Briefspiel:Von Loslassen, Neubeginn und Wundern/Ein Weg endet
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Ein Weg endet
Was war das nur für ein Wahnsinn gewesen?
Wie bei den Zwölfen konnte das alles nur so eskalieren, dass sich zwei seit Generationen befreundete Familien schlussendlich gegenseitig totschlugen?
Es waren seit der Bestattung der Toten bereits acht Tage vergangen und Floria Gerber hatte eine Entscheidung getroffen.
Nun stand sie vor der versammelten Familie des Zweiges der Gerber, die von Ingalf abstammte und ihren Sitz nahe Ranaqídes auf dem Gut Casa della Fiore hatte, sowie deren Bediensteten – zumindest vor denen, die von Familie und Personal den Irrsinn überlebt hatten und nicht ans Krankenbett gebunden waren.
Mit traurigem Blick sah sie jeden der hier Versammelten einen Moment an, ehe sie kurz seufzte und dann zu Sprechen begann: “Meine Lieben, ich danke euch allen sehr für euer Kommen. Es war eine schlimme Zeit, aber langsam kehrt die Normalität zurück. Auch wenn wir die Schrecken und den Verlust von lieben Menschen niemals vergessen werden. Gerade den Toten sind wir es allerdings schuldig zu Leben. Sie wurden von Boron in seine Hallen gerufen, es ist jetzt an uns, ihre Träume, Wünsche und Hoffnungen wahr werden zu lassen.”
Erneut wanderte ihr Blick über die Anwesenden. Blicke voller Trauer, Unverständnis und ja, sogar Wut begegneten ihr, aber in den meisten lag auch ein Funken Hoffnung und Zuversicht.
“Nun da auch mein geliebter Mann, Ingalf Gerber, auf Golgaris Schwingen über das Nirgendmeer getragen wurde, wird künftig mein lieber Schwiegersohn Ludovigo die Leitung von Gut Casa della Fiore übernehmen. Die offizielle Bestellung als Verwalter wird in den nächsten Tagen folgen. Ihm zur Seite wird sein Schwager Borondino stehen.”
Voller Stolz und Zuversicht blickte die Halbelfe die beiden Männer an.
Zustimmendes Gemurmel war zu vernehmen, welches sofort verstummte, als die Tsa-Geweihte erneut die Stimme erhob: “Auch meine Aufgaben werden künftig auf anderen, jüngeren Schultern ruhen!” Ihr Blick wanderte zu einer großen, kräftigen Rotblonden. “Meine liebe Isoradiora, du hast alles, was ich dich lehren konnte, wie trockenes Moos das Regenwasser aufgesogen und in dir gespeichert. Du wirst viele Kinder an das Licht Deres geleiten und Kranken und Verletzten Linderung bringen. Die ewig Junge ist dir gewogen und du bist eine tolle Akoluthin.”
Die Fleischerstochter errötete ob des Lobes ihrer Schwiegermutter.
Erneut sah die Tsa-Geweihte in die Runde, dann erhob sie zum vierten Mal das Wort: “Auch meine Zeit hier auf dem Gut und auch in der Republik Efferdas endet nun. Eigentlich wollte ich meine Schritte zurück in meine Heimat, zurück nach Ragath lenken, sehen, ob dort noch jemand aus meiner Familie lebt, und dann weiter nach Punin, wo ich dem Regenbogentempel, jenem Tempel, in dem ich mein Noviziat verbracht und meine Weihe erhalten habe, beitreten wollte. Doch die ewig Junge hat anderes mit mir vor. So werde ich, ihrem Willen folgend, meine Schritte nach Urbasi lenken und mich dem dortigen Tempel der jungen Göttin anschließen.”
Es wurde unruhig auf dem Platz, man konnte das Unverständnis, ja zum Teil gar Unwillen förmlich spüren.
Floria hob die Hände, murmelte ein paar Worte und der Platz wurde in ein angenehmes, oranges Licht gehüllt, die Luft war plötzlich von Honigduft und Vogelgezwitscher erfüllt, Ruhe kehrte ein. Die Versammelten erfasste eine Woge des Glücks, des inneren Friedens und der Zuversicht.
“Es ist nicht an uns zu entscheiden, ob wir gehen oder bleiben, allein die Götter fügen alles Werden, alles Sein und alles Vergehen. Es mag uns oft scheinen, wir folgten allein unserem eigenen Willen, doch vertraut darauf, die Saat zu jedem Entschluss wurde von einer Gottheit gelegt. Wer Großes vollbrachte, hat sich stets ganz in die Hand einer oder auch mehrerer Gottheiten gegeben und so sollt auch ihr darauf vertrauen, dass die Alveranischen euch führen, und wenn ihr stets reinen Herzens und voller guter Absicht seid, dann wird euch alles gelingen.”
Auf Veranlassung Ludovigos wurde am Abend ein Fest zu Ehren Tsas gefeiert – und um Abschied von Floria zu nehmen, denn niemand konnte sagen, ob man sich je wieder sehen würde.