Briefspiel:Kaiserjagd/Schwestern für eine Nacht
Schwestern für eine Nacht
4. Firun 1046 BF spätabends, im Jagdschloss Mortecervi
Autor: Gonfaloniere
Rahjada brauchte Zeit zum Verschnaufen. Sie wusste nicht, was sie heute sonst noch anstellen und später vielleicht bereuen würde.
Ihr Schloss hatte sie schon verschenkt – und das obwohl es gerade jetzt vor Leben pulsierte. Sie 'flüchtete' sich in einen Korridor, der das alte Kastell mit dem neueren Saalbau verband. Als sie mit ihrem Onkel und dem Cavalliere Solivino vor ein paar Tagen hier weilte, wäre das ein Ort gewesen, an dem sie den ganzen Abend wohl niemand gefunden hätte. Jetzt liefen mindestens die Bediensteten des kaiserlichen Gefolges scheinbar überall herum. Dennoch war es hier ruhiger als in den benachbarten Sälen – und diese relative Stille kam ihr jedenfalls für einige Augenblicke gerade recht.
Sie hatte auch, ganz ehrlich, einfach unterschätzt, wieviel Aufsehen ihre Schenkung an den Kaiser ihr einbringen würde. Nicht, dass sie mit Aufmerksamkeit generell ein Problem hätte … in Methumis an der Universität kannte sie gefühlt auch längst jeder. Da war es aber anders, weil sie selbst mehr über die anderen wusste. Auf dem Bankett jetzt wurde sie hingegen von ihr gänzlich Fremden angesehen, beobachtet, gemustert und vielleicht auch verurteilt, ohne deren Hintergründe und Absichten etwa einschätzen zu können. Und zu viele von diesen Leuten waren wichtig genug, dass sie sie nicht einfach anblaffen oder gänzlich ignorieren konnte.
'Wasser', dachte sie, 'ich brauche etwas Wasser!'
Wie viel Wein hatte sie schon getrunken? Sie wusste es nicht. Wasser würde aber auf jeden Fall helfen, dass ihr der Alkohol nicht zu Kopfe stieg.
So machte sie sich auf den Weg zu ihrer Kammer. Nicht das Hauptgemach des Schlosses – das war schon vor der Schenkung dem Kaiser zugeteilt worden – sondern eins der anderen, kleineren, das sie sich zudem mit Cavalliera Nevinia und Baronin Acina teilte. Ihr Onkel hatte ja versucht, möglichst viele der hohen Herrschaften im Schloss unterzubringen und es dabei so eingerichtet, dass auch ihre häufigsten Begleiter der letzten Tage nicht draußen in den Zelten frieren mussten, wie es ihnen rein vom Rang her sonst möglicherweise nicht erspart geblieben wäre.
Auf dem Weg lief sie immer wieder auch an kleineren Grüppchen der Jagdteilnehmer vorbei, die ihre Köpfe zusammensteckten, tuschelten und teils abrupt still wurden, wenn sie sie bemerkten. Das konnte nicht alles ihretwegen sein, dachte sie. Als sie endlich die Tür zu ihrem Gemach hinter sich ins Schloss fallen ließ, sich schon mit dem Rücken dagegen werfen wollte, sah sie zu ihrer Überraschung in zwei gleichermaßen überraschte Gesichter.
„Comtessa“, begrüßte sie Nevinia, „ihr hier?“
Die Cavalliera hatte selbst einen Becher in der Hand, vielleicht mit demselben Gedanken wie Rahjada. Ihre junge Knappin stand etwas gelangweilt daneben.
„Erfrischung? Wasser?“, fragte Rahjada mit Blick auf den Becher.
Die Kriegerin nickte.
„Habt ihr auch einen für mich?“
Nevinia sah ihre Knappin an, die wohl ihren eigenen, ungenutzten an Rahjada weitergab.
„Danke“, reagierte diese und nahm einen kräftigen Schluck. Dann sah sie sich die beiden genauer an.
Interessanterweise wirkte es so, als habe die Ältere die Pause gerade nötiger als die junge Baronin von Aldan.
„Ist nicht unbedingt mein Schlachtfeld“, beantwortete die Cavalliera eine unausgesprochene Frage, als sie Rahjadas musternden Blick bemerkte. „Zu viele Fallstricke für meinen Geschmack.“
'Natürlich', dachte Rahjada. Auch Acina war, wenn auch noch drei Götterläufe jünger als sie selbst, eine der begehrtesten 'Partien' des Reiches. Wer weiß, wie viele 'Freier' ihrer Knappin Nevinia schon hatte abwimmeln müssen – zumal sie als Schwertmutter ja in solchen Fragen ohnehin neutral, allenfalls beschützend sein musste. Acina schien der Aufmerksamkeiten hingegen noch nicht leid zu sein. Wahrscheinlich war dieser Abend überhaupt der erste seiner Art für sie und sie wollte alles an Eindrücken aufsaugen. Rahjada lächelte die jüngere Baronin verstehend an. Ihr kam eine Idee.
„Lasst uns Schwestern sein heute nacht“, schlug sie Acina vor und hakte ihren Arm bei ihr unter. Die Erbin des Hauses ya Torese brauchte einen Augenblick, um ihre Intention zu verstehen, strahlte dann aber.
„Zurück ins Gefecht, Cavalliera“, forderte sie hingegen Nevinia auf. „Ihr müsst uns beschützen.“
'Immerhin die gesellschaftliche Arbeit nehme ich euch ab', dachte sie sich dazu. Und nicht zuletzt: 'Geteilte Aufmerksamkeit ist halbe Aufmerksamkeit.'
Vielleicht würde es ihnen allen damit im weiteren Verlauf besser gehen …