Taliano ya Satara
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Taliano ya Satara, geboren 1030 BF, ist Folnors einziger Sohn und gilt innerhalb der Familie als deren liebenswerter Taugenichts. Für die Arbeit im Sägewerk besitzt er weder Geduld noch Begeisterung. Schon als Junge fand er stets einen überzeugenden Grund, sich vor dem Holzstapeln, Vermessen der Stämme oder Führen der Bücher zu drücken. Meist wurde er wenig später auf einem Weinfass sitzend, bei den Musikanten des Dorfes oder inmitten einer Schar begeisterter Kinder wiedergefunden.
Taliano ist ein auffallend gutaussehender junger Mann mit einem gewinnenden Lächeln, einer schlanken, geschmeidigen Gestalt und einer beinahe mühelosen Selbstsicherheit. Er kleidet sich gern etwas auffälliger, trägt sein Haar sorgfältig und versteht es ausgezeichnet, seine Vorzüge zur Geltung zu bringen. Besonders die Mädchen und jungen Frauen seines Alters sind ihm sehr zugetan. Taliano genießt diese Aufmerksamkeit sichtlich. Er verteilt Komplimente mit großer Leichtigkeit, dichtet kleine Verse, spielt Liebeslieder und versteht es, jeder Verehrerin für einen Augenblick das Gefühl zu geben, sie sei die einzige Person, die ihn wirklich verstehe. Seine Schwärmereien halten allerdings selten lange und sorgen regelmäßig für neuen Gesprächsstoff im Dorf.
Standesgrenzen interessieren ihn dabei kaum. Er flirtet ebenso unbekümmert mit einer Winzertochter wie mit einer jungen Händlerin oder einer adeligen Besucherin. Seine Familie fürchtet weniger, dass er niemals eine passende Ehefrau finden könnte, sondern vielmehr, dass er zuvor zu viele Versprechen gibt oder sich mit dem falschen Vater, Bruder oder Verehrer anlegt. Taliano besitzt ein ausgeprägtes Talent zur Unterhaltung. Er kann Geschichten erzählen, einfache Instrumente spielen, kleine Kunststücke vorführen und Stimmen sowie Gesten anderer Menschen erstaunlich gut nachahmen. Bei Festen in Satara tritt er gern als Sänger, Spaßmacher oder Darsteller auf. Zeitweise schließt er sich fahrenden Musikanten und Schaustellern an. Er hilft beim Aufbau ihrer Bühne, kündigt Vorstellungen an, spielt kleinere Rollen und versteht es hervorragend, ein Publikum anzulocken. Dank seines Aussehens wird er besonders gern als romantischer Held, junger Edelmann oder verführerischer Schurke besetzt. Allerdings fehlt ihm bislang die Ausdauer, sich dauerhaft einer Truppe anzuschließen. Sobald regelmäßige Proben, frühes Aufstehen oder längere Pflichten verlangt werden, zieht es ihn häufig zurück nach Satara – meist gerade dann, wenn sein Geld aufgebraucht ist oder eine seiner Bekanntschaften unangenehm ernst zu werden droht.
Seine Eltern
Folnor hält seinen Sohn für leichtfertig und wenig zuverlässig und fürchtet, dass Taliano mit seiner unbekümmerten Art eines Tages nicht nur sich selbst, sondern auch den guten Namen der Familie in Schwierigkeiten bringen könnte. Hinter seinem häufigen Ärger steckt jedoch vor allem Sorge um dessen Zukunft. Folnor möchte, dass sein Sohn lernt, Verantwortung zu übernehmen und auf eigenen Beinen zu stehen. Immer wieder hat er deshalb versucht, ihn durch die Mitarbeit im Sägewerk an regelmäßige Arbeit und feste Pflichten zu gewöhnen – mit eher überschaubarem Erfolg.
Schließlich schickte er Taliano zunächst zur weiteren Ausbildung nach Shenilo und mit fünfzehn Götterläufen zum Studium nach Methumis. Folnor hofft, dass ihm die Zeit in der Ferne jene Selbstständigkeit und Disziplin vermittelt, die er zu Hause bislang nur selten gezeigt hat. Für das spätere Quadrivium sieht er vor allem die Hesinde- und die Travia-Schule als geeigneten Weg für seinen Sohn: die eine der Tradition des Hauses entsprechend, die andere mit einer Ausbildung, die Taliano eines Tages bei den Geschäften der Familie von Nutzen sein könnte.
Alwene lässt sich von Talianos Charme erheblich weniger beeindrucken als die meisten anderen Menschen. Seine Ausreden erkennt sie gewöhnlich, bevor er sie vollständig vorgetragen hat, und auf seine schmeichelhaftesten Worte folgt nicht selten die ruhige Frage, ob er inzwischen auch die ihm aufgetragene Arbeit erledigt habe. Gerade weil sie nur selten laut wird, fürchtet Taliano ihren enttäuschten Blick beinahe mehr als die Wutausbrüche seines Vaters.
Zugleich erkennt Alwene deutlicher als Folnor, dass ihr Sohn durchaus Begabungen besitzt. Sie hält seine Leidenschaft für Musik, Schauspiel und Unterhaltung keineswegs für nutzlos, erwartet aber, dass er lernt, aus seinen Talenten etwas Dauerhaftes zu machen. Würde er sich ernsthaft einer angesehenen Schauspieltruppe oder einem festen Musikensemble anschließen oder seine musikalischen Neigungen eines Tages sogar zum Gegenstand seines Studiums machen, wäre sie vermutlich bereit, ihn darin zu unterstützen. Weniger Verständnis hat sie dafür, wenn Begeisterung und große Pläne ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie entstanden sind.
Taliano selbst ist dabei keineswegs faul. Für ein Lied, einen Auftritt oder einen besonders gelungenen Scherz kann er sich stundenlang vorbereiten und eine Ausdauer entwickeln, die seine Eltern bei anderen Aufgaben schmerzlich vermissen. Er setzt seine Kraft nur ausgesprochen ungern für Dinge ein, die ihm langweilig oder bedeutungslos erscheinen. Bei den Kindern der Familie ist er gerade deshalb ausgesprochen beliebt. Er bringt ihnen Lieder, Kartentricks und allerlei Unsinn bei und ist für manches verantwortlich, von dem ihre Eltern besser nichts erfahren.
Selbst Tolman kann sein Enkel gelegentlich zum Lachen bringen, wenngleich der Großvater dies in Folnors Gegenwart vermutlich niemals zugeben würde. Madalena wiederum durchschaut Talianos Tricks beinahe ebenso zuverlässig wie ihre Mutter. Dennoch hilft sie ihrem Bruder gelegentlich aus einer Schwierigkeit – gewöhnlich gegen das Versprechen, sich anschließend wenigstens für einige Tage nützlich zu machen.
Ausbildug
Taliano erhielt eine seinem Stand entsprechende Ausbildung und wurde im Alter von fünfzehn Götterläufen zum Studium nach Methumis geschickt. Seit 1045 BF besucht er dort die Zwölfgöttliche und Herzögliche Hohe Schule und durchläuft zunächst das zweijährige Trivium an der Horas-Schule. Grammatik, Rhetorik und Logik gehören damit ebenso zu seinem Alltag wie die Freiheiten, die das Leben fernab des elterlichen Hauses mit sich bringt.
Für das anschließende Quadrivium sieht seine Familie vor allem die Hesinde- und die Travia-Schule für ihn vor. Erstere entspricht der hesindegefälligen Tradition des Hauses ya Satara, während ihm das Studium der Haus- und Handelswirtschaft an der Travia-Schule Kenntnisse vermitteln soll, die ihm später bei den Geschäften der Familie von Nutzen sein können.
Talianos eigene Aufmerksamkeit gilt allerdings zunehmend einem anderen Teil der Universität. Die Rahja-Schule und insbesondere ihr Conservatorium haben es ihm angetan. Noch gehört die Musiklehre nicht zu seinem offiziellen Studium, doch Taliano findet erstaunlich häufig einen Grund, sich dort aufzuhalten. Musik, Gesang und Schauspiel vermögen seinen Ehrgeiz weit zuverlässiger zu wecken als manche Pflichtveranstaltung der Horas-Schule.
Dabei ist Taliano keineswegs unbegabt oder grundsätzlich faul. Was ihn begeistert, verfolgt er mit bemerkenswerter Ausdauer und Hingabe. Allein zwischen dem, was seine Familie für eine sinnvolle Beschäftigung hält, und dem, wofür Taliano selbst seine Zeit aufzuwenden bereit ist, besteht bisweilen ein nicht unerheblicher Unterschied.
