Archiv:Neue Tempel für Efferdas (BB 49)

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Neue Tempel für Efferdas
von Damaxis di Minelli

Schwere Zeiten liegen hinter den Bürgern von Efferdas, doch nun beginnt eine Ära des Wiederaufbaus. Wo Erdbeben und die Feuer des Thirindar-Putschversuches an den Namenlosen Tagen des Jahres 1044 BF bittere Ernte hielten, entstehen an immer mehr Orten neue Heimstätten. Besonders die Dienste des Baumeisters Avincenzo Pecuna waren in den vergangenen beiden Jahren derart gefragt, dass dem einstigen Schüler des in jenen Tagen verstorbenen Arnax Silberfinger inzwischen das Tor zum Nobile weit offensteht. Auch der neue große Lastenaufzug, der neben schwerem Gut nun auch Personen vom Hafengebiet die Klippe hinauf ins Quarto Novo befördert, bringt vielen eine enorme Erleichterung.

Doch nicht nur baulich wandelt sich die Stadt – auch im Geistigen entstehen neue Räume. In Efferdas ist dies durchaus bemerkenswert, wandten sich die Bürger doch bislang in nahezu allen Lebenslagen zuerst an die Efferdkirche. Geweihte Borons, Peraines, Travias, Tsas, Rondras oder Praios’ suchte man hier meist vergebens. Nicht etwa, weil der Glaube an die Zwölfe anders gelebt würde als andernorts; vielmehr sahen die meisten Bewohner lange keinen Anlass, für ihre Anliegen andere Vertreter als jene Efferds aufzusuchen.

Inzwischen jedoch ist Efferdas mehr denn je ein Schmelztiegel der Kulturen, und vor allem die dringend benötigten Zugezogenen bringen neue Impulse. Ein prägnantes Beispiel ist der Umbau des alten Leuchtturms auf der nördlichen Landzunge der Bucht. Durch den Niedergang vieler Patrizierfamilien – wie der Changbari oder Kanbassa – bot sich anderen Geschlechtern die Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg. Die Familie Pecuna wurde bereits genannt; auch die Segelmacher der Familie Ventargento konnten in Efferdas Fuß fassen. Die Praiosgeweihte Nevinia Ventargento bemühte sich seither, den Gläubigen ihres Gottes eine Heimstatt zu schaffen, und ließ den Leuchtturm in einen kleinen Tempel umwandeln.

Alteingesessene Efferdier suchen weiterhin die Nähe des Efferdtempels, doch gerade für die vielen neu zugezogenen Zyklopäer ist der Leuchtturm nun ein willkommener Ort, ihrem kulturell seit jeher verankerten Praiosglauben nachzugehen. Dass sich die zyklopäische Glaubensauslegung teils deutlich von der Lehre Nevinia Ventargentos unterscheidet, dürfte künftig noch Stoff für so manche Geschichte liefern. Immerhin ist der Wille zum Dialog vorhanden. Die neu ansässige Werftfamilie d’Antara hingegen, fest im Glauben an die Herrin Travia verwurzelt, tut sich bislang schwer damit, nahezu keine Glaubensgenossen vorzufinden. Sie sammeln für einen Traviatempel oder zumindest einen Schrein – doch die Resonanz bleibt bislang verschwindend gering.

An anderer Stelle hingegen gilt der Neubau eines Tempels als Selbstverständlichkeit. Durch die Taten des Unholds Serafanos Thirindar fiel der alte Rahjatempel den Flammen zum Opfer; sein Wiederaufbau wurde im Senat in bemerkenswerter Einmütigkeit und Schnelligkeit beschlossen. Der Standort jedoch war umstritten. Da sich unter dem alten Tempel offenbar ein Unheiligtum befunden hatte, erschien dieser Ort für eine erneute Bebauung ungeeignet.

Schließlich entschied man sich für die „Höhle der Helden“ hinter dem Wasserfall – jenen Ort, an dem die Retter der Stadt einst zusammenkamen, um die Republik zu bewahren. Dort soll nun der neue Tempel der Liebesgöttin entstehen – an einem Platz von außergewöhnlicher Schönheit, der wohl im gesamten Horasreich seinesgleichen sucht. Zu Füßen des Efferd heiligen Meeresgartens wird eine steinerne Treppe die Klippe hinaufführen; hinter dem Wasserfall soll eine Brücke den Liebenden Einlass gewähren. Der Weg setzt sich weiter hinauf zum Villenviertel fort und schafft so einen zweiten Zugang. Tatsächlich scheint die Rahjakirche den Ort zugleich als Anziehungspunkt für Tsajünger zu verstehen: Pfauen sollen dort heimisch werden, deren Pracht und Anmut beiden Göttinnen gleichermaßen nahe stehen.

Der Platz des ehemaligen Tempels hingegen bleibt künftig unbebaut. In der Stadt des heiligen Parvenus ist man sich bewusst, dass ein derart gefährlicher Ort nicht ohne Sicherung bleiben darf. Man fürchtet die Rückkehr jenes Daimons, der an den Namenlosen Tagen 1044 BF über Efferdas kam. Da man jedoch inzwischen weiß, wie er in Schach zu halten ist, soll auf dem Gelände ein der Herrin geweihter Garten entstehen – mit Rosen, Efeu, Olivenhainen, Lavendel, Feigen- und Apfelbäumen. Über allem wird eine gewaltige Liebeslinde thronen, deren tiefreichendes Wurzelwerk den Dämon für mindestens tausend Jahre bannen soll. Ihre Krone wird so mächtig sein, dass sie sowohl von See aus als auch vom Binnenland her schon aus meilenweiter Entfernung sichtbar sein wird.

All dies wird den Bewohnern helfen, neuen spirituellen Frieden zu finden. Zugleich wird die Hafenstadt in der Coverna nicht nur schöner, sondern – ganz ihrem Wesen entsprechend – auch ein Stück einzigartiger.

DM