Briefspiel:Spiel der Füchse/Ein goldener Morgen
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Ein blutroter Himmel kündigte wie so häufig in den letzten Tagen das baldige Auftauchen der Herbst-Praiosscheibe hinter den nicht ganz so weit entfernten Goldfelsen an. Es war ein wirklich schöner Anblick, gerade jetzt, wo das Laub der vielen Bäume das ganze Land in ein Meer aus Gelb-, Rot-, Orange- und Brauntönen wandelte. Als letzte Zeugin der vorherigen Nacht sah man immer noch das zunehmend blasser werdende Madamal im vollen Rad. Doch ihre Zeit war für heute gezählt. Bald würde man vergessen haben, dass sie da gewesen war. Auch war der Himmel nicht gänzlich frei von Wolken, es hatte in den letzten Tagen immer wieder Schauer gegeben und der Boden konnte doch gerne noch etwas matschig sein. Zudem blies der bisweilen etwas frische Atem Belemans die frisch gefallenen Blätter diverser Buchen, Eichen, Olivenbäumen oder Kastanien vor sich hin. Aber das tat diesem schönen Anblick einfach keinen Abbruch. Gerade auch, wenn man sich jetzt noch vom Sonnenschein westwärts wandte und betrachtete, wie die letzten brennenden Lichter Illstans sich im Yaquir spiegelten, konnte man die Idylle dieses Moments als beinahe Perfekt bezeichnen.
Die Anzahl derjenigen, die potentiell hätten Anteil an diesem geradezu Hela’ischen Anblick hätten nehmen können, war dabei im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit gar nicht mal so klein. Sicher, seit dem Sternfall war auch der Nutzen der Rondrastraße nicht mehr die gleiche wie früher. Aber das teilte sich die altehrwürdige Via Rondra mit so ziemlich jeder anderen Straße, die nach oder durch Arivor führte. Ja, Kaiser Yulag hätte vermutlich eine kleine Träne im Auge, würde er sehen, wie es um seine Straße 1800 Jahre nach seiner Erbauung inzwischen bestellt war. Schlaglöcher gefühlt in der Größe Goriens und Pfützen, in der man womöglich eine Pottwalschule hätte halten können, waren keine Seltenheit. Und wer einfach nur von Vinsalt nach Aldyra wollte, der nutzte eben die am anderen Ufer gelegene Yaquirstraße. Diese zweispurige, mit solidem Pflasterstein geradezu tapezierte und durch Jahrtausende der steten Nutzung flach und glatt gewalzte Straße ermöglichte gerade bei den zu erwartenden Schauern eben doch ein ganz anderes reisen als die bisweilen durchaus holprige Rondrastraße. Aber so war es nun mal aktuell mit der Via Rondra. Und dennoch waren die ersten Fuhrwerke auf ihr unterwegs.
Natürlich brachte das der aktuelle Kalender auch mit sich. Es war Praiostag und Anfang Travia war auch hier die Zeit der Erntedankfeste. Allein in dieser Region hatten die Bürger von Madadâl und Dorash ihre Marktplätze mit bunten Fahnen und Ährengedecken geschmückt und mit Tischen und Bänken belegt, auf dass die ganzen Dörfer der Herrin Peraine danken durften. Und dann war da natürlich noch der Eintopf-Wettbewerb in Marlamis. Entsprechend transportierten viele Fuhrwerke nun Wein, Obst, Fleisch oder Tuche die Straße entlang, wissend, dass sie in diesen Dörfern gute Abnehmer finden würden. Die meisten Wagen jedoch fanden ihr Ziel an einer Villa vor den Toren des kleinen Dörfchens Alentino.
Das kleine Örtchen im Schatten des großen Aldyras zählte keine zweihundert Einwohner. Ähnlich wie die Via Rondra schien auch Alentino schon bessere Zeiten erlebt zu haben. Wen wunderte es, die meisten, die hier lebten, taten dies aus der Aufgabe heraus, das nahe gelegene Palazzo Alentino zu bewirten. Die ältesten unter ihnen erinnerten sich noch daran, wie das Haus Firdayon hier einst eine kleine Burg aus den Zeiten der Theaterritter hielt.
Geradezu schicksalhaft war da der 7. Travia 1013 BF, als im weit entfernten Bornland der dortige Adelsmarschall [[Jucho von Dallenthin|Jucho von Dallenthin und Persanzig in seinem Amt abgewählt und als “Sonderbotschafter auf Lebenszeit” ins Horasreich komplimentiert wurde. Er kaufte die kleine Burg, ließ sie niederbauen und erstellte stattdessen auf dessen Boden eben jenes Yaquirschlösschen, unweit der Treidelpfade des Yaquirs.
Jucho ließ es sich an diesem Ort dann wahrlich gut gehen. Bald schon wandelte er seinen bornischen Herzogentitel selbstgefällig in “Granduco” ab. Sein Palazzo Alentino wurde zum Sinnbild rauschender und überschwänglicher Feste und wahrlich wirkte es, als hätte die spätbosparanische Dekadenz Einzug in das kleine Dorf erhalten. Im Jahr 1028 dann hatte das Lotterleben des “Großherzogs” ein vorübergehendes Ende gefunden. Jucho, welcher sich seither dann auch von d’Alentino-Firdayon nannte, schien durch den Tod Kaiserin Amene III. einen großen Befürworter seines Treibens verloren zu haben und verkaufte noch im gleichen Jahr das Palazzo an eine bis dato völlig unbekannte Frau namens Auriphasane dyr Alantinos, nur um danach ins Bornland zurück zu kehren.
Die ganze Aktion wirkte arg dubios. Wie aus dem Nichts aufgetaucht, zahlte sie ihrem ‘entfernten Verwandten’ einen ungenannten Preis, um den Palazzo übernehmen zu können – und wurde dabei von ihm wohl recht übers Ohr gehauen. Doch das schien die lebenslustige Exzentrikerin wenig zu kümmern, die
ihr Gesicht tagaus tagein unter einer reich mit Saphiren und Rubinen geschmückten Maske versteckte, als wäre sie ein unablässiger Mummenschanz. Dazu gehörte auch ein überaus protzig geschmückter Stab, als wäre sie eine Magierin. Diskrete Nachfragen ergaben aber, dass sie keinerlei Ahnung von Magietheorie oder Praxis hatte. Es war sehr viel Schein bei Auriphasane, offensichtlich nur mit dem Ziel, sich nach und nach weiter hoch in die Hierarchie des Adels zu turteln.
Die Frau pflegte entsprechend über einen kurzen Zeitraum die ein oder andere Affäre mit Mitgliedern der hohen Gesellschaft, bis die Perucetten-Verschwörung nur ein Jahr später alle Träume der Signora in Luft aufgehen ließ. Wieder wechselte der Palazzo den Besitzer, hin zu einem der Helden des Thronfolgekrieges im Jahr 1030 BF.
Von hieran wurde es ruhiger und bodenständiger im Palazzo Alentino. Der neue Besitzer war kaum anwesend, da er weiter dem Heldenleben nachging. Immer wieder gab es Gerüchte, der neue Herr von Alentino hätte bei Paavi einen Drachen erschlagen oder auf Benbukkula gegen eine Achtköpfige Schlange gekämpft, in Uthuria mit einem Eloko gerungen oder im Reichsforst die Elfenstadt Simyala erkundet. Doch am Ende verklangen auch diese Gerüchte und man hörte vom Helden überhaupt gar nichts mehr. Bald vergaß man, dass der Palazzo überhaupt einen Besitzer hatte. Die Bewohner von Alentino taten nur noch das notwendigste, um das Yaquirschlösschen vor dem Verfall zu erhalten, doch alles sah danach aus, als würde Palazzo Alentino nicht mehr viel mehr als eine fast in Vergessenheit geratene Fußnote der Geschichte.
Bis eine Nachricht Anfang des Jahres 1048 BF wie Donnerhall in der Region einschlug. Jucho von Dallenthin war zurück! Seit dem Jahr 1040 BF galt er eigentlich als irgendwo im Walsach verschollen, nun aber wäre er wieder da und wolle er in seine Wahlheimat zurückkehren und dort seine Memoiren veröffentlichen! Bald schon stand eine alte Signora vor den Toren der Anlage und stellte sich als Signora Pamminka Plodziejsklis aus Plötzingen bei Rivilauken vor, ihres Zeichens die Rechte Hand des Großherzogs und schon mal vorab her gesendet, um seine feierliche Rückkehr vorzubereiten.