Sewamunder Hexenhaus

Das Hexenhaus ist ein altes Wohnhaus in der Altstadt von Sewamund, dessen Ruf seit Generationen größer ist als seine tatsächliche Bedeutung. Das unscheinbare Gebäude liegt in einer schmalen Nebengasse zwischen mehreren größeren Häusern und fällt vor allem durch seinen ungewöhnlich verwilderten Garten und den stets etwas überwucherten Dachfirst auf. Niemand scheint genau zu wissen, wem das Haus gehört. Ebenso wenig herrscht Einigkeit darüber, ob dort überhaupt dauerhaft jemand lebt. Dennoch kennt jedes Kind in Sewamund das Hexenhaus.
Über die Entstehung des Hauses erzählt man sich Geschichten. Eine besagt, dass es sich ursprünglich um das Wohnhaus einer Kräuterkundigen handelte, die bereits vor mehreren Jahrhunderten die Fischer und Handwerker der Altstadt mit Salben und Heiltees versorgte. Andere behaupten, das Gebäude sei einst Teil eines größeren Anwesens gewesen, dessen übrige Häuser verschwunden seien. Jeder der heute noch lebenden Sewamunder kennt den Namen Hexenhaus. Einen belastbaren Hinweis darauf, dass jemals eine Hexe dort gewohnt hätte, gibt es aber nicht.
Das Hexenhaus ist ein schmaler zweigeschossiger Backsteinbau mit steilem Dach. Sein auffälligstes Merkmal ist der kleine, von einer hohen Mauer umschlossene Garten. Er besitzt einen beinahe gleichen Ruf wie das Haus selbst. Dort wachsen verschiedenste Kräuter, Blumen, Kletterpflanzen und alte Obstbäume, deren Pflege sorgfältig wirkt. Die Fensterläden bleiben oft geschlossen. Gelegentlich berichten Nachbarn, hinter den Scheiben habe am Abend warmes Licht gebrannt, auch wenn es heißt, das Haus stehe seit Jahren leer. Beides scheint gleichzeitig möglich zu sein.
Wer im Hexenhaus lebt, bleibt unklar. Mal will jemand eine ältere Frau gesehen haben, die mit einem Korb voller Kräuter vom Markt zurückkehrte. Ein anderes Mal berichtet ein Nachbar von einem grauhaarigen Gelehrten. Wieder andere behaupten, dort wohne gar niemand. Bemerkenswert ist, dass das Haus stets einen gepflegten Eindruck macht. Dachziegel werden ersetzt, der Garten wird geschnitten, winters steigt gelegentlich Rauch aus dem Kamin. Aber niemand sieht denjenigen, der all dies erledigt.
Die Bewohner umliegender Häuser begegnen dem Hexenhaus mit Neugier, Respekt und Zurückhaltung. Kein Nachbar scheint sich daran zu stören, wenn mal ein Korb mit frischen Kräutern oder Äpfeln vor seiner Haustür steht, ohne dass jemand seinen Ursprung erklären könnte. Auch die Geweihten der Tempel sehen keinen Anlass zum Einschreiten.
Volkes Stimme
„Wenn man auch nicht weiß, wer dort wohnt, sollte man höflich grüßen. Schaden kann es nicht.“
— alte Marktfrau
„Es ist erstaunlich, wie viele Leute genau wissen wollen, dass dort niemand wohnt.“
— Chiranor Auenberger
„Jedes Kind kennt das Hexenhaus. Keines weiß warum.“
— Lehrer der Sewamunder Horasschule