Briefspiel:Spiel der Füchse/Balkongespräche
| ||||||||||
Am Morgen des 4.Travia 1048 im Palazzo Alentino
Wieder stand die alte Dame auf dem Balkon und blickte auf den Eingangsbereich. Inzwischen war die Praiosscheibe im Westen angekommen und würde vielleicht für eine oder zwei Stunden noch Licht spenden. Entsprechend waren im Park vor ihr überall Laternen aufgestellt worden, auf dass sich keiner der bald erscheinenden Gäste würde verlaufen und womöglich noch in einen der Bäche hinein fallen können. Zudem hatte Dariano Falsita an diversen Wegen noch eiligst Sägespäne ausgelegt, um die von einem weiteren Schauer vollgesogenen Böden nicht zu einem Marsch durch Matsch werden zu lassen und damit den Gästen gleich zu Beginn die Laune zu verderben. Gerade die weiten Röcke der Damenkleider würden es ihm danken. Die alte Dame auf dem Balkon selbst hatte sich auch bereits in ihr Kleid begeben. Sie trug ein schwarzes Schnürkorsett, recht schnörkellos mit goldenen Droler Spitzen an ihren Rändern. Ihr Gesicht derweil zierte eine mit reichlich Smaragden und Rubinen geschmückte Maske, während sie im Dutt ihres grauen Haares ein kleines, aber feines silbernes Diadem gesteckt hatte.
Wieder betrat auch ihre Zofe den Balkon, dieses mal jedoch nicht mit einer Tasse Tee, sondern mit einem kristallinem Pokal, in dem sich etwas prickelnder Schaumwein befand. Signora Pamminka lächelte die junge Frau mit den langen braunen Haaren freundlich an. “Schaumwein? Iolanda, sag mir nicht, ihr habt das Fest schon ohne mich begonnen.”
Iolanda Borgeccia senkte ihre Kopf und lächelte Milde. “Das nicht, nein. Aber Majordomus Kalamanga steht vor der Tür und will noch einmal einige Details durchgehen.”
Die Signora griff mit einem Seufzen nach dem Pokal und nahm den Schluck. “Man sollte meinen, dass ein Mensch, der bereits seit dem Bau dieses Palazzos hier lebt, etwas entspannter mit Festen wie diesen umgehen könnte. Er tut, als sei es das erste dieser Art.” “Es ist zumindest das erste seit sehr langer Zeit. Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, in meiner Kammer wohnen Kakerlaken in der Größe eines ausgewachsenen Drachens. Es gibt hier durchaus Türen, die besser noch verschlossen bleiben.” Signora Pamminka musste lachen. “Das ungerechte Leben eines Dienstmädchens.” Sie nahm einen weiteren Schluck. “Dann lass ihn doch bitte herein.”
Iolanda tat wie befohlen und so stand kurze Zeit später ein hagerer Mann Ende 50 auf ihrem Balkon und verbeugte sich tief. “Signora, habt Dank, dass ihr euch noch einmal die Zeit nehmt.”
“Aber natürlich. Treffen die ersten Gäste ein?”
“Schon bald, ja. Die ersten Boten sind eingetroffen und haben die baldige Ankunft erster Gäste ankündigen lassen. Ich hätte es dem Großherzog auch selbst gesagt, doch er ist weiterhin in seinem Gemach und scheint tief versunken in seinen Vorbereitungen.” “Keine Sorge.”, erntete Gilberto ein beruhigendes Lächeln der bornländischen Signora. “Auch wenn ihr schon einige Jahre mit Großherzog Dallenthin-Firdayon verbracht habt und ihn entsprechend kennen mögt, vergesst nicht, auch er ist nicht mehr der Jüngste. Wenn man einmal unser Alter erreicht hat, benötigt man einfach gewisse Ruhezeiten. Gerade in solch aufregenden Momenten. Ihr werdet das auch irgendwann erfahren. Aber ich stehe ja im steten Kontakt mit ihm, daher kann ich euch vergewissern, er hat sich für den Maskenball heute Abend zur Begrüßung etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Glaubt mir, er hat nicht vergessen, was es bedeutet, nahe Vinsalt ein Fest zu feiern. Gerade bei dieser hohen Zahl an zu erwartenden Gästen.”
“Wie ihr meint.”, nickte Gilberto und schien in der Tat etwas beruhigter, zumindest wirkte seine Körperhaltung entsprechend etwas lockerer.
“Wie geht es denn unseren Mitorganisatoren derweil? Wie weit ist denn unser schöner Herr Volpe?” “Oh, der scheint den Beginn kaum erwarten zu können. Er ist im Eingangsbereich und inspiziert die Horde Oeuvres. Der hohe Herr zeigt sich heute in einem rahjanisch roten Gewand aus Brokat, wie man es in seiner Feinheit in Kuslik so schnell kein zweites mal sieht. Zudem ruft sein gezwirbelter Bart nach absoluter Perfektion. Er scheint es kaum erwarten können, heute mit möglichst vielen Damen tanzen zu können.”
Signora Pamminka kicherte. “Ach je. Wenn ich ihn sehe, frage ich mich immer, ob wir selbst je so jung und stürmisch waren. Wie alt ist er gleich?” “Noch zarte dreissig. Und dennoch hat er sich in Kuslik als Händler wohl einen großen Namen gemacht.” Pamminka nickte etwas selig. “Ja, er scheint ein ganz verführerischer zu sein. Manchmal frage ich mich ja doch, ob es Segen oder Fluch ist, dass wir alten Leute irgendwann diese innere Ungeduld und forsche Herangehensweise durch die Ruhe der Erfahrung ausgetauscht haben.”
Gilberto Kalamanga lockerte weiter auf. “Ich glaube tatsächlich, dass ich nicht tauschen wollte. So ein Leben wäre mir zu aufregend.”
Die Signora kam zurück zum Thema. “Wo wir von aufregend sprechen. Ist die Esse vorbereitet?” Der Majordomus nickte. “Euer Jurorenfreund Cartan Mascheraio hat sich eben noch selbst vergewissert und ein paar Münzen hinein geworfen. Sie schmolzen wie erwünscht.” Er kassierte einen überraschten Blick. “Cartan hat sein eigenes Geld dafür benutzt?” Gilberto wirkte überrascht. “Sollte er nicht?”
“Waren es Silbermünzen oder Heller?” ging Pamminka gar nicht näher auf sein Unverständnis ein. “Ich…. habe nicht darauf geachtet…” war der Majordomus sichtlich irritiert. “Dann werden es sicher nur ein paar Kupfermünzen gewesen sein.”, nickte die alte Dame sich selbst bestätigend.
“Mir deucht, ihr schätzt den hohen Herren Mascheraio als geizig ein?” “Er ist, was er ist. Ein Mann Mitte 50, welcher Bankhäuser in Vinsalt berät und dadurch in der Lage ist, mit seinem Lächeln, seinem Namen oder dem Namen seiner Kunden zu bezahlen. Ich hörte auch schon, dass er manche Rechnungen nur mit seiner Frisur bezahlen könne.” blieb sie mürrisch.
“Signora, man könnte meinen, ihr wärt nicht gut auf den hohen Herren zu sprechen? Muss ich die Sitzordnung abändern?”, blickte Gilberto besorgt auf. Doch Signora Pamminka winkte ab. “Ach was. Ich hätte Signor Cartan nicht eingeladen, wenn er nicht der absolut beste für die bevorstehende Aufgabe wäre. Und bevor ihr fragt, das gilt auch für Signora Maica Leccare, auch wenn sie in meinen Augen riecht wie eine ganze Belhankaner Parfümfabrik.” Auch der alte Herr atmete einmal tief durch. “Ich befürchte, sie hat es heute damit auch wieder etwas übertrieben. Wobei es bisweilen kein unangenehmer Duft ist. Ich… rieche sie nur durch eine geschlossene Tür. Und man muss es ihr lassen, ihr Rotes Kleid mit dem Löwenartigen Pelzkragen wird modetechnisch heute schwer zu übertreffen sein. Dazu eine orange-gelbe Löwenmaske…” Die Bornländerin grinste. “Ihr wollt doch nicht etwa sagen, dass ich heute schlecht gekleidet wäre.” Doch der erfahrene Majordomus ließ sich nicht aus der Fassung bringen. “Signora, ihr bringt den Charme der Erfahrung und das Lächeln eines bewegten Lebens mit euch, dagegen kann kein Kleid der Welt anhalten."
Pamminka lachte herzhaft. “Ihr versteht euer Handwerk, Kalamanga. Dann würde ich sagen lasst uns nach unten gehen. Ich wollte mit den Musikern noch einmal die Noten durchgehen.” Sie machte sich auf, den Balkon zu verlassen.
Der Hausdiener folgte ihr. “Natürlich. Damit ist gerade auch Juror Bernardo Madoffi beschäftigt. Er versucht der Kapelle wohl die Melodie des Liedes “Travias Heim sei dein allein” näher zu bringen.” Die Signora rollte mit den Augen. “Der Mann ist wirklich Hausverkäufer durch und durch. Warum sollte die Kapelle so etwas… uninspiriertes spielen? Das soll doch ein Fest der Freuden werden.” “Naja, mit so einem Lied macht man auch nichts falsch. Es ist…” “... Sicher. Risikolos. Kühl.”, beendete Pamminka den Satz anders als es Gilberto eigentlich vorgesehen hatte. "Trägt er wieder die alte antrazitfarbene Prunkuniform des Schiffes, auf dem er einst gedient hat?” “Natürlich. Und sie passt perfekt zu seinem schütteren grauen Haar. Und ich bin sicher, wir werden ganz wunderbar passend aussehen neben ihm.”, nickte er. “Das war schon die zweite zweifelhafte Bemerkung über mein Aussehen.”, stichelte sie erneut, doch auch diesesmal blieb Gilberto Kalamanga ruhig. “Von irgendwo muss in jedem Bild das Leben sprudeln, oder nicht?” Mit diesen Worten öffnete er die Tür zum Flur.