Briefspiel:Hausbesuch/Zwiegespräch

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Anfang Rondra 1047 BF Schauplatz: Urbasi, im Palazzo Solivino Entstehungszeitraum: Frühjahr bis Sommer 2026
Protagonisten: Doriana, Alvinia, Ricardo und Rahdrigo Solivino, Poldoron und Auricanius von Urbet Autoren/Beteiligte: Bella, Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Auf dem Torre Rotondo · Zu den Gründen · Zwiegespräch · Spiel der Geschwister · K-a-m-m-p-f · Heißer Tanz · Berichte und Zusagen · Zurück im Palazzo Modesto


Zwiegespräch

Fortsetzung von hier.


 
Plötzlich allein an der Seite Dorianas: Poldoron von Urbet

Poldoron hingegen wunderte sich noch, wo seine ihm so unvermittelt anempfohlene Begleiterin plötzlich den Fächer hergezaubert hatte, den sie wie wild am Schwenken war. Warum er sie überhaupt begleiten sollte, erschloss sich ihm auch nicht recht. Um sie vor dem Hauskater zu beschützen? Nun, gegen den mochte ihre rhetorische Schlagfertigkeit tatsächlich nutzlos sein.
Er zuckte mit den Schultern. Die Beweggründe seines Familienoberhaupts fortwährend erraten zu wollen, hatte er sich spätestens auf ihrer jüngsten Reise ins Mittelreich abgewöhnt. Auricanius war der Baron. Er selbst war der Cavalliere. Eigentlich war es wie mit Koromar, seinem Schwertvater, als er noch Knappe war – nur eben eine Ebene höher nun.
So trat er an die Seite Dorianas, die am Fuß der Treppe auf ihn wartete … und sah sie fragend an. Sie schien weiter auf irgendetwas zu warten.
„Danke“, erinnerte er sich dann an Auricanius' 'Schelte' und dachte, dass es ihr darum ging.

Doriana blinzelte irritiert und ließ den Fächer sinken. „Ähm, gerne.“
Noch einmal schaute sie ihn abwartend an. Als sie merkte, dass von seiner Seite nichts mehr kommen würde, begann sie mit glühenden Wangen die Treppe nach oben zu steigen.
Plötzlich hörten sie sich eilig entfernende Schritte zweier Personen, die hastig die Treppe über ihnen in den zweiten Stock erklommen. Der Cavalliere meinte gar ein leises Kichern zu vernehmen.
Doriana sah daraufhin nur noch peinlich berührter aus. „Meine kleinen Geschwister. Beachtet sie gar nicht.“
Oben angekommen erwartete Poldoron tatsächlich eben vermuteter Hauskater, der sich an das Geländer schmiegte und ihn neugierig musterte, aber sofort genau wie die zwei Lauscher in den zweiten Stock floh, kaum dass sich der fremde Mensch näherte.

Poldoron zuckte mit dem Kopf, als er des Katers ansichtig wurde. Verfügte er etwa über prophetische Kräfte?
„Ha, vor diesem Ungeheuer habe ich euch schon einmal bewahrt, Signora“, lachte er dann, bevor er mit einer Frage fortfuhr: „Wie klein sind denn eure Geschwister?“
Mit den Familienverhältnissen des urbasischen Patriziats, seine eigene Familie ausgenommen, kannte er sich überhaupt sehr wenig aus, wie er sich dabei eingestehen musste.

Sie lachte mit ihm.
„Meine Schwester ist ein, mein Bruder drei Jahre jünger. Meine kleinste Schwester ist vier Jahre jünger, aber die macht ihre Knappschaft in Shenilo. Man könnte jedoch meinen, wie sie sich aufführen, sind es noch Kleinkinder.“ Doriana grinste ein bisschen und führte Poldoron einen Gang mit einer kleinen Ahnengalerie von etwa einem Dutzend Gemälden entlang. Vor einem blieb sie stehen, es zeigte eine selbstbewusst dreinschauende Frau in Turnierrüstung mit honigblondem Haar und sturmgrauen Augen.
„Meine Großmutter. Sie war Ritterin, wie ihr, und wie bald meine kleinste Schwester“, erklärte sie mit einem gewissen Stolz.
Sie schaute wieder so zu Poldoron, als würde sie auf etwas warten. Als wollte sie die Anerkennung des Adligen aus dem rondrianischen Kriegergeschlecht dafür, dass auch ihre Familie (selten) mal einen Krieger hervorbrachte.

„Und wie vielleicht ihr selbst auch dereinst“, erwiderte Poldoron, „solltet ihr eurem Vater an der Familienspitze mal nachfolgen jedenfalls. Dann wärt ihr doch auch Cavalliera – und keine 'Damosella' mehr.“
Während er den ersten Teil seiner Antwort wie selbstverständlich klingen ließ, betonte er hintenraus vor allem den Titel, den Doriana schon innehatte, übertrieben niedlich. Dabei grinste er fast spitzbübisch.
„Dann muss aus der abgebrühten Musikerin noch die verwegene Fechterin werden. Oder wollt ihr diesen Part eurer ganz kleinen Schwester überlassen?“

Doriana überlegte einen Augenblick. Wie Poldoron ihren Titel verniedlichte, wollte sie nicht auf sich sitzen lassen. Ihr kam eine verwegene Idee, eine von der Art, die sonst eher Alvinia hätte. Wenn sie sie umsetzen wollte, musste sie sofort handeln, sonst würde sie der Mut verlassen.
„Vielleicht“, antwortete sie. „Vielleicht werde ich wirklich einmal so mutig wie meine Schwester – oder wie ihr.“
Sie waren an einer Tür angekommen, Doriana öffnete sie. „Ihr seid doch mutig?“
Mit einer Handbewegung forderte sie ihn auf, das Zimmer zu betreten. Dabei war sie überzeugt, dass der junge Cavalliere ihr Herz schlagen hören musste, so heftig war mit einem Mal ihr Puls.
Poldoron konnte durch die offene Tür einen Blick auf einen Raum mit einem ordentlich gemachten Himmelbett, einem Schreibtisch, auf dem sich Bücher und Schreibzeug stapelten, einem Stuhl, sowie mehreren Schränken erhaschen.

'Was soll das jetzt?', ging es Poldoron durch den Kopf. Wollte Doriana ihn einfach nur herausfordern gegen die zwischen ihren beiden Familienoberhäuptern 'ausgehandelten Bedingungen' seiner Begleitung der jungen Dame aufzubegehren? 'Oder hat sie mehr … Nein, das kann nicht sein', verwarf er den Gedanken, bevor er ihn überhaupt zu Ende gedacht hatte. Nichtsdestotrotz, ihr herausfordernder Blick kratzte an ihm.
Für einen Moment stand er wie abgestellt und nicht abgeholt vor der Tür, machte dann einen Blick erst nach links und gleich danach nach rechts, atmete einmal tief aus … und betrat schließlich das Gemach Dorianas.
Er fixierte die junge Adlige dabei mit einem finsteren Blick … und ging schnurstracks auf den einzelnen Stuhl zu, den er sich griff, als wär's ein Federkiel. Noch in derselben Bewegung drehte er sich um, sah entschlossen zurück zur Tür … und stellte den Stuhl außen davor, mit der Rückenlehne zum Zimmer hin ab.
„Ihr seid zu freundlich, Signora, an meine Bequemlichkeit zu denken, während ihr euch die Haare macht“, sagte er mit zuckersüßer Stimme, während er hinter sich die Tür bis auf einen Spalt schloss und sich in den Korridor setzte.
Sein Grinsen dabei konnte die Angesprochene zum Glück nicht mehr sehen.
Wie beiläufig fragte er sie dann durch die angelehnte Tür: „Wie waren eure Fechtstunden heute morgen?“

 
Von ihrem eigenen Vorstoß überwältigt: Doriana Solivino

Doriana stand mit weichen Knien in ihrem Gemach und war für einige Herzschläge unfähig, dem dreisten Cavalliere etwas zu erwidern. Das war nicht nach Plan gelaufen.
Erst dann fiel ihr mit Erschrecken ein, dass sie Poldoron gerade offen aufgefordert hatte, gegen ihre beiden Patriarchen zu handeln. Noch erschreckender war jedoch, dass sie daraufhin nur Aufregung, nachträglich einsetzende Angst, und keine Spur Reue verspürte. So weit hatte sie mit ihrem Vater im selben Gebäude noch nie die Grenzen ausgetestet. In Methumis vielleicht, aber das war etwas anderes. Da war sie anders.
„Fechtstunden?“, echote sie verwirrt, bevor sie sich erinnerte. Zum Glück konnte Poldoron nicht sehen, wie sie dabei rot wurde. „Ach ja, die Fechtstunden … die sind heute morgen leider ausgefallen. Wie waren eure?“
Die junge Adlige begann in ihren Schränken zu wühlen und einen ganzen Berg Haarbürsten und Kämme, Bänder, Haarnadeln und Spangen auf ihrem Bett aufzutürmen. Ihr entfuhr ein leises, frustriertes Wimmern, als sie sich mit einem Kamm daran machte, die gröbsten Knoten zu entwirren.

„Ausgefallen?“, fragte Poldoron misstrauisch.
„Ich muss euch doch nicht mehr erzählen, wie nachlässig das ist“, mahnte er dann. „Selbst bei meiner jüngsten Fahrt auf die Zyklopeninseln wär' mir nicht in den Sinn gekommen das tägliche Üben zu vernachlässigen. Und auf einem Schiff ist das gar nicht immer so einfach, müsst ihr wissen. Einmal wäre ich fast über Bord gegangen, weil der Maat mir in die Quere kam … und ich ihm das Schwert natürlich nicht in den Bauch rammen wollte … selbst wenn er's eigentlich verdient gehabt hätte ...“
Als durchlebte er die Situation nochmal neu, schwang Poldoron – weiterhin auf dem Stuhl im Korridor sitzend – seine Arme wie beim gerade beschriebenen Vorfall, nur halt mit lediglich vorgestellter Klinge in der Hand. Dann fiel ihm wieder ein, wo er gerade saß und er sah verstohlen nach rechts und nach links.
Überhaupt, die ganze Anekdote musste die junge Signora wahrscheinlich ungemein langweilen, befand er.

„An der Uni habe ich in keiner Fechtstunde mehr gefehlt. Rahjada meint, ich hätte mich sichtbar verbessert“, verteidigte sie sich. „Warum wart ihr denn auf den Zyklopeninseln? Doch nicht etwa nur, um euch ein paar Feinde in der Marine zuzulegen?“
Sie legte den Kamm zur Seite und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, um einen besonders widerspenstigen Knoten zu lösen.
„Es soll wunderschön dort sein. Mit den ganzen schroffen Klippen, dem tiefblauen Ozean, den Feenwäldern …“, seufzte sie sehnsüchtig.

„Es ist schön“, gab Poldoron unumwunden zu. „Aber das waren andere Orte auch. Almada etwa. Oder Teile Gareths. Selbst der Finsterkamm an der Nordgrenze des Mittelreichs hatte eine gewisse, eine rauhe Schönheit. Irgendwann freut man sich aber auch wieder zu Hause zu sein, bekannte Gesichter zu sehen …“
Der Cavalliere sinnierte vor sich hin.
„Wenn man monatelang unterwegs war jedenfalls. Auf die Zyklopeninseln hatte mich der Baron geschickt, weil ich Signor Tarquinio persönlich eine Nachricht überbringen sollte. Wegen der Wahl eures Vaters, glaube ich. Auricanius meinte, das sei wichtig, aber recht viel mehr hat er mir nicht gesagt. Wenn er das sagt, widerspreche ich auch nicht. Aber eigentlich hätte ich mich da schon über ein paar Tage mehr Pause zwischen den Reisen gefreut. Nur um meine Geschwister wieder zu sehen … und ein paar andere.“

Eine ganze Weile schwieg Doriana. Wie er das mit den anderen gesagt hatte, gefiel ihr irgendwie nicht. Was hatte sie sich eigentlich gedacht? Dass so jemand wie Poldoron keine Geliebte Zuhause in Urbet hatte, die er zwischen seinen vielen Reisen besuchte?
„Das kann ich verstehen“, sagte sie schließlich mit seltsam belegter Stimme. „Sicher vermisst, ich meine, vermissen sie euch genauso … eure Geschwister und Freunde.“
Derweil sah Poldoron mit einem Mal, wie zwei Lockenköpfe am Ende des Ganges vorsichtig um die Ecke lugten. Sie hatten noch nicht bemerkt, dass er sie bemerkt hatte.

'Hoffentlich haben die mein Schattenfechten nicht schon gesehen', dachte Poldoron ob der Lockenköpfe, während er sich ein Stück weit aufrechter hinsetzte, 'das wäre ja zu peinlich gewesen.'
Er nahm sich vor, sie nun erstmal selbst aus dem Augenwinkel zu beobachten.
„Meine älteste Schwester in Urbet ist im letzten Winter Mutter geworden“, erwiderte er hingegen Doriana. „Ihr Sohn ist natürlich noch ein kleiner Scheißer …“ Wie er es betonte, war absolut liebevoll. „… der sich in dem Alter sowieso nicht an mich erinnert. Aber ihn habe ich komischerweise am meisten vermisst. Und nun war ich sein halbes, bisheriges Leben schon auf Reisen. Ich hoffe, dass das nicht so weitergeht. Ich will sein Lieblingsonkel sein … mit ihm stockfechten, sobald er alt genug dafür ist … und das erste Mal auf einen Ausritt mitnehmen. Den Part will ich nicht meinem Bruder überlassen, weil der selbst schon verheiratet ist und sich mal um seine eigenen Kinder kümmern soll …“
Aus für ihn selbst unerfindlichem Grund sprudelte all das wie selbstverständlich aus Poldoron heraus. Vorsichtig drehte er seinen Kopf ein Stück weiter, um mehr von den Gesichtern der Lockenköpfe zu erhaschen.
Die eine war gar nicht mehr so klein, hatte ein hübsches Gesicht, so weit er das erkennen konnte, und tiefschwarzes Haar. Ihr jüngerer Bruder sah noch sehr viel knabenhafter aus, auch er hatte einen schwarzen Wuschelkopf, ganz anders als die älteste Schwester mit ihrem dunkelblonden Haar.
„Ihr müsst mich für einen Narren halten, dass ich mir über anderer Leute kleine Scheißer soviel Gedanken machte“, resümierte er Doriana gegenüber.

„Nein, tue ich nicht“, antwortete sie. „Der Vetter meines Vaters hat ein einjähriges Kind.“ Die Studiosa sagte das Wort in einem tadelnden Tonfall. „Sie ist so süß und das einzige kleine Kind in meiner Familie momentan. Manchmal besuchen wir sie.“
Jetzt hatte das Mädchen Poldorons Blick bemerkt. Sie riss die Augen auf und zerrte ihren Bruder mit sich. Die Köpfe verschwanden und leises Tuscheln und Giggeln war zu hören. Dann kam Dorianas hübsche Schwester wieder zum Vorschein. Sie grinste Poldoron frech an, legte einen Finger an die Lippen und kam langsam näher geschlichen. Dass viele sie für gutaussehend hielten, konnte der Cavalliere sehen.
Währenddessen fuhr Doriana fort: „Obwohl ich eigentlich Zuhause bin, fühle ich mich nicht Zuhause. Das ergibt keinen Sinn, ich weiß. Aber in Methumis sind meine Freunde, ich freue mich darauf sie wiederzusehen … sie und andere.“ Das hatte sie bisher keinem erzählt, zumindest nüchtern nicht. Aber es fühlte sich einfach an, es ihm zu erzählen. Den letzten Teil ergänzte sie spontan, ohne darüber nachzudenken. Natürlich gab es keine anderen, wahrscheinlich würde der Ritter die Anspielung ohnehin nicht verstehen.


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