Archiv:Ein blühendes Gemeinwesen (BB 43)
Viele hoffnungsfrohe Siedler brechen derzeit zur Überfahrt über die Weiten des Südmeers an die Gestade Uthuriens auf. Doch einige kommen auch zurück. Was liegt näher, als diese zu den Gründen ihrer Rückkehr zu befragen und ein Bild von den Verhältnissen in Neu-Sewamund aus deren Berichten zu erlangen? Denn auf demselben Wege wurde ja dem Heimatlande bekannt, dass Nova Methumisa, die von den ya Strozza und den Berlînghan gegründete Siedlung, sich an einem ungünstigen, in einer sumpfigen Flussmündung gelegenen und der Gesundheit, aber auch der Moral der Siedler über längere Zeit abträglichen Ort befindet. Nun berichten die Klagen der Rückkehrer aus Neu-Sewamund nichts von dergleichen Widrigkeiten der Umgebung. Tatsächlich ist Einzelnen das dortige Klima nicht bekömmlich, aber bei der Mehrzahl der Befragten waren eher Beschwerden zu vernehmen, dass Gouverneur und Garnisonskommandant der Kolonie, Enrisco Cortesinio und Djurjin "Don Gino" von Jergan, die Siedler auch jenseits ihrer gewöhnlichen Arbeitszeiten zu Bautätigkeiten aller Art und gelegentlich zu Expeditionen ins nahgelegene Umland requirierten.
Vom "Seewind" befragte Seeoffiziere, die die Kolonie zwar nicht durch jahrelange Anwesenheit, aber doch von mehrwöchigen Aufenthalten vor Ort kennen, äußerten freilich die Ansicht, dass dieser mehr oder weniger erzwungene Arbeitsfleiß der Ordentlichkeit, Sauberkeit und Sicherheit der Siedlung dienlich sei und von den meisten Kolonisten auch eingesehen werde. Eine zusätzliche Nachfrage beim Efferd-Tempel, an den von den seit der ersten Expedition vor Ort anwesenden Geweihten Berichte zurückgesandt werden, erbrachte die Auskunft, dass von den Siedlern nicht über Gebühr gemurrt werde und nichts götterungefälliges sich in größerem Umfang ereigne, auch sei der Wohlstand der Kolonisten zufriedenstellend.
Mag sich daher die Kolonie auch in einem phexgefälligen Zustande befinden und der zwölfgöttlichen Segnung sich durch Einrichtung weiterer Tempel und Schreine auch künftig versichern, so hat eben dieses Gedeihen auch Rückwirkungen auf die Heimatstadt, die sich dem flüchtigen Blick nicht erschließen. Denn an der Mehrung des Wohlstandes auch zu Hause scheint ja kein Fehl zu sein, wenn diese von den Vielen und nicht nur von den Wenigen genossen wird. Wie steht es aber um die Einflussnahme auf die Geschicke unserer Heimatstadt? Ist es nicht so, dass aufgrund der glückbringenden uthurischen Unternehmung wenige Familien viele andere an Rang und Einfluss zu überragen beginnen? Hat sich nicht die Klientel dieser aufgrund ihrer gewachsenen Möglichkeiten, Vermögen auszugeben, auf Kosten jener stark vergrößert? Sind nicht auch erhebliche Beträge durch die Auftragsvergabe an eigene Manufakturen wie denen des Hauses Piastinza, in welchen Schiffbauteile gefertigt und Seefahrtsproviant zubereitet wird, an die Werften der Deganos und die Holzfäller der Luntfelds, innerhalb jener Familien geblieben, die durch Uthuria bereits vermögend und einflussreich sind? Verschieben sich nicht dadurch auch die Gewichte im Lilienrat, und werden die Worte Weniger dort nicht schwerer wiegen als die der Übrigen?
Und lassen die jüngsten Ereignisse nicht auch befürchten, dass derartige Entwicklungen sich fortsetzen und verstärken werden? Böse Zungen behaupten, nach den Erfolgen bei den Verhandlungen zu Teremon und der im Nachgang erfolgreichen Werbung neuer Investitionen würden hochrangige Vertreter des Hauses Piastinza in einem Maße euphorisch wirken, als hätten sie die Essenz des Kukuka-Krauts genossen, und als seien sie in eben diesem Maße Neuerungen zugetan und dem Altüberlieferten fremd geworden. Denn erneut sind vom Uthuria-Konsortium in großem Umfang Gelder eingeworben worden, die in die Ausweitung der uthurischen Unternehmung fließen sollen. Das Konsortium selbst hat sich dadurch jedoch nicht vergrößert und auch keine eigenen Anteile herausgegeben.
Stattdessen wurde ein wagemutiges, um nicht zu sagen risikobehaftetes, Geschäftsmodell ersonnen: Vom Konsortium wird Interessenten, die man auch Spekulanten nennen könnte, gleichsam der Zugang nach Uthuria lizenziert, aber das hierfür aufgebrachte Geld führt nicht zu einer dauerhaften Teilhabe am Konsortium, sondern nur zu der Gelegenheit, aus einer einmaligen Fahrt Profit zu ziehen. Da insbesondere botanische Güter des Südkontinents derzeit noch leicht zu erwerben, weil wild zu ernten sind, scheinen erhebliche Gewinnspannen im Augenblick noch möglich. Der Bedarf der Magierakademien und alchemistischen Labore an Exemplaren der uthurischen Pflanzenwelt ist zur Zeit noch aventurienweit unerschöpflich, und Neu-Sewamund könnte (was schwer abzuschätzen ist) weit über die Grenzen Horasiens hinaus sogar der Hauptlieferant sein. Und solange die Wirkungen dieser neu entdeckten und neu eingeführten Pflanzen und der aus ihnen zu gewinnenden Substanzen noch wenig untersucht sind, ist nicht einmal gewiss, welche davon als Rauschkräuter und Gifte zu betrachten sind, deren Einfuhr der Regulation oder des Verbots zu unterliegen hätten. Wer weiß, wie lange dieser Schatz noch gehoben werden kann, und ob nicht allzu rücksichtslose Ernten dem Nachwachsen der Bestände schaden oder bald weitere und gefährlichere Wege ins wilde Inland erfordern.
Und nun hat der Signor di Piastinza in seinem euphorischen Überschwange die in der Septimana entzündeten Begierden noch weiter befeuert, indem er, kaum dass der Fuß für den zweiten Schritt erhoben ist, bereits für den dritten und vierten Schritt wirbt - dadurch nämlich, dass er die Vorstellung ins Spiel gebracht hat, man könne ja vom Westen Uthurias aus, sobald dieser erforscht und kartografisch erschlossen sei, auch auf einem südlichen Seewege ins Güldenland reisen. Man muss dem Advokaten zugestehen, dass er auf diese Weise und mit goldener Zunge Begeisterung für seine Unternehmungen zu wecken gewusst hat. Das Versprechen einer Südwestpassage ins Güldenland, nachdem die uthurische Siedlung selbst kaum drei Jahre alt ist, ist ebenso dreist wie genial. Doch wie bald werden diese Träume, wie die unlängst gescheiterte "Sanct Parvenus", an den Klippen der Wirklichkeit zerschellen, wie bald wird auf den Rausch die Ernüchterung folgen? Und ist es wirklich göttergefällig, solchermaßen den Appell an die Gier der Menschen zu richten?
Die oben erhobenen Bedenken seien hier wiederholt: Besorgniserregend erscheint insbesondere, wie sehr sich die Machtverhältnisse im Lilienrat dadurch verschoben haben. Mehr denn je haben wenige Familien viel größere Möglichkeiten, sich das einfache Volk gewogen zu halten, als andere, und mehr denn je richten sich das Handwerk und die Bauernschaft der Region auf den Bedarf dieser wenigen Familien aus. Gewiss haben sie auf diese Weise Teil an den Reichtümern, die in die Stadt fließen, aber ebenso gewiss gerät der Ausgleich zwischen den patrizischen Familien dadurch ins Ungleichgewicht. Setzt sich dieses fort, so mag der Lilienrat alsbald nach dem Vorbilde Grangors in eine innere und eine äußere Stube gespalten sein. Dann möget Ihr Euch meiner Worte erinnern.
IJ