Drahtzieherei
Die Drahtzieherei ist eine bedeutende Manufaktur im Stadtteil Corderia von Sewamund. Sie liegt zwischen der Seilerei, dem Ingerimm-Tempel St. Stordian und dem Übergang zum Schilderquartier und gilt als eines der fortschrittlichsten Gewerbe der Stadt. Nicht wenige Besucher sprechen von einer „Werkstatt der Renascentia“.

Hier werden Drähte unterschiedlichster Stärke aus Eisen, Stahl, Kupfer, Bronze und Messing hergestellt. Die Erzeugnisse finden Verwendung im Schiffbau, in der Feinmechanik, der Architektur und der Waffenherstellung.
Die Werkstätten wurden bis 1046 BF von der aus Grangor stammenden Familie da Vigiani betrieben. Während Sewamund seit dem Wirken des Stordian von Sewamund für Seilerei bekannt ist, gewann die Drahtverarbeitung erst in jüngerer Zeit an Bedeutung. Mit zunehmender Größe der Handelsschiffe und den steigenden Anforderungen an Hafenkräne, Winden und Hebevorrichtungen suchten Schiffbauer nach haltbareren Materialien als etwa Hanf. Die Familie da Vigiani erkannte die wirtschaftlichen Möglichkeiten und errichtete mit Unterstützung der Ingerimm-Geweihtenschaft nahe der Seilerei die Drahtzieherei. Holz, Wasser, Kohle und Arbeitskräfte stehen hier unmittelbar zur Verfügung, zugleich können die Handwerker mit Seilern und Schmieden zusammenarbeiten. Anfangs begegneten viele Meister der Seilerzunft der Technik mit Misstrauen, manche bezeichneten Drahtseile gar als „kalte Seile“, denen eine Seele fehle. Heute arbeiten beide Gewerke meist partnerschaftlich zusammen. Die Seilerzunft beobachtet die Entwicklung mit vorsichtigem Interesse. Manche Meister sehen darin die Zukunft des Handwerks, andere halten unbeirrt am Hanfseil fest.
Nachdem die Familie da Vigiani ihren Lebensmittelpunkt nach Selshed verlegte, wo sie weiterhin Drahtzieherei betreibt, blieb die Sewamunder Manufaktur bestehen. Zwischen beiden Standorten entwickelte sich ein freundschaftliches, bisweilen aber auch erbittertes Konkurrenzverhältnis. Während Selsheder ihre Drähte als besonders präzise und gleichmäßig rühmen, verweisen Sewamunder auf jahrzehntelange Erfahrung und enge Zusammenarbeit mit der Seilerei. Händler sprechen augenzwinkernd von den „zwei Enden desselben Drahtes“.
Die Drahtzieherei ist das längste Gebäuden der Stadt. Der Backsteinbau wird von hohen Fenstern durchzogen, die den Werkhallen ausreichend Licht spenden. Im Inneren verlaufen die Ziehbänke über die gesamte Gebäudelänge. An der westlichen Stirnseite befinden sich Schmiede, Lager und Kühlbecken. Daneben schließen sich Kohlenlager, Materialvorräte und Werkstätten an.
An den Ziehbänken werden erhitzte Metallstäbe durch immer kleinere Ziehplatten gezogen, bis der gewünschte Durchmesser erreicht ist. Je nach Verwendungszweck entstehen feine Kupferdrähte für Instrumentenbauer, Eisendrähte für Ketten- und Nagelschmiede, Bronzedrähte für Kunsthandwerker, stärkere Stahldrähte für Hebevorrichtungen und Drahtlitzen für experimentelle Drahtseile. Die Fertigung verlangt große Präzision und körperliche Kraft. Wasserräder treiben Hämmer, Blasebälge und Schleifwerke an. Die Geweihten des Ingerimm-Tempel St. Stordian begleiten die Entwicklung neuer Werkstoffe und Verbindungstechniken aufmerksam. Gemeinsam träumen Seiler und Drahtzieher derzeit noch von Verbundseilen, bei denen Hanffasern und Metalldrähte miteinander verflochten werden. Solche Konstruktionen versprechen höhere Tragkraft und größere Widerstandsfähigkeit gegen Feuchtigkeit. Noch gelten diese Erzeugnisse als Zukunftsmusik. Sie sollen hauptsächlich bei Hafenkränen, Hebemaschinen und besonderen Schiffskonstruktionen Verwendung finden.
Die Gesellen der Drahtzieherei behaupten scherzhaft, ihre Drähte seien so fein gezogen, dass selbst ein Phexgeweihter daran seine Geldbörse aufhängen könne, ohne sie wiederzufinden. Unter Lehrlingen hält sich der Brauch, den ersten selbst gezogenen Draht zu einem kleinen Ring zu biegen und als Glücksbringer aufzubewahren.
Volkes Stimme
„Früher band man die Welt mit Hanf zusammen. Heute versucht man es mit Draht.“
— Meister der Seilerzunft
„Die besten Drahtzieher sitzen nicht an der Ziehbank, sondern im Lilienrat.“
— beliebter Scherz im Rauchsalon Meridiana
„Wenn einer in Sewamund ein Rad dreht, zieht irgendwo ein anderer den Draht.“
— Hafenweisheit
„Ein guter Drahtzieher reißt keinen Draht, und keine Freundschaft.“
— Ingerimmgeweihte des Tempels St. Stordian