Sewamunder Seilerei

Die Seilerei ist einer der ältesten und bedeutendsten Handwerksbetriebe Sewamunds. Sie liegt im Stadtteil Corderia zwischen dem Ingerimm-Tempel St. Stordian, der Drahtzieherei und der Holzmühle und bildet seit Jahrhunderten das Herz der regionalen Tauwerkherstellung. Gemeinsam mit der Drahtzieherei steht die Seilerei aber ganz im Zeichen des Fortschritts. Während andernorts noch jedes Seil einzeln gefertigt wird, entstehen hier ganze Serien genormter Tauwerke für Handel, Schifffahrt und Hafenanlagen.
Die Geschichte der Seilerei ist untrennbar mit dem Wirken des Heiligen Stordian verbunden. Der Überlieferung nach soll er die Seile für das Schiff des legendären Kapitäns Sanin gefertigt haben. Sein Wissen gab er damals an die Fischer weiter, die es nun vermochten, Hanffasern zu besseren Tauen zu verspinnen. Dabei entwickelte er den berühmten stordischen Knoten. Ob die Erzählung gänzlich stimmt, ist umstritten; unbestritten ist aber, dass Sewamund seit Jahrhunderten für hervorragende Seile bekannt ist. Mit dem Ausbau des Handelshafens und der Gründung der Deganowerft wuchs die Seilerei stetig. Die langen Reeperbahnen auf der Neutorstraße, auf denen die Fasern verdrillt werden, prägten bald das gesamte Viertel, das nach ihnen den Namen Corderia erhielt (vom bosparanischen corda, dem Seil). Die Seilerei arbeitet eng mit der benachbarten Drahtzieherei zusammen, wo neuartige Drahtlitzen entstehen, aus denen gemeinsam mit Hanffasern belastbare Verbundseile gefertigt werden. Noch gelten sie als teuer, doch manche Schiffbauer sehen in ihnen die Zukunft.
Die Seilerei besteht weniger aus einem einzelnen Gebäude als aus einem weitläufigen Werkhof. Den Mittelpunkt bilden mehrere außergewöhnlich lange Reeperbahnen, schmale überdachte Arbeitsgänge, die sich über fast die gesamte Länge des Geländes erstrecken und manchmal einfach die Neutorstraße mit benutzen. Hier werden die Hanffasern ausgezogen, verdrillt und zu Seilen unterschiedlichster Stärke verarbeitet. Schon von weitem ist der typische Duft aus Hanf, Pech, Holz und heißem Teer wahrzunehmen. Die verwendeten Hanf- und Flachsfasern stammen überwiegend aus den Gebieten der Vereinigten Sewaklande. Nach dem Reinigen und Hecheln werden sie zu Garn versponnen. Anschließend entstehen auf den Reeperbahnen durch das Verdrillen zunächst Litzen und dann vollständige Taue. Zum Schluss werden viele Seile mit heißem Teer behandelt, um sie widerstandsfähiger gegen Feuchtigkeit und Salzwasser zu machen.
Die Sewamunder Seilerzunft wacht streng über Maße, Materialqualität und Verarbeitung. Jedes fertiggestellte Tau erhält ein kleines Bleisiegel mit dem Zunftzeichen. Stolz sind die Meister auf ihre Knotenkunde. Ein Geselle darf erst Meister werden, wenn er mehrere Dutzend Knoten fehlerfrei vorführen und ihre Verwendung erläutern kann. Unter den Lehrlingen hält sich der Brauch, den ersten selbst gespleißten Tampen heimlich unter das Kopfkissen zu legen. Dies soll geschickte Hände und ruhige Nerven verleihen. Ein Scherz der Meister besteht darin, neue Gesellen zum Lager für linksgedrehte Seile zu schicken. Wer danach sucht, gilt als frischgebackener Lehrling. Im Verwaltungsgebäude wird ein kunstvolles Tau aufbewahrt, der Meisterknoten. Es handelt sich um ein Schaustück, in das über fünfzig verschiedene Knoten eingearbeitet wurden. Lehrlinge müssen sämtliche erkennen und benennen können. Scheitern sie, beginnt der Unterricht von vorn.
Die Seilerei arbeitet eng mit zahlreichen Betrieben der Stadt zusammen. Die Holzmühle liefert Hölzer für Spulen und Winden, die Drahtzieherei produziert Drahtlitzen für Verbundseile, während die Degano-Werft zu den größten Abnehmern der Tauwerke zählt. Auch das Herzog-Cusimo-Colleg nutzt die Werkstätten, um Kadetten den Aufbau der Takelage und das Spleißen von Seilen zu lehren. Die Geweihten des Ingerimm-Tempels segnen die erste gefertigte Ankertrosse des neues Jahres.
Volkes Stimme
„Ein Schiff ist nur so gut wie das Seil, das seinen Mast hält.“
— Kapitänin der Nordmeer-Compagnie
„Der Zimmermann baut das Schiff. Der Seiler entscheidet, ob es heil wiederkommt.“
— Sprichwort der Werftarbeiter
„In Sewamund werden selbst Streitigkeiten sauber verschnürt.“
— Geron Einhand
„Ein schlechter Knoten hält bis zum ersten Sturm. Ein guter bis zur nächsten Generation.“
— Meister der Seilerzunft
„Wer in Corderia an einem Seil zieht, bewegt damit gleich drei Handwerke.“
— Ingerimm-Geweihter