Briefspiel:Silberschiffe
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Kapitel 1 – Eine Aufwartung
Phelizzio d'Antara sowie sein Sohn Timor weilten bereits seit einer Weile in Urbasi, da sie dort mehrere geschäftliche wie private Angelegenheiten zu tätigen hatten. Daher war der alte Schiffsbauer hoch erfreut, dass die Signoras Giulia Silbertaler und Efferdita Pechstein ihm eine Audienz genau in dem Zeitraum gewährten, in dem sie bereits in der Stadt zugegen waren.
Die Korrespondenz hatte Phelizzio bereits seit ein paar Monaten mit der ältesten Patrizierfamilie der Stadt geführt und vorrangig wollte er sich gerne als Partner hinsichtlich der Verschiffung des Silbertaler Silbers anbieten, doch zunächst würde er anderen Vorschlag vortragen, bevor er weiter dachte. Die efferdischen Männer hatten sich unabhängig vom Treffen im Hotel Silbertaler einquartiert, solange sie in der Stadt weilten.
Urbasi lag im blauen Licht des winterlichen Nachmittags.
Unten im Empfangssaal funkelten Silberintarsien in dunklem Nussholz und spiegelte sich das Licht der Kerzen und des gewaltigen Kaminfeuers im polierten Marmorboden. An den Wänden hingen Landkarten des Aurelats sowie Porträts horasischer Edelleute und Handelsdynastien. Ein angenehmer Duft aus der großen Küche zog durch die hohe Halle mit der umlaufenden Balustrade.
Ein Bediensteter führte die Gäste aus ihren Gemächern in einen privaten Salon ebenfalls im piano nobile. Durch ein sehr schmales, hohes Rundbogenfenster fiel das letzte scharfe Licht PRAios’ auf den fein gelegten Holzboden, während aus der Ferne das geschäftige Treiben der Stadt zu hören war. Draußen liefen noch bis in die kalte Nacht die Vorbereitungen auf den Tag der Volkskunst. Giulia Silbertaler blickte hinaus auf die Piazza Palio. Als der Lakai die Gäste namentlich ankündigte und die Gastgeberin benannte, ließ sie den schweren Brokatbehang los, der die Kühle und nun aus das Licht aussperrte, als er zurück vor das Glas fiel.
In dem kleinen, holzgetäfelten Raum befanden sich vier stoffbezogene Kreuzklappstühle an einem runden, mit Intarsien belegten Tisch, ein Kanapee mit Ablage in der Ecke und ein langes Serviermöbel an der Wand. Licht spendeten zwei darauf stehende Kerzenleuchter.
Als die beiden Herren eintraten, erblickten sie eine Frau mittleren Alters, deren flockenblumenblaue Augen im Licht der Kerzen wie der heilige Stein TRAviens funkelten. Das Gesicht war sanft, die Haltung etwas unsicher, die grüne Robe einfach geschnitten, der Silberschmuck dezent.
Sie neigte leicht das Haupt.
“Signores, ich heiße Euch freudig willkommen in unserer Stadt und darf Euch die besten Wünsche meines Bruders, des Silbertaler Patriarchen, übermitteln. Er bedauert, Euch nicht persönlich begrüßen zu können, doch hält ihn sein Sitz noch für einige Stunden in Vinsalt.”
Phelizzio blieb einen Moment stehen, als wollte er den Raum bewusst auf sich wirken lassen — eine kleine, fast theatrale Pause, wie sie im Horasreich geschätzt wird.
Dann verneigte er sich mit ruhiger Würde.
„Signora Silbertaler, die Freude ist ganz auf unserer Seite. Urbasi empfängt uns mit mehr Anmut, als wir zu hoffen gewagt haben und Eure Gastfreundschaft krönt diesen Eindruck.“
Er legte eine Hand kurz auf die Schulter Timors.
„Und dass Ihr uns trotz der Verpflichtungen Eurer ehrwürdigen Familie empfangt, ehrt uns sehr. Wir bitten Euch, Eurem Bruder unseren tief empfundenen Respekt zu übermitteln. Vinsalt fordert große Geister und lässt uns doch hoffen, ihn bei nächster Gelegenheit persönlich kennenlernen zu dürfen.“
“Gerne übermittle ich die Grüße der ehren- und tugendhaften Familie d'Antara, die der Silberstadt Glanz verleiht. Ebenso halten wir die Korrespondenz aufrecht und erwidern bei nächster Gelegenheit den Besuch.”
Ihre Hand wies einladend zu den Sitzmöbeln, während der Lakai weiterhin die Tür aufhielt, durch die nun kleine Silberschalen und -platten gebracht wurden - mit regionalem Bergkäse, Pastetchen aus erst getrocknetem und wieder eingeweichtem Fisch, sauer eingelegten Bergbirnenperlen und winzigen Brotschiffchen mit hauchdünnen Sikramischeiben. Während die Speisen den von Frische verwöhnten Gästen aus Efferdas vielleicht nicht das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, tat es die letzte Silberplatte sicherlich, trug diese doch neben kleinen “einfachen” Silberbechern eine Karaffe des besten Rotweines der Region.
Die Bediensteten eilten hinaus. Nur eine kleine, rundliche Frau blieb im Raum zurück; ein matronenhaftes, graues, pelzverbrämtes Kleid, das eigentümlich rötlich schimmernde, aber eigentlich schwarze Haar, die tiefschwarzen, pupillenlos wirkenden Augen und das irgendwie zerdellt wirkende Gesicht ließen sie älter wirken, als sie war.
Giulia hatte ihre Präsenz noch nicht bemerkt, schenkte sie doch am Serviermöbel Wein ein.
Phelizzio erwiderte Giulias Einladung mit einer ruhigen Verbeugung und nahm Platz. Er betrachtete die dargebotenen Speisen mit ehrlicher Neugier, nicht mit Zurückhaltung. Dann nahm er eines der winzigen Brotschiffchen zwischen die Finger.
„Wie treffend“, sagte er mild lächelnd. „Selbst hier am Tisch segeln die Schiffe Urbasis.“
Timor konnte sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen und griff nach einer der eingelegten Birnenperlen. Phelizzio hob den Silberbecher, prüfte Gewicht und Balance — fast wie ein Handwerker, der ein Werkzeug musterte.
„Man erkennt die Handschrift einer Stadt auch an ihren Kleinigkeiten. Sorgfalt… Maß… und ein gewisser Stolz.“
Er kostete einen Schluck Wein, schloss kurz die Augen, als wollte er den Geschmack wirklich würdigen.
„Wenn Eure Familie auch ihre Handelswege mit solcher Hingabe pflegt, überrascht es nicht, dass Urbasi glänzt.“
Timor nutzte die Pause, um höflich nachzusetzen: „Wir haben in den letzten Tagen vieles an den Docks gesehen. Besonders die großen Erzfrachter haben uns beeindruckt. Sie wirken… robust, aber auch schwerfällig.“
Er blickte rasch zu seinem Vater, als prüfte er, ob er zu weit gegangen war.
Phelizzio griff den Faden sanft auf: „Schwere Lasten verlangen starke Schiffe, doch manchmal kann Stärke auch Eleganz gewinnen. In meinen Werften bemühen wir uns, beides zu verbinden.“
Er sprach noch immer ruhig, fast beiläufig.
„Ich gestehe, dass ich mich fragte, ob ein Haus von solcher Bedeutung wie das Eure gelegentlich Gefallen an einer Bauweise finden könnte, die speziell auf den Transport wertvoller Erze zugeschnitten ist. Nicht heute, nicht übereilt — nur als Gedanke, der mit der Zeit reifen darf.“
Er hob leicht den Becher in Giulias Richtung.
„Denn gute Partnerschaften beginnen selten mit Verträgen. Meist beginnen sie mit Gesprächen und mit Wein.“
Währenddessen hatte Timor beiläufig den Raum weiter betrachtet und bemerkte nun die rundliche Frau, die zurückgeblieben war. Er zögerte einen Augenblick, dann neigte er höflich das Haupt in ihre Richtung.
„Verzeiht, Signora … wir wurden Euch noch nicht vorgestellt.“
Eine respektvolle Einbindung ohne Alarm, ohne Misstrauen.
Phelizzio folgte dem Blick seines Sohnes, sein Gesicht blieb freundlich, doch seine Augen wurden einen Hauch aufmerksamer. Er wartete, ob Giulia die Situation aufklärt oder ob die Fremde selbst das Wort ergriff.
Die zarten langen Finger umfassten spitz den Silberbecher, ein Lächeln erschien auf dem Antlitz, als das Aroma in die prüfende Nase der Silbertalerin stieg.
‘Warum wohl nun die Sprache auf die langweiligen Lastkähne kommt? Plaudereien sind es wohl kaum. Verstehe, Höflichkeiten zur Anbahnung eines Geschäfts. So früh im Gespräch … Es zeugt von Zielstrebigkeit, aber etwas direkt ist es schon. Ach, bliebe es doch nur ein einziges Mal ohne Konditionen und Kommissionen. Ich hoffe nur, ... Ah, endlich. Sie wird es richten’, dachte Giulia sich und schritt auf die Eingetretene zu.
Es war ein ungleiches Paar, doch die Begrüßung war bei aller Formalität herzlich. Sie griffen sich bei den Händen und neigten leicht das Haupt.
Die elegante Giulia trat neben die Eingetretene, die ihrerseits auf die beiden Männer zuging. Wahrlich keine Schönheit, aber dies verblasste angesichts des Namens, der in einer überraschend warmen Stimme und in der Kusliker Aussprache reinen Horathis über ihre etwas schiefen Lippen kam.
“Signores d'Antara, willkommen im Hotel Silbertaler. Möge Travia Euch behüten. Mein Bedauern, Euch bei Eurer Ankunft nicht persönlich begrüßt haben zu können. Efferdita Pechstein.”
Sie streckte die schwer beringte Hand aus.
Phelizzio erhob sich sofort wieder, diesmal ohne jede berechnete Verzögerung, fast instinktiv. Der Name Travia hat etwas in ihm berührt, das tiefer lag als Handel oder höfische Gewandtheit. Sein Gesicht hellte sich sichtbar auf, feine Fältchen um die Augen vertieften sich, als er warm lächelte. Er nahm die dargebotene Hand mit beiden Händen, nicht nur mit den Fingerspitzen — eine bodenständige, beinahe handwerkliche Geste.
„Signora Pechstein… Travia möge auch über Euer Haus wachen.“
Seine Stimme klang nun einfacher, ehrlicher.
„Wer mit Travia grüßt, kann kein schlechter Mensch sein. Ihr müsst verzeihen — ich bin mehr auf Werften und in Hafenstuben zu Hause als in Salons. In meiner Familie hört man nichtdestotrotz den Namen der Herdmutter oft lieber als den von Münzen.“
Ein leises, herzliches Schmunzeln. Er ließ ihre Hand erst los, als es nicht mehr unhöflich wäre.
„Wir fühlen uns sehr willkommen hier. Urbasi hat uns bereits viele freundliche Gesichter gezeigt … doch eines, das uns im Namen Travias empfängt, ist ein besonders gutes Zeichen.“
Timor verneigte sich ebenfalls, etwas weniger steif als zuvor.
„Es ist uns eine Ehre, Signora. Mein Vater sagt immer, dass man auf Reisen zuerst nach guten Herbergen und dann nach guten Partnern suchen soll.“
Ein kurzer Blick zu Giulia, respektvoll, aber offen. Phelizzio nickte zustimmend.
„Und manchmal findet man beides unter einem Dach.“
Er setzte sich nun wieder, lud mit einer kleinen Handbewegung auch die beiden Damen ein.
„Bitte, lasst uns diesen Wein nicht warten lassen. Erz und Schiffe laufen uns nicht davon … aber ein guter Moment am Tisch ist schneller verloren, als man denkt.“
Damit nahm er bewusst Tempo aus dem Gespräch. Nicht aus Desinteresse, sondern aus dem Wunsch, Gemeinschaft vor Geschäft zu stellen. Seine Augen funkelten noch immer ein wenig, als hätte die Erwähnung Travias ihm vorgehalten, was wichtiger war als jede Ladung Silber.
Efferditas Augen zuckten kurz, als nicht nur kein Handkuss kam, sondern ihre Hand auch gleich in einen kräftigen Klammergriff genommen wurde, dann lachte sie leise und herzlich, ihre warme Stimme erfüllte den Raum.
“Und ich habe in meiner Jugend die Salons Kusliks, Galerien und die Bibliotheca kaum verlassen. Mit Freude bin ich meinem Gatten in sein Heim gefolgt, es zu hegen und zu mehren.”
Dass dieses Heim erkleckliche Teile Urbasis, ja halbe Stadtviertel umfasste, ließ sie geflissentlich ebenso unerwähnt wie die immensen kulturellen Unterschiede zwischen der Metropole und der Bergstadt. Und an Timor gerichtet, fuhr sie warmherzig fort: “Euer Herr Vater hat Euch Weisheit mit dieser Einstellung vermacht. Bewahrt sie.”
Beide Damen platzierten sich. Esquiria Giulia ergriff das Wort, erleichtert, dass sich die weltgewandte Jüngere so trefflich mit den Herren verstand und das Eis gebrochen war.
“Berichtet doch bitte: was gibt es aus Eurer Heimatstadt zu berichten. Wie lebt es sich dort? Was muss man unbedingt gesehen haben, wenn man Efferdas besucht?”
Phelizzio lehnte sich ein wenig vor, als hätte man ihm eine besonders angenehme Erinnerung geöffnet. Seine Haltung wurde lockerer, fast heiter, ganz anders als noch zu Beginn der Unterredung.
„Ah … Efferdas.“
Er sprach den Namen mit hörbarer Zuneigung aus.
„Man sagt, unsere Stadt sei weniger geschniegelt als die großen Metropolen des Lieblichen Feldes. Das mag wohl stimmen. Doch sie hat ein Herz und vor allem einen Atem, der nach Meer und Salz und zugleich nach Chancen riecht.“
Timor nickte lebhaft.
„Und nach Holzspänen. Wenn der Wind von den Werften kommt.“
Ein leises Lachen ging durch den Raum.
Phelizzio fuhr fort: „Efferdas lebt von Gegensätzen. Wir selbst sind leibhaftiges Beispiel. Unsere Familie hat einen Teil ihrer Wurzeln im fernen Aranien, doch das nimmt niemand kritisch. Zudem treffen Händler aus verschiedenen Gestaden auf horasische Patriziersöhne, die das Abenteuer suchen. Auf den Kais liegen schwere Frachter neben schlanken Kuttern der Fischer. Und abends …“
Er lächelte breit.
„… abends trifft man sich nicht nur, um Geschäfte zu besprechen, sondern um Geschichten auszutauschen.“
Er griff nach einem Stück Bergkäse, als wollte er den Gedanken begleiten.
„Wenn Ihr unsere Stadt besuchen würdet, Signoras, müsstet Ihr unbedingt noch eine der jungen Perlen unserer Republik besuchen.”
Phelizzios Augen begannen zu funkeln.
„Das Kaffeehaus Zur Wüstenrose.“
Er hob fast feierlich den Becher.
„Ein wunderbarer Ort. Erst vor kurzem eröffnet. Man betritt ihn und glaubt für einen Moment, nicht mehr im Lieblichen Feld zu sein, sondern irgendwo zwischen den Düften der Khôm und den Gärten des Südens.“
Seine Stimme wurde schwärmerisch.
„Die Besitzer haben Stoffe aus fernen Ländern an die Wände gehängt — warme Rottöne, goldene Fransen. Auf niedrigen Tischen stehen kleine Messingkannen. Und der Kaffee … bei den Zwölfen, ich hätte nie gedacht, dass ein Getränk so wach machen und zugleich beruhigen kann.“
Timor lachte.
„Mein Vater behauptet, dort würden die besten Ideen entstehen. Zumindest die lautesten.“
Phelizzio winkte ab, doch sichtbar vergnügt.
„Es ist ein Treffpunkt geworden. Kapitäne, Gelehrte, Händler — sogar einige Reisende haben sich bereits dort eingefunden. Man diskutiert über Routen, über Politik, über Kunst… und manchmal einfach über das Wetter.“
Er blickte nun wieder zu den beiden Damen.
„Wenn Ihr jemals nach Efferdas reist, werden wir es uns nicht nehmen lassen, Euch dort persönlich einzuladen. Ein Nachmittag in der Wüstenrose sagt mehr über unsere Stadt als zehn Verträge.“
Er hob leicht die Brauen.
„Denn Efferdas versteht sich vielleicht weniger auf den majestätischen Prunk als Urbasi — aber sehr wohl auf Gastfreundschaft!“
Er lächelte warmherzig.
Sie lauschten den Erzählungen und ließen sich von der Begeisterung mitreißen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Beim letzten Satz siegte bei Giulia der unerschütterliche Stolz auf ihre Heimatstadt, während Efferdita begütigend die Hände erhob.
“Bei aller Freude Eures Lobpreis´: königlich war Urbasi nie. Lasst uns bei fleißig, strebsam, stolz bleiben.”
Und Giulia ergänzt: “Wehrhaft, fürstlich, wenn dies auch Narben hinterlassen hat.”
Die Gäste erinnerten sich sicherlich an die große Ruine und Baustelle an der zentralen Piazza della Renascentia.
“Eure Erzählung hat den Wunsch in mir geweckt, Eure Stadt eines Tages zu besuchen. Aber …”, und sie schaute seltsamerweise Efferdita an. “... was ist Kaffee?”
“Eine gar seltene Frucht, die aus dem geheimnisvollen Südkontinent gehandelt wird.”
“Oh, Uthuria. Man liest ja wenig von dort.”
“So soll es vom Güldenland früher auch gewesen sein.”
Giulia wandte ihre blauen Augen zu Phelizzio und seinem Sohn. “Ihr baut Schiffe, nicht wahr? Sagt, fahren diese auch gen Praios oder Efferd zu den fernen Gestaden?”
Phelizzio richtete sich bei der Frage ein wenig auf. Nicht stolz, aber spürbar belebt. Dies war nun sein Element. Er drehte den Silberbecher langsam zwischen den Fingern, als dachte er die Worte erst fertig, bevor er sie aussprach.
„Ja, Signora. Wir bauen Schiffe verschiedener Klassen mit unterschiedlichen Verwendungszwecken, sei es Fluss, Küste oder Meer.“
Ein schlicht gesprochener Satz — ohne Zier. Dann erst hob sich seine Stimme leicht.
„Doch nicht nur für Küstenfahrten oder den vertrauten Handel entlang der bekannten Routen. Seit einiger Zeit arbeiten wir an etwas … Größerem.“
Timor beugte sich unwillkürlich vor.
„Mein Vater nennt sie unsere Südmeer-Karavelle.“
Phelizzio lächelte kurz über die Begeisterung, dann fuhr er ruhiger fort: „Die Welt scheint kleiner geworden zu sein. Neue Karten entstehen, neue Waren erreichen unsere Häfen, und immer häufiger hört man Geschichten vom großen Kontinent jenseits des Südmeeres.“
Er blickte zwischen den beiden Damen hin und her.
„Uthuria. Ein Name, der noch mehr Fragen stellt, als er Antworten gibt.“
Seine Hand zeichnete beinahe unbewusst die Linien eines Rumpfes auf die Tischplatte.
„Wir wollten ein Schiff bauen, das nicht nur schnell ist oder viel tragen kann — sondern eines, das durchhält. Lange Strecken ohne sichere Häfen. Wechselnde Winde. Unbekannte Strömungen. Hitze, Feuchtigkeit … vielleicht auch Stürme, wie wir sie im Perlenmeer kaum kennen.“
Timor ergänzte mit sichtbarem Stolz: „Der Rumpf wird schmaler als bei unseren normalen Karavellen, aber tiefer gekielt. Und wir planen eine kombinierte Takelage — damit sie sowohl vor dem Wind laufen als auch hoch am Wind kreuzen kann.“
Phelizzio nickte.
„Sie soll zunächst die Waldinseln regelmäßig anlaufen. Dort wollen wir Erfahrungen sammeln — Versorgung sichern, Kontakte knüpfen. Und wenn Travia und Efferd es gut mit uns meinen …“
Er hob leicht die Schultern.
„… dann wird eines Tages vielleicht der Bug dieses Schiffes erstmals uthurischen Boden sehen.“
Ein Moment stiller Vorstellung lag im Raum. Seine Augen wurden dabei weicher.
„Nicht aus Abenteuerlust allein. Sondern weil Handel auch Brücken schlägt. Neue Wege eröffnen neue Freundschaften — und neue Verantwortung.“
Er nahm wieder einen Schluck Wein.
„Natürlich ist ein solches Vorhaben kostspielig. Man baut kein Südmeerschiff nebenbei. Doch wir glauben, dass die Zeit dafür reif ist. Die Welt ruft — und wir möchten vorbereitet sein.“
Timor lächelte leicht zu Giulia.
„Und wer weiß — vielleicht wird eines Tages sogar Kaffee nicht mehr nur ein exotisches Wunder sein, sondern eine alltägliche Ware. Wenn es eines selbst beschreibenden Beweises bedarf, werte Signoras …“
Phelizzio schmunzelte und griff in seine Jackentasche und holte einen kleinen Beutel mit Kaffeebohnen heraus. Freundlich reichte er diesen seinen Gastgeberinnen und schmunzelte erneut, als der aromatische Geruch der Kolonialware in die Nase der beiden Frauen stieg.
Er fuhr fort: „Dann müsste man neue Lagerhäuser bauen. Neue Kais. Neue Flotten.“
Ein kurzer Blick fast beiläufig zu den beiden Damen.
„Für Städte, die fleißig, strebsam und stolz sind”, sagte er anerkennend.
So floß der Wein und der Abend dahin. Das beständige Werben der beiden geadelten Schiffbauer hielten die beiden Damen zwar auf freundlicher Distanz, weil die wenigen trägen Frachtkähne der Silbertaler und der Silberzunft seit Angedenken in der Hand der hiesigen Holzzunft und der Familie Breccia [?] lagen, behielten aber die Erzählungen von der Kraft der Innovation in sehr guter Erinnerung.
Viele Monate später traf daher ein Brief in Efferdas ein.
Kapitel 2 – Der Auftrag
Hochverehrter Signore d'Antara,
auf guten Rat hin wünschen wir, das Consortium Pecuniarium ad Progressionem Sikram Superioris (CoPPSS) *, hoc in casu repraesentatum durch die Banca Argentale di Sant'Agreppo, Euch zu beauftragen mit einem Erstentwurf und der Umsetzung eines vollständig betriebsfähigen Flusskahnes zum Transporte von Waren und Bewachung, der den Frühlingswassern schwer befahrbarer Bergflüsse standzuhalten vermag.
Wir erwarten Ihre Antwort samt Abriss und Veranschlagung binnen Mondesfrist, ihre Absage bis zum folgenden Erdstag nach Übergabe dieses Schreibens.
Mögen Efferd und Ingerimm Euch leiten.
gezeichnet und gesiegelt
für das CoPPSS *
10. TSA 1047 BF
Sofia Silbertaler, Directora
Antwort von der Covernischen Schiffswerft d'Antara:
An die hochgeschätzte Signora Sofia Silbertaler,
Vertretung des Consortium Pecuniarium ad Progressionem Sikram Superioris *, Directora der ehrwürdigen Banca Argentale di Sant'Agreppo
Euer Schreiben vom 10. TSA 1047 BF hat mich wohlbehalten erreicht, und ich danke Euch für das darin bekundete Vertrauen in meine Kunst und mein Haus.
Mit großem Interesse nehme ich den ehrenvollen Auftrag entgegen, einen Erstentwurf sowie die anschließende Umsetzung eines vollständig betriebsfähigen Flusskahnes zu fertigen, welcher den launischen Gewalten der Frühlingswasser in schwer befahrbaren Bergflüssen standzuhalten vermag und zugleich den sicheren Transport von Waren unter angemessener Bewachung gewährleistet.
Ich beabsichtige, einen Rumpf von erhöhter Stabilität und flacherem Tiefgang zu konzipieren, versehen mit verstärkten Steven, zusätzlichen Spanten aus gehärtetem Hartholz sowie geeigneten Vorrichtungen zur Aufnahme bewaffneter Eskorte. Ebenso wird auf Wendigkeit und Manövrierfähigkeit in engen Passagen besonderes Augenmerk gelegt werden. Eine erste zeichnerische Ausarbeitung samt Kostenveranschlagung und Zeitplan der Umsetzung werde ich Euch binnen der gesetzten Mondesfrist übermitteln.
Sofern Ihr besondere Wünsche hinsichtlich Ladevolumen, Bewaffnung oder Besatzungsstärke hegt, bitte ich um baldige Nachricht, auf dass diese in den Entwurf einfließen mögen.
Mögen Efferd die Wasser glätten und Ingerimm meine Werkbank segnen, damit dieses Werk zu Eurer vollsten Zufriedenheit gerate.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Phelizzio d’Antara, 19. Tsa 1047
Esquirio und Maestro des Schiffbaus
So pendelten bis Ende Ingerimm 1047 noch wenige Briefe zwischen Efferdas und Urbasi, mit denen der Vertrag zur Herstellung eines Prototypen für einen Transportkahn geschlossen wurde, um die harten Flussschnellen abwärts an Oberläufen überwinden zu können.
* Arbeitstitel – der genaue Name des Konsortiums ist noch nicht festgelegt!