Briefspiel:Kaiserjagd/Der Winterkönig
Der Winterkönig
3. Firun 1046 BF spätabends, im dritten Nachtlager
Autor: Gonfaloniere
Die Dunkelheit war längst über das Lager der Kaiserjagd eingebrochen, als sich das Wetter an diesem bisher vor allem nasskalten dritten Jagdtag nochmal ändern sollte. Dass der zuletzt beständige Nieselregen scheinbar von einem Augenblick zum nächsten ersten, zarten Schneeflocken wich, bemerkten im Schein der Fackeln, Laternen und Lagerfeuer zuerst nur die aufmerksamsten Jagdteilnehmer – und natürlich nur die, die sich nicht schon tief in ihre Zelte und Pavillons verkrochen hatten.
Rufe wie „Gevatter Firun ist gekommen!“ oder „Der Herr des Winters gibt uns seinen Segen!“ machten die Kunde bald danach aber im gesamten Zeltlager bekannt. Es war ein durchaus erhebender, verbindender Moment, der viele wieder ins Freie lockte. Selbst einander Fremde klopften sich dabei auf die Schultern und lächelten sich freundlich an. Vielen wurde so warm ums Herz, dass sie darüber selbst die weiter aufziehende Kälte für einen Augenblick vergaßen. Und doch war er wie so vieles im Leben vergänglich. Die Kälte hingegen blieb.
Dann erklangen noch einmal die Hörner des kaiserlichen Gefolges. Und wer sie noch hörte – weil er etwa nicht schon schlief – begab sich nach der Kür des Gewinners der Quellqueste früher am Abend nochmal zum mittigen Versammlungsplatz.
Der Kaiser selbst stand da, umringt von einem Teil seines Gefolges, doch unmittelbar an seiner Seite die halbelfische Firun-Geweihte Lemiral Wolkenflug aus Vinsalt, die vorgestern mit ihrer Predigt schon die ganze Jagd eröffnet hatte.
„Oh ihr Menschen“, rief sie, als sie glaubte, dass ein Großteil der Jagdteilnehmer zusammengekommen war, „der Winter ist SEIN Revier! Wo Schnee die Frucht des Jahres wie eine Decke überzieht, ist ER gekommen … SEINEN Tribut zu fordern! Und ihr entbietet ihn … mit den Erträgen eurer Jagd!“
Sie machte eine kurze Pause, sah sich nach dem Kaiser um, der darauf zustimmend nickte.
„Es ist leichter Kristall, filigran wie ein Geschmeide, der nun auf unsere Erde fällt. Vielfach, auch schmelzend, vergänglich. Und doch einer Krone gleich, die den erfolgreichsten Jäger kürt. So will es der HERR, und so will es unser Gebieter!“
Noch einmal sah sie sich um – und wieder nickte der Kaiser.
„So frohlocket, denn der Moment ist gekommen einen Winterkönig zu erwählen.“
Obschon viele Umstehende die Tradition dieser 'Wahl' kannten, war der Zeitpunkt dafür, jetzt und hier, wohl besonders ausgesucht – vielmehr abgewartet – worden. Was ihn nur ergreifender machte.
„So sei du, Fevon, Baronet vom Rauhen Berg, unser Erwählter, unser Winterkönig!“
Der Aufgerufene trat aus einer vorderen Reihe vor. Er musste vorgewarnt worden sein. Er verbeugte sich tief vor dem Kaiser und ging dann vor der Firun-Geweihten auf die Knie. Einer der Paladine des Horas, der alte Recke Darion Amarinto, reichte ihr eine weißsilberne Kristallkrone.
Als sie sie Fevon aufs Haupt setzte, kamen unter seinem Haar die spitzen Ohren besonders zur Geltung. Die Halbelfe krönte den Halbelf. Natürlich.
„So sei du, Fevon, unser Vorbild, dem wir nacheifern wollen. Weise uns den Weg bei dieser Jagd!“
Damit war die traditionelle Formel abgeschlossen und der Geehrte erhob sich wieder.
„Auf den Winterkönig!“, erklang es da endlich aus vielen Kehlen zugleich.
Autor: Cassian
Sanjana fiel in den Ruf mit ein und wie viele andere klatschte sie Beifall, als Fevon sich umdrehte und über die Menge blickte.
Für einen Moment wirkte er wirklich wie ein Monarch.
Dann verbeugte er sich leicht vor der Menge und rief laut: “Diese Krone macht mich nicht zu einem Gewinner der Jagd, nur zu einem Ersten unter Gleichen. Lasst uns die Jagdspieße und Bögen erheben, auf dass wir dem HERRN Firun und unserem Kaiser Ehre machen!“
“Wohl gesprochen, Winterkönig!”, rief Sanjana und andere stimmten ein.
Fevon trat auf die Menge zu und ihm wurde auf die Schulter geklopft und Hände geschüttelt. Der Halbelf schien die Gratulationen souverän entgegen zu nehmen, aber Sanjana kannte ihn besser. Er fühlte sich unwohl und war angespannt. Fevon stand nicht gerne so im Zentrum der Aufmerksamkeit. Also machte sie sich auf, ihn zu retten.
Zwei hübsche, junge Damen traten gerade vor Fevon und verwickelten ihn in ein Gespräch. Sanjana vermeinte, sie müssten aus Ruthor stammen.
Da legte sich ihr eine Hand auf die Schulter.
“Lass den beiden Ollantur und auch Fevon den Spaß. Es heißt, die Jüngere wäre in Belhanka durch eine sehr gute Schule gegangen. Trink lieber mit mir einen Würzwein.”
San musste sich nicht umdrehen, die Stimme war ihr lieb und teuer.
Leise lächelte sie: “Nur einen Würzwein?”
“Na ja, vielleicht auch zwei. Lass uns den ersten Schnee gemeinsam in meinem Zelt feiern.”
Sanjana nickte lächelnd und verschwand mit Timor in der Nacht.