Archiv:Sheniloer Heldenfestspiele 1047 (BB 49)
Nach dem im ganzen Horasreich und sogar darüber hinaus bekannt gewordenen Ersten Sheniloer Heldenfestspielen im Jahre 1045 und den Heldenfestspielen 1046, die durch den Besuch des berühmten Lessandero Phelean Calanyeda, des Autors der Rapiro-Floretti-Romane geprägt wurden, zeigten die Heldenfestspiele 1047, dass sich diese Veranstaltung im kulturellen Kalender des Lieblichen Feldes etabliert hat. Übrigens konnte Calanyeda den Wettbewerb trotz allem nicht für sich entscheiden, die Gewinnerin war die im Lieblichen Feld bis dahin unbekannte nivesischstämmige Lyrikerin Madaia Kalekki aus Drôl, die mit einem wundervollen Gedicht über den Todeskampf des Wurms von Chababien Publikum und Jury begeisterte.
Es gab zwar in diesem Jahr keine besonders namhaften Teilnehmer, wohl aber ein hochwertiges und vielseitiges Teilnehmerfeld, bei denen es so manche, oftmals gefeierte Erstauftritte gab: Da ist etwa der aus Havena stammende, seit langen Jahren aber im Horasreich beheimatete Schriftsteller Savertién Myrdano zu nennen; bekannt geworden ist er einst mit abenteuerlichen Reiseerzählungen und staatskundlichen Abhandlungen. Dieser überraschte das Publikum seiner Lesung zu Shenilo mit einigen kurzen, nachdenklich stimmenden Prosastücken, einer Art Lyrik ohne Reime. Koradin Korbmacher und Belenia Ponduri aus dem Umland Shenilos trugen eine spannende Darstellung des Kampfes Gerons mit der Bestie Harodia vor, der durch die oft geradezu atemlos hin und her wechselnden Sprecher die Stimmung dieses harten Kampfes enorm anschaulich machte. Die Begeisterung des Publikums war hier unüberhörbar. Einen eher stillen Auftritt legte Daronia Ulondi aus Bethana hin, als sie, sich selbst auf der Harfe begleitend, den Trauergesang einer Verehrerin Gerons, die soeben von dessen Heldentod erfahren hatte, vortrug. Auf den Plätzen der Stadt hörte man hingegen immer wieder die Verse des Liedes “Siebenstreiche”, in denen Boscio Yalori in eingängigen Formulierungen die berühmten Schläge des heiligen Schwertes besang.
Etabliert haben sich mittlerweile auch einige Bestandteile des Ablaufs. So finden die Festspiele, wie bereits im ersten Jahr, an zwei verschiedenen Orten statt. Zum einen auf den großen Plätzen der Stadt, wo für ein großes Publikum mehr oder weniger monumentale Aufführungen von Theaterstücken geboten werden. Der Höhepunkt ist dabei der “Drachenschlag” am Abend des zweiten Tages, der auf dem Geronsplatz direkt vor dem Rondratempel inszeniert wird. Hierbei wird mit einigem, auch magischem Aufwand Gerons Sieg über Ranafan in einer der rondrianischen Überlieferung entsprechenden Weise gezeigt. Dazu wird von der WYS gestifteter Wein als “Drachenblut” ausgeschenkt. Auf anderen Plätzen der Stadt werden auf mehreren Bühnen weitere kleinere und größere Stücke gezeigt, die die Taten Gerons und anderer Helden zum Thema haben. Dabei ist ein inoffizieller Nebenwettbewerb um die besten Monsterkostüme bzw. -puppen entstanden, wobei der Einsatz von Magie hierbei untersagt ist. Unter den kleinen Stücken fand hier vor allem eines unerwartete Aufmerksamkeit: “Mein Held, mein Sehnen”, ein einaktiger Monolog, in dem die Protagonistin ihre Liebe zu dem unerreichbaren Geron bekundet. Die Darstellerin trug eine Maske, doch war später zu erfahren, dass es sich dabei um eine gewisse Rahjamunde Federfuchs gehandelt haben soll - zweifellos ein Pseudonym. Diese soll auch Verfasserin des Textes gewesen sein und angeblich aus dem Umfeld des “Theaterkönigs” Pherisjo ter Marloff stammen. Das Stück war eher leichte Kost, fand jedoch bei romantisch gesinnten Zuhörenden durchaus Anklang. Seit jeher wird im Gasthaus „Alter Markt“ das Liedgut geschätzt. Der langjährige Pächter Ignacio di Storpa rühmte sich sogar der Eigenkomposition einiger, zugegeben wenig bekannter, aber von der Kundschaft durchaus gern gesungener, Verse wie z.B.: “Gerons schöner breiter Hut” oder “Drachen wollen fliegen”.
Der andere Schauplatz ist, ebenfalls seit dem ersten Jahr, die Villa Diodati vor den Toren der Stadt. Hier werden kleine Aufführungen, vor allem aber Vorträge, Lesungen und ähnliche andere Darbietungen einem zwar deutlich kleineren, aber dafür erlesenen Publikum dargeboten. Der Höhepunkt ist hierbei natürlich der offizielle Wettbewerb um den Titel des ponterrischen Bardenkönigs beziehungsweise -königin. Am ersten Abend ist es mittlerweile zu einer Tradition geworden, dass Rondriana Carson, außerhalb der Konkurrenz des Wettbewerbs, einen Vortrag zum Stand der Geron-Forschung hält. In diesem Jahr berichtete sie von neuen Erkenntnissen zur Verehrung Gerons zur Zeit der Eslamiden-Kaiser. Auch hier, jenseits der Stadtmauern, herrschte Feierlaune. Die zahlreichen Beiträge derjenigen, die sich selbst gern auf dem Bardenthron sähen, wurden durch vorzügliche Weine aus den Gewölben der di Asuriol begleitet. Viele der Schankmägde und -knechte waren hier in den Rängen des Publikums beschäftigt und achteten mit offenen Augen und Ohren auf Kundschaft, welche man nicht auf dem Trockenen sitzen lassen wollte. Auffällig war, dass sich die di Asuriol hierbei offenkundig von der WYS distanzieren und nur außerhalb der Stadtmauern in der Villa Diodati anzutreffen waren. Auch “Drachenblut” wurde dort nicht verkauft, was einigen Genießern lange Wege beschert. Ob diese bemerkenswerte Abgrenzung wohl noch zu Konflikten führen wird, die gar nichts mit der Kunst zu tun haben?
Als es am Ende dann um die Bekanntgabe des Ergebnisses des Wettbewerbs ging, gab es weder eine ponterrische Bardenkönigin noch einen Bardenkönig, sondern beides: Koradin Korbmacher und Belenia Ponduri wurden auch von der Jury ebenso honoriert wie zuvor schon von den Zuhörenden.
LE, WUS, JS u. DW