Briefspiel:Von Loslassen, Neubeginn und Wundern/Ein wegweisendes Gespräch

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Briefspiel in Efferdas und Urbasi
Datiert auf: zunächst Sommer, später beginnender Frühling 1045 BF Schauplatz: v.a. Tsa-Tempel in Urbasi Entstehungszeitraum: bis Sommer 2026
Protagonisten: Floria Gerber, Tsadano ya Malachis u.w. Autoren/Beteiligte: Bella, Cassian, Djamilla, Gerberstädter, Gonfaloniere, Luntfeld, Salkyo
Zyklus: Übersicht · Ein Weg endet · Auf der Reise · Ein neues Heim? · Ein wegweisendes Gespräch · Tag der Erneuerung I · II · III · IV · V


Ein wegweisendes Gespräch

Wiederholter Gast im Tsa-Tempel: Tsadano ya Malachis

Eines Tages sprach Floria den drahtigen, schwarzhaarigen Jungen, der ihr schon eine Zeit lang aufgefallen war, an.
“Guten Abend, junger Freund, ich begrüße dich im Namen der Ewigjungen in unserem kleinen, aber schönen Tempel! Ich bin die Vertraute der Eidechse Floria, aber nenn mich bitte Floria! Mir ist aufgefallen, dass du sehr regelmäßig kommst und unseren Gesprächen und Erzählungen lauschst. Vor allem ist mir aufgefallen, wie konzentriert und interessiert du zuhörst. Wie ist dein Name, mein junger Freund?”
Mit einem offenen und sehr warmherzigen Lächeln blickte sie den jungen Mann an.

Im ersten Moment war Tsadano verblüfft, aber dann erwiderte der Zwölfjährige das offene Lächeln der freundlichen Geweihten. Elegant machte er eine ehrerbietige Verbeugung, wie es ihm seine Hauslehrer beigebracht hatten. Oft hatte er dieses Wissen bisher nicht anwenden können, denn zu Hause in Marudret wurde Etikette nicht all zu groß geschrieben, und in der Stadt weilte er erst seit vier Wochen und hatte noch an keinen gesellschaftlichen Empfängen teilgenommen. Allerdings suchte er mittlerweile regelmäßig dieses kleine Haus der jungen Göttin auf, besonders seit er herausgefunden hatte, dass die beiden Geweihten Geschichten über ferne Länder und exotische Orte erzählten.
“Tsa zum Gruß , euer..”, schnell unterbrach sich Tsadano und schluckte das 'Gnaden' herunter. “... Floria. Ich bin Tsadano ya Malachis. Eigentlich stamme ich aus Marudret, aber ich besuche zur Zeit meinen Großvater und meine Tante in Agreppara.”

Als sich der junge ya Malachis so elegant verbeugte, erwiderte die Geweihte diese Ehrerbietung.
“Oh, Marudret, wie schön! Ich war dort vor vielen Götterläufen für einige Götternamen als Gastdozentin an der Akademie der Kunst und Kultur. Ein schönes Fleckchen, lässt sich gut Leben.”
Nachdenklich sah sie gen Alveran.
“Ya Malachis! hmmm…. wenn ich mich recht entsinne, zählt deine Familie zu den Förderern der Akademie. Ja, Kunst und Kultur sind wichtige Elemente unserer Gesellschaft und werden leider in den nördlichen Teilen Deres viel zu wenig geachtet.”
Einen Moment schien sie in Gedanken versunken ehe sie plötzlich fortfuhr: “Ich selbst weile erst seit einigen Wochen in Urbasi und hier im Tempel.”
Sie betrachtete den Jüngling einen Augenblick.
“Tsadano, ein schöner Name, ist deine Familie der Jungen Göttin sehr verbunden?” Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: “Fühlst du dich der Jungen Göttin in besonderer Weise zugetan?”
Mit großem Interesse musterte sie den Jungen und seine Reaktion.

Kurz überlegte Tsadano, welche der Fragen er zuerst beantworten sollte, und entschied sich bei seiner Familie anzufangen.
“Die Akademie unterstützen wir immer noch. Eine meiner Tanten ist sogar die Leiterin. Irgendwie hat fast jeder in meiner Familie ein Talent für Musik oder Malerei, das bringt uns der Tsa bestimmt nahe, oder? Aber Hesinde wird auch sehr verehrt bei meiner Familie. Meine Mutter hat mir immer erzählt, ich wäre ein Geschenk der jungen Göttin und dafür ist sie ihr auf ewig dankbar, weil ich das beste Geschenk war, dass sie je bekommen hat.”
Bei dieser Aussage musste Tsadano grinsen und zuckte die Schulter.
“Das sind ihre Worte, nicht meine! Ich liebe Tiere und halte nicht viel von Streit. Aber ich habe mich noch nicht so genau gefragt, welchem der Zwölfe ich mich verbunden fühle.”
Sein Grinsen wurde zu einem entschuldigenden Lächeln und die Geweihte spürte, wie die offene Mimik und Gestik des Jungen sie berührte. Der Knabe hatte eine Art an sich, die ihn ungemein sympathisch machte. Aber Floria konnte nicht genau definieren, woran das lag.
“In Marudret gibt es keinen Tsa-Tempel, nur einen des Herrn Efferd und der Herrin Travia. Seit ich hier bin, habe ich alle Götterhäuser schon besucht, die Urbasi hat, hier gefällt es mir aber definitiv am besten.”
Tsadano blickte sich mit einem glücklichen Lächeln in der Tempelhalle um.
“Es ist farbenfroh, ohne grell zu sein, es ist gemütlich, aber je nach dem Lichteinfall ändert sich die Umgebung und alles sieht wieder neu aus. Ich sitze gerne hier und beobachte die Veränderung und noch lieber lausche ich dabei euren Geschichten. Dabei komme ich ins Träumen ... und anders als im Unterricht ist das hier erlaubt.”

Floria gefiel der Junge zunehmend, er hatte etwas Erfrischendes, Leichtes.
“Der Ewigjungen sind alle jene, die kreativ sind, etwas Neues erschaffen und Freude in die Herzen anderer Lebewesen tragen, sehr nahe.”
Bei Tsadanos Erklärung für seinen Namen musste die Halbelfe schmunzeln, meinte dann aber doch sehr ernst: “Deine Mutter muss wohl sehr lange auf die Erfüllung ihres Kinderwunsches gewartet haben! Kein Wunder, dass sie dich als Geschenk der Jungen Göttin betrachtet.”
Tierliebe und eine Abneigung gegenüber Streitigkeiten waren in der Tat nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Diener Tsas.
“Nun wir Tsa-Geweihten sind zwar sehr auf die Wahrung von Frieden und Harmonie bedacht, deswegen keineswegs Feiglinge. Wir streiten mit Argumenten aus Worten und nicht aus Holz und Stahl. Ich möchte den Anderen mit meinen Worten überzeugen und nicht auf ihn einschlagen, bis er sich meiner Meinung fügt oder tot ist. Sich für seine Ideale einzusetzen und Widerstand zu leisten erfordert immer Mut und meist einen sehr langen Atem, wenn man dabei auf Gewalt verzichtet.”
Sie hörte dem Jungen weiter interessiert zu. Es war so herrlich viel gute, positive Energie in ihm und er verfügte über einen lebendigen und schnellen Geist.
“Weißt du, mein lieber Tsadano, es ist nicht so, dass wir uns die Gottheit erwählen, der wir dienen wollen, es ist eine Gottheit, die jene auswählt, die ihr von Art und Wesen für geeignet erscheinen, in ihrem Sinne wirken zu können.” Sie lächelte den Jungen aus Marudret aufmunternd an: “Aber es ist natürlich sehr von Vorteil, wenn man der Gottheit, die einen erwählt, ebenfalls zugetan ist. Und das Träumen ist hier nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht!”

“Oh, das habe ich mir gleich gedacht.”
Tsadano lächelte wissend.
“Das mit dem Argumente vertreten gefällt mir. Ich glaube, mein Großvater hat das gestern Abend bei meiner Mutter gemacht. Es ging um meine Initiation. Ich habe nicht absichtlich gelauscht, ich wollte mir ein Buch aus der Bibliothek holen und bin am Musiksalon vorbeigekommen, und als ich meinen Namen gehört habe, bin ich stehen geblieben. Findet ihr das schlimm?”

Versucht Wege aufzuzeigen ohne sie vorzugeben: Floria Gerber

Die Geweihte überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf.
“Nein, nicht schlimm. Es ging ja um dich und nicht irgendwen anderen. Hätten sich die Beiden über eine andere Person unterhalten, wäre es etwas anders gewesen, aber sie haben über dich gesprochen und da ist es dein gutes Recht zu erfahren, was da gesprochen wird. War es denn etwas Positives? Und welche Initiation?”
Interessiert blickte Floria Tsadano an.

“Wenn ich das richtig verstanden habe, dann wird man mit dieser Zeremonie erwachsen. Mein Großvater hat gesagt: 'Mastrade, der Junge ist zwölf, und damit kein Kind mehr, es wird Zeit, dass du das einsiehst, er muss seinen eigenen Weg gehen, er kann nicht ewig dein kleiner Junge bleiben.' Meine Mutter hat gesagt, dass sie das selber wüsste und er sie nicht wie ein Kind behandeln solle. Ich habe mir so gedacht, es ist doch egal wie alt man ist, Kind bleibt man doch einfach immer, so lang man Eltern hat. Und ich habe nichts dagegen noch eine Weile der 'kleine' Junge von meiner Mutter zu sein, wenn es sie glücklich macht. Erwachsen kann ich doch noch lange genug sein, das läuft ja nicht weg.”

“Nun, mein guter Tsadano, du hast absolut Recht, man bleibt sein Leben lang das Kind seiner Eltern, aber man möchte nicht sein ganzes Leben wie ein Kind behandelt werden, oder?”
Sie blickte ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an.
“Möchtest du, dass deine Mutter dir sagt, was du anziehen sollst, was du essen darfst und was nicht, mit wem du sprechen darfst?”
Sie lächelte sanft.
“Solange du dich wohl fühlst, der kleine Junge deiner Mutter zu sein, ist es vollkommen in Ordnung. Tust du es, weil du denkst, dass sie es von dir erwartet und du das aber nicht möchtest, ist es nicht mehr in Ordnung. Denk immer daran, wir müssen unser eigenes Leben leben und können nicht das Leben anderer leben.”

Tsadano blieb die Antwort erst einmal schuldig und die Geweihte konnte sehen, wie der Jüngling über ihre Worte nachdachte. Sein Blick schweifte im Tempelraum umher und blieb letztendlich beim Standbild der Ewigjungen hängen.
“Ihr habt Recht”, räumte er schließlich ein. “Bis jetzt war es in Ordnung. Aber wenn ich jetzt genau darüber nachdenke, glaube ich, dass sich das gerade ändert. Es zieht mich jeden Tag hierher, weil ich hier nur ich bin. Ich weiß nicht, wie ich das Gefühl ausdrücken soll.”
Tsadano sah sein Gegenüber nun wieder direkt an mit einem leicht hilflosen Gesichtsausdruck.
“Ich bin bestimmt nicht gefangen und meine Mutter ist nicht streng, eher im Gegenteil, aber hier fühle ich mich frei. Ist das Erwachsen werden, fühlt sich das so an?”

Floria folgte Tsadanos Blick durch den Tempelraum und ging wieder zum Gesicht des Jungen. Sie konnte seiner Mimik ansehen, dass er begann zu erkennen, dass es alles andere als banal war. Die Geweihte hörte ihm verständnisvoll zu, ließ das Gesagte einige Augenblicke auf sich wirken, ehe sie antwortete.
“Nun Tsadano, ein Gefängnis ist nicht immer ein dunkles, modriges Verlies ohne Fenster, mit dicken, kalten Steinmauern und mit fauligem Stroh ausgelegt. Auch eine liebevolle, fürsorgliche oder bisweilen auch überfürsorgliche Mutter, die alles für einen tut, im Gegenzug aber vielleicht gewisse Erwartungen hegt, welche erfüllt werden müssen, da sie sonst traurig oder gar enttäuscht ist, kann sich wie ein Gefängnis anfühlen.”
Sie legte Tsadano freundschaftlich eine Hand auf die Schulter: “Es ist unglaublich wichtig für unsere Gesundheit und unsere Entwicklung, dass wir der Mensch sind, der in uns steckt und nicht versuchen, ein Mensch zu sein, den andere sich wünschen. Die Götter haben uns unseren eigenen, freien Willen gegeben, dass wir die Möglichkeit haben, das zu tun, was uns richtig und wichtig erscheint und dieses zu tun nennt sich Freiheit.”
Sie zog langsam die Hand zurück und lächelte ihn aufmunternd an: “Nun, erwachsen werden ist zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und zu seiner Meinung und seinen Handlungen zu stehen, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass sie falsch waren. Auch ist es ein Zeichen für Reife und Erwachsensein, seine Meinung anzupassen, wenn die Realität gezeigt hat, dass man sich geirrt hat. Es kostet oft sehr viel Mut, einen Irrtum zuzugeben, deswegen gibt es so unendlich viele Lügen in unserer Welt. Es fällt den Menschen leichter, die Unwahrheit zu sagen und sich die umständlichsten Lügengeschichten auszudenken, statt zu sagen: Tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht, ich habe mich geirrt. Ich entschuldige mich bei dir, dass ich dir Unrecht getan habe.”
Sie zuckte mit den Schultern.
“Ich habe schon Elfjährige erlebt, die erwachsener waren als ihre Eltern. Was zeigt, dass Alter nicht zwingend ein Zeichen für Erwachsensein ist.”

“Ich finde Entschuldigung sagen gar nicht schwer. Ich glaube aber, ich weiß was du meinst. Gerone ist so. Sie findet immer Gründe, warum sie nicht schuld ist, wenn etwas schief geht und gleichzeitig will sie aber immer bestimmen, was gemacht wird. Ich spiele nicht mehr gerne mit ihr. Sie will aber auch zur Garde, wie ihr Vater. Also Floria, du, ähm ihr, meint also ich soll meinen eigenen Weg gehen und mich für das entscheiden, was ich möchte? Und wenn ich das aber noch gar nicht weiß?”

Floria lächelte: “Das ist sehr löblich, dass du dich entschuldigen kannst, es spricht für einen starken Charakter, was man von Gerone nicht sagen kann.”
Das Lächeln wurde zum herzlichen Lachen.
“Oh ja, da passt Gerone gut hin. Beim Militär mögen sie Leute mit starkem Charakter so gar nicht, da haben sie lieber die, die kuschen und ohne groß zu überlegen den Befehlen folgen. Beim Militär möchte man Leute überhaupt nicht haben, die sich Gedanken machen, ob der Befehl sinnvoll ist, ob er auch zum Wohl des Befehlsempfängers ist und solche Dinge.”
Ihr Blick wurde ernsthaft. Sie überlegte einen Augenblick.
“Ich unterhalte mich gerne mit dir, Tsadano. Du stellst kluge Fragen. Das ist selbst bei Erwachsenen keine Selbstverständlichkeit.”
Sie nickte, um die folgenden Worte zu unterstützen: “Ja, Tsadano, du sollst eigene Wege gehen. Das heißt nicht, dass du jetzt immer das Gegenteil von dem tun sollst, was deine Mutter sagt, dass wir uns da richtig verstehen.”
Sie zwinkerte und lächelte kurz, als Zeichen, dass sie ihm diese Absicht nicht ernsthaft unterstellte, dann sprach sie mit nun wieder ernsthafter Miene weiter: “Aber du kannst und sollst auf dein Herz hören. Wenn es dir sagt: Oh das klingt toll! Dann mach es! Wenn dein Herz sagt: Hmmm, da hab ich mir noch nie Gedanken dazu gemacht! Dann probier es! Wenn dein Herz sagt: Nein das fühlt sich falsch an, das will ich nicht! Dann lass es! So treffe ich bis heute die allermeisten Entscheidungen.”
Dann grinste sie wieder: “Und wenn du möchtest, sag ruhig du zu mir, ich duze dich ja schließlich auch!”
Sie zwinkerte ihm erneut zu, dann klopfte sie sich auf die Schenkel: “Reden macht durstig, ich brauche etwas zu trinken. Kommst du mit? Kannst Arangen-, Apfel-, oder Traubensaft haben. Ziegenmilch und Wasser ist natürlich auch da.”
Die Tsageweihte erhob sich und deutete einladend in Richtung einer Tür.

“Sehr gerne. Ich habe tatsächlich Durst.”
Lächelnd stand Tsadano auf und folgte Floria.

Sie ließen den Abend bei einem Glas Arangensaft ausklingen und lauschten dabei dem Glasorgelspiel von Tilfur.