste Erklärungen in den Sinn.
Erst als sie ihr Rapier immer näher an seinen Hals hielt, kehrte sein Situationsbewusstsein wirklich zurück. Unwillkürlich schalt er sich einen Narren. 'Natürlich', dachte er, 'das war alles nur gespielt.' Und er Tölpel fiel natürlich auch noch darauf herein!
„Verzeihung, Signora“, straffte er seine Stimme und sich selbst, half der offenbar überaus gerissenen Jüngeren auf die Beine, machte zwei Schritte zurück und deutete eine ehrlich gemeinte Verbeugung an.
„Ihr seht mich geschlagen, Signora.“ Das spöttische 'Damosella' blieb ihm im Hals stecken. „Ich dachte, ich könnte euch mit dem Bauerntrick noch überraschen. Doch ihr habt mich von Anfang an durchschaut.“
Durchaus betreten ging sein Blick danach zu Boden, als könne er Doriana gar nicht mehr ins Gesicht sehen.
„Was? Ich… euch?“ Doriana schüttelte den Kopf und lächelte nervös. „Nein, nein, ihr habt schließlich mich aufgefangen.“ Dann erst merkte sie, dass sie den Rapier lächerlicherweise noch in seine Richtung gestreckt hielt und ließ den Arm sinken.
Wie schade, dass er sie nicht mehr anblickte, dass sie diese Augen nicht mehr bewundern konnte. Noch während sich der Gedanke formte, war er ihr peinlich, also machte sie sich daran, das Rapier wieder von Scheide und Waffengürtel zu entwirren, um ihre Hände zu beschäftigen. Die Studiosa biss sich auf die Unterlippe. Das war ein einziges Desaster gewesen und alles ihre Schuld. Sie brauchte wirklich Hilfe. Wenn sie ihren Onkel um Rat fragte und ihn bat, ihrem Vater nichts zu erzählen … ja das könnte während ihres Aufenthalts in Urbasi noch funktionieren. Ihre Schwester schien auch deutlich mehr Erfahrung mit so etwas zu haben, aber niemals würde sie freiwillig vor der Jüngeren zugeben, ihren Rat zu brauchen, nur um sich von ihr genüsslich auslachen zu lassen. Und es würde doch alles nichts bringen, wenn sie nicht einmal selbst wusste, was das hier mit Poldoron überhaupt war!
Sie gürtete ihre Fechtwaffe und fächelte sich in Ermangelung ihres Fächers, den sie auf ihrem Zimmer hatte liegen lassen, mit einer Hand dezent Luft zu.
Nachdem Doriana anfing ihr Rapier zu entwirren, beeilte sich auch Poldoron, es ihr gleichzutun. Die umgürtete Waffe schien ihm nun noch schwerer zu wiegen als zuvor. Vielleicht mochte ihn das Gefühl, sie am rechten Platz zu wissen, an seinem Gürtel in der Waffenscheide hängend, griff- und einsatzbereit, von seinen Gedanken ablenken. Die rasten nämlich erneut in seinem Kopf umher.
Konnte die junge Signora alles das, was er in den wenigen Augenblicken, in denen er sie mit seinem linken Arm umklammert hielt, gesehen hatte, wirklich gespielt haben? Eine so perfide Täuschung traute er nicht einmal den beiden Comtessas seines Hauses zu. Nur welche Tricks und Kniffe den Studiosi der Hohen Schulen Methumis' wirklich beigebracht wurden, konnte er letztlich auch kaum einschätzen. Bei allem verbalen Geplänkel, dass er sich etwa mit Rahjada schon geliefert hatte, war es nie zu einem wirklichen Übungskampf mit ihr gekommen. Allein das Gefühl, der Tochter Travianos unterliegen zu können, begleitete ihn – ganz ehrlich – schon länger.
Als er nun den Sitz des Waffengürtels ein letztes Mal prüfte, verwarf er die letzten Gedanken wieder. Er hatte hier nicht seine bisweilen unerträgliche Kusine vor sich, sondern deren Kommilitonin. Und die gab ihm eigentlich andere Rätsel auf. Fast verstohlen blickte er zu ihr herüber – und bemerkte nun, dass sie sich auf die Unterlippe zu beißen schien. Also wirklich. Dass auch das Teil eines Spiels wäre, mochte er kaum glauben. Dann fing sie an, sich Luft zuzufächeln. Nun gut, das mochte eher vorgetäuscht sein. Doch war es das?
„Geht es euch gut?“, fragte er unvermittelt … und trotz des Risikos sich eventuell – erneut? – als Tölpel zu entlarven.