Archiv:Erweitert Sewamund den Südmeerhandel (BB 39)

Erweitert Sewamund den Südmeerhandel?

von Answin ter Haien

Hesinde 1035 BF: Dass das ehrwürdige Haus Cortesinio unserer Stadt Handelsbeziehungen ins Brabakische pflegt, wo von alters her eine entfernte Seitenlinie ansässig ist, ist dem kundigen Leser unserer Gazette wohlbekannt. Erreichen doch so manche Waren der Meridiana unsere Stadt, ohne den Umweg über die Händler Belhankas zu nehmen. Da jedoch die Schiffe dieses Hauses bereits seit längerer Zeit auf dieser Route ihren Dienst versehen, geben dem aufmerksamen Beobachter derzeit zwei andere Segler Rätsel auf, die derzeit auf der Deganowerft aufliegen: denn es handelt sich nicht um Neubauten, sondern um von auswärts stammende Fahrzeuge, die offenbar einer gründlichen Überholung unterzogen werden. Aus Kreisen der Geweihtenschaft des Herrn EFFerd war sogar von anstehenden Taufen die Rede, sodass gefolgert werden darf, dass beide, eine Schivone und eine Karavelle, angekauft wurden und einer gänzlich neuen Bestimmung zugeführt werden sollen.

Dass diese Bestimmung in den Meeren der Meridiana liegt, ließ sich der Korrespondent durch den Blick eines Fachmanns bestätigen: anders als im Nordlandhandel, der in kühlen und kalten Gewässern erfolgt, wird für den in Arbeit befindlichen Anstrich beider Unterwasserschiffe nicht mit Pech gearbeitet, sondern mit Bleiweiß, welches dafür bekannt ist, den Schiffswurm fernzuhalten, der eine Plage der Seefahrt in den warmen Gewässern des Südens darstellt.

Derzeit liegen beide Schiffe abgetakelt auf der Helling, und ersichtlich wird das gesamte stehende und laufende Gut erneuert: erhebliche Mengen von Hanf werden eingeführt, und die Seiler Sewamunds erfreuen sich umfangreicher Aufträge. Sogar einer der Masten, dessen Festigkeit gelitten zu haben scheint, wird durch eine Neuanfertigung aus solider Andergaster Steineiche ersetzt. Auch die Segelmacher der Stadt stellen dem Vernehmen nach derzeit mehrere vollständige Segelsätze für beide Fahrzeuge her, und bei den Küfern der Stadt und des nahen Umlandes sind offenbar in größerem Umfang neue Fässer bestellt worden.
Das Haus Cortesinio, welches nach unserem Dafürhalten alleiniglich als Auftraggeber für all dies in Frage kommt, scheint sich für eine beachtliche und dauerhafte Ausweitung seines Südmeerhandels zu rüsten.

Auch in personeller Hinsicht gibt es bemerkenswerte Entwicklungen: so wurde vor kurzem wieder eine seit längerem nicht gesehene Tochter des Hauses Degano in der Stadt angetroffen, nämlich niemand anderes als die Navigatorin Avessandra Degano, von der es seit langer Zeit hieß, sie sei in den südlichen Gewässern im Kaperkrieg gegen die Pestbeule des Südens tätig. Und an der Seite der wohlgeborenen Travinia Luntfeld, welche vor dem Einsetzen der Herbststürme von ihrem Dienst für die Nordmeer-Compagnie in den Palazzo Luntfeld zurückkehrte, fiel zuletzt vermehrt ein neues Gesicht auf, das schnell zum Schwarm der unverheirateten Damenwelt wurde: ein junger Kapitän mit bronzefarbener Haut, schwarzem Haar, tiefen, dunklen Augen und beachtlichem Körperbau, und sogar einem goldenen Ring am Ohr. Eine zuverlässige Informantin der Redaktion wusste mit der gesicherten intimen (oder der intim gesicherten?) Kenntnis zu dienen, dass es sich dabei um den wohlgeborenen Damion della Turani handelt, einen jungen Angehörigen eines der ältesten Rittergeschlechter Marudrets, welches heute in der Stadt Urbasi ansässig ist. Zur Freude der Damenwelt scheint sein Verhältnis zu Travinia Luntfeld ein rein geschäftsmäßiges zu sein.

Bei all diesen bemerkenswerten Ereignissen sollte es auch nicht überraschen, dass unter dem einfachen Volk neuerdings merkwürdige Geschichten im Umlauf sind, so von einer geheimnisvollen Schivone unter Brabaker Flagge, die vor den Küsten der Septimana zu sehen ist, ohne jemals in einem Hafen gesichtet worden zu sein, sodass sogar die alte Legende vom Kapitän Brabacciano eine Auferstehung erlebt hat. Solchen Volksmärchen wollen wir aber ebenso mit gelassener Nachsicht begegnen wie der aberwitzigen Behauptung, diese Schivone würde in Wahrheit auf die beiden Schiffe auf der Degano-Helling warten, um sodann gemeinsam mit ihnen nach Uthuria zu segeln. Denn es versteht sich von selbst und soll von unserer seriösen Gazette nicht in Zweifel gezogen werden, dass die ehrbaren, nüchternen und grundsoliden Kaufleute unserer septimanischen Perle am Sewak auf dergleichen Wahnideen niemals verfallen würden.

IJ